VORBERICHT DIEJENIGEN, DENEN etwann daran gelegen sein möchte, sich der Wahrheit der bei dieser Geschichte zum Grunde liegenden Tatsachen und charakteristischen Züge zu vergewissern, können - wofern sie nicht Lust haben, solche in den Quellen selbst, nämlich in den Werken eines Herodot, Diogenes Laertius, Athenäus, Aelian, Plutarch, Lucian, Paläphatus, Cicero, Horaz, Petron, Juvenal, Valerius, Gellius, Solinus, u.a. aufzusuchen, - sich aus den Artikeln Abdera und Demokritus in dem Baylischen Wörterbuche überzeugen, daß diese Abderiten nicht unter die wahren Geschichten im Geschmacke der Lucianischen gehören. Sowohl die Abderiten, als ihr gelehrter Mitbürger Demokrit, erscheinen hier in ihrem wahren Lichte: und wiewohl der Verfasser, bei Ausfüllung der Lücken, Aufklärung der dunkeln Stellen, Hebung der wirklichen und Vereinigung der scheinbaren Widersprüche, die man in den vorbemeldeten Schriftstellern findet, nach unbekannten Nachrichten gearbeitet zu haben scheint; so werden doch scharfsinnige Leser gewahr werden, daß er in allem diesem einem Gewährsmanne gefolgt ist, dessen Ansehen alle Aeliane und Athenäen zu Boden wiegt, und gegen dessen einzelne Stimme das Zeugnis einer ganzen Welt, und die Entscheidung aller Amphiktyionen, Areopagiten, Decemvirn, Centumvirn und Ducentumvirn, auch Doktoren, Magistern und Baccalaureen, samt und sonders ohne Wirkung ist, nämlich der Natur selbst. Sollte man dieses kleine Werk als einen, wiewohl geringen, Beitrag zur Geschichte des menschlichen Verstandes ansehen wollen: so läßt sichs der Verfasser sehr wohl gefallen; glaubt aber, daß es auch unter diesem so vornehm klingenden Titel weder mehr noch weniger sei, als was alle Geschichtbücher sein müssen, wenn sie nicht sogar unter die schöne Melusine herab sinken, und mit dem schalsten aller Märchen der Dame D'Aulnoy in einerlei Rubrik geworfen werden wollen. Erstes Buch DEMOKRITUS UNTER DEN ABDERITEN. 1. KAPITEL Vorläufige Nachrichten vom Ursprung der Stadt Abdera und dem Charakter ihrer Einwohner. DAS ALTERTUM der Stadt Abdera in Thracien verliert sich in der fabelhaften Heldenzeit. Auch kann es uns sehr gleichgültig sein, ob sie ihren Namen von Abdera, einer Schwester des berüchtigten Diomedes, Königs der Bistonischen Thracier, - welcher ein so großer Liebhaber von Pferden war, und deren so viele hielt, daß er und sein Land endlich von seinen Pferden aufgefressen wurde*, - oder von Abderus, einem Stallmeister dieses Königs, oder von einem andern Abderus, der ein Liebling des Herkules gewesen sein soll, empfangen habe. Abdera war, einige Jahrhunderte nach ihrer ersten Gründung, vor Alter wieder zusammen gefallen: als Timesius von Klazomene, um die Zeit der einunddreißigsten Olympiade, es unternahm, sie wieder aufzubauen. Die wilden Thracier, welche keine Städte in ihrer Nachbarschaft aufkommen lassen wollten, ließen ihm nicht Zeit, die Früchte seiner Arbeit zu genießen. Sie trieben ihn wieder fort, und Abdera blieb unbewohnt und unvollendet, bis (ungefähr um das Ende der neunundfunfzigsten Olympiade) die Einwohner der lonischen Stadt Teos - weil sie keine Lust hatten, sich dem Eroberer Cyrus zu unterwerfen - zu Schiffe gingen, nach Thracien segelten, und, da sie in einer der fruchtbarsten Gegenden desselben dieses Abdera schon gebauet fanden, sich dessen als einer verlassenen und niemanden zugehörigen Sache bemächtigten, auch sich darin gegen die Thracischen Barbaren so gut behaupteten, daß sie und ihre Nachkommen von nun an Abderiten hießen, und einen kleinen Freistaat ausmachten, der (wie die meisten Griechischen Städte) ein zweideutiges Mittelding von Demokratie und Aristokratie war, und regiert wurde - wie kleine und große Republiken von jeher regiert worden sind. «Wozu (rufen unsre Leser) diese Deduktion des Ursprungs und der Schicksale der Stadt Abdera in Thracien? Was kümmert uns Abdera? Was liegt uns daran, zu wissen oder nicht zu wissen, wann, wie, wo, warum, von wem, und zu was Ende eine Stadt, welche längst nicht mehr in der Welt ist, erbaut worden sein mag?» Geduld! günstige Leser, Geduld, bis wir, eh ich weiter forterzähle, über unsre Bedingungen einig sind. Verhüte der Himmel, daß man euch zumuten sollte die Abderiten zu lesen, wenn ihr gerade was nötigeres zu tun oder was besseres zu lesen habt! - «Ich muß auf eine Predigt studieren. Ich habe Kranke zu besuchen. - Ich hab ein Gutachten, einen Bescheid, eine Läuterung, einen untertänigsten Bericht zu machen. - Ich muß rezensieren. - Mir fehlen noch sechzehn Bogen an den vier Alphabeten, die ich meinem Verleger binnen acht Tagen liefern muß. - Ich hab ein Joch Ochsen gekauft. - Ich hab ein Weib genommen.» - In Gottes Namen! Studiert, besucht, referiert, rezensiert, übersetzt, kauft und freiet! - Beschäftigte Leser sind selten gute Leser. Bald gefällt ihnen alles, bald nichts; bald verstehen sie uns halb, bald gar nicht, bald (was noch schlimmer ist) unrecht. Wer mit Vergnügen und Nutzen lesen will, muß gerade sonst nichts andres zu tun noch zu denken haben. Und wenn ihr euch in diesem Falle befindet: warum solltet ihr nicht zwei oder drei Minuten daran wenden wollen, etwas zu wissen, was einem Salmasius, einem Bayle, - und, um aufrichtig zu sein, mir selbst (weil mir nicht zu rechter Zeit einfiel, den Artikel Abdera im Bayle nachzuschlagen) eben so viele Stunden gekostet hat? Würdet ihr mir doch geduldig zugehört haben, wenn ich euch die Historie vom König in Böhmenland, der sieben Schlösser hatte, zu erzählen angefangen hätte. Die Abderiten also hätten (dem zufolge, was bereits von ihnen gemeldet worden ist) ein so feines, lebhaftes, witziges und kluges Völkchen sein sollen, als jemals eines unter der Sonne gelebt hat. «Und warum dies?» Diese Frage wird uns vermutlich nicht von den gelehrten unter unsern Lesern gemacht. Aber, wer wollte auch Bücher schreiben, wenn alle Leser so gelehrt wären als der Autor? Die Frage warum dies? ist allemal eine sehr vernünftige Frage. Sie verdient, wo die Rede von menschlichen Dingen ist (mit den göttlichen ists ein anderes), allemal eine Antwort; und wehe dem, der verlegen oder beschämt oder ungehalten wird, wenn er sich auf warum dies? vernehmen lassen soll! Wir unsers Orts würden die Antwort ungefordert gegeben haben, wenn die Leser nicht so hastig gewesen wären. Hier ist sie! Teos war eine Athenische Kolonie, von den zwölfen oder dreizehn eine, welche unter Anführung des Neleus, Kodrus Sohns, in Ionien gepflanzt wurden. Die Athener waren von jeher ein muntres und geistreiches Volk, und sind es noch, wie man sagt. Athener, nach Ionien versetzt, gewannen unter dem schönen Himmel, der dieses von der Natur verzärtelte Land umfließt, wie Burgunder Reben durch Verpflanzung aufs Vorgebirge der guten Hoffnung. Vor allen andern Völkern des Erdbodens waren die Ionischen Griechen die Günstlinge der Musen. Homer selbst war, der größten Wahrscheinlichkeit nach, ein Ionier. Die erotischen Gesänge, die Milesischen Fabeln (die Vorbilder unsrer Novellen und Romane) erkennen Ionien für ihr Vaterland. Der Horaz der Griechen, Alcäus, die glühende Sappho, Anakreon, der Sänger - Aspasia, die Lehrerin - Apelles, der Maler der Grazien, waren aus Ionien; Anakreon war sogar ein geborener Teier. Dieser letzte mochte etwa ein Jüngling von achtzehn Jahren sein, (wenn anders Barnes recht gerechnet hat) als seine Mitbürger nach Abdera zogen. Er zog mit ihnen; und zum Beweise, daß er seine den Liebesgöttern geweihte Leier nicht zurückgelassen, sang er dort das Lied an ein Thracisches Mädchen, (in Barnesens Ausgabe das einundsechzigste) worin ein gewisser wilder Thracischer Ton gegen die Ionische Grazie, die seinen Liedern eigen ist, auf eine ganz besondere Art absticht. Wer sollte nun nicht denken, die Teier - in ihrem ersten Ursprung Athener - so lange Zeit in Ionien einheimisch - Mitbürger eines Anakreon - sollten auch in Thracien den Charakter eines geistreichen Volkes behauptet haben? Allein (was auch die Ursache davon gewesen sein mag) das Gegenteil ist außer Zweifel. Kaum wurden die Tejer zu Abderiten, so schlugen sie aus der Art. Nicht daß sie ihre vormalige Lebhaftigkeit ganz verloren und sich in Schöpse verwandelt hätten, wie Juvenal sie ungerechter Weise beschuldigt. Ihre Lebhaftigkeit nahm nur eine wunderliche Wendung; denn ihre Einbildung gewann einen so großen Vorsprung über ihre Vernunft, daß es dieser niemals wieder möglich war, sie einzuholen. Es mangelte den Abderiten nie an Einfällen: aber selten paßten ihre Einfälle auf die Gelegenheit wo sie angebracht wurden, oder kamen erst wenn die Gelegenheit vorbei war. Sie sprachen viel, aber immer ohne sich einen Augenblick zu bedenken, was sie sagen wollten, oder wie sie es sagen wollten. Die natürliche Folge hiervon war, daß sie selten den Mund auftaten, ohne etwas albernes zu sagen. Zum Unglück erstreckte sich diese schlimme Gewohnheit auch auf ihre Handlungen; denn gemeiniglich schlossen sie den Käfig erst, wenn der Vogel entflogen war. Dies zog ihnen den Vorwurf der Unbesonnenheit zu; aber die Erfahrung bewies, daß es ihnen nicht besser ging wenn sie sich besannen. Machten sie (welches sich ziemlich oft zutrug) irgend einen sehr dummen Streich, so kam es immer daher, weil sie es gar zu gut machen wollten; und wenn sie in den Angelegenheiten ihres gemeinsamen Wesens recht lange und ernstliche Beratschlagungen hielten, so konnte man sicher darauf rechnen, daß sie unter allen möglichen Entschließungen die schlechteste ergreifen würden. Sie wurden endlich zum Sprichwort unter den Griechen. Ein Abderitischer Einfall, ein Abderitenstückchen, war bei diesen ungefähr, was bei uns ein Schildbürger- oder bei den Helvetiern ein Lalleburgerstreich ist; und die guten Abderiten ermangelten nicht, die Spötter und Lacher reichlich mit sinnreichen Zügen dieser Art zu versehen. Für itzt mögen davon nur ein paar Beispiele zur Probe dienen. Einsmals fiel ihnen ein, daß eine Stadt wie Abdera billig auch einen schönen Brunnen haben müsse. Er sollte in die Mitte ihres großen Marktplatzes gesetzt werden, und zu Bestreitung der Kosten wurde eine neue Auflage gemacht. Sie ließen einen berühmten Bildhauer von Athen kommen, um eine Gruppe von Statuen zu verfertigen, welche den Gott des Meeres auf einem von vier Seepferden gezogenen Wagen, mit Nymphen, Tritonen und Delphinen umgeben, vorstellte. Die Seepferde und Delphinen sollten eine Menge Wassers aus ihren Nasen hervor spritzen. Aber wie alles fertig stand, fand sich daß kaum Wasser genug da war, um die Nase eines einzigen Delphins zu befeuchten; und als man das Werk spielen ließ, sah es nicht anders aus, als ob alle diese Seepferde und Delphinen den Schnupfen hätten. Um nicht ausgelacht zu werden, ließen sie also die ganze Gruppe in den Tempel des Neptuns bringen; und so oft man sie einem Fremden wies, bedauerte der Küster sehr ernsthaft im Namen der löblichen Stadt Abdera, daß ein so herrliches Kunstwerk aus Kargheit der Natur unbrauchbar bleiben müsse. Ein andermal erhandelten sie eine sehr schöne Venus von Elfenbein, die man unter die Meisterstücke des Praxiteles zählte. Sie war ungefähr fünf Fuß hoch, und sollte auf einen Altar der Liebesgöttin gestellt werden. Als sie angelangt war, geriet ganz Abdera in Entzücken über die Schönheit ihrer Venus; denn die Abderiten gaben sich für feine Kenner und schwärmerische Liebhaber der Künste aus. «Sie ist zu schön, (riefen sie einhellig) um auf einem niedrigen Platze zu stehen; ein Meisterstück, das der Stadt so viel Ehre macht und so viel Geld gekostet hat, kann nicht zu hoch aufgestellt werden; sie muß das Erste sein, was den Fremden beim Eintritt in Abdera in die Augen fällt.» Diesem glücklichen Gedanken zufolge stellten sie das kleine niedliche Bild auf einen Obelisk von achtzig Fuß; und wiewohl es nun unmöglich war zu erkennen, ob es eine Venus oder eine Austernymphe vorstellen sollte, so nötigten sie doch alle Fremden zu gestehen, daß man nichts vollkommneres sehen könne. Uns dünkt, diese Beispiele beweisen schon hinlänglich, daß man den Abderiten kein Unrecht tat, wenn man sie für warme Köpfe hielt. Aber wir zweifeln, ob sich ein Zug denken läßt, der ihren Charakter stärker zeichnen könnte als dieser: daß sie (nach dem Zeugnisse des Justinus) die Frösche in und um ihre Stadt dergestalt überhand nehmen ließen, daß sie endlich selbst genötiget wurden, ihren quäkenden Mitbürgern Platz zu machen, und, bis zu Austrag der Sache, sich unter dem Schutze des Königs Kassander von Macedonien an einen dritten Ort zu begeben. Dies Unglück befiel die Abderiten nicht ungewarnt. Ein weiser Mann, der sich unter ihnen befand, sagte ihnen lange zuvor, daß es endlich so kommen würde. Der Fehler lag in der Tat bloß an den Mitteln, wodurch sie dem Übel steuern wollten; wiewohl sie nie dazu gebracht werden konnten dies einzusehen. Was ihnen gleichwohl die Augen hätte öffnen sollen, war: daß sie kaum etliche Monate von Abdera weggezogen waren, als eine Menge von Kranichen aus der Gegend von Geranien ankam, und ihnen alle ihre Frösche so rein wegputzte, daß eine Meile rings um Abdera nicht Einer übrig blieb, der dem wieder kommenden Frühling Brekekek Koax Koax entgegen gesungen hätte. * Paläphatus in seinem Buche von Unglaublichen Dingen erklärt auf diese Weise die Fabel, daß dieser Fürst seine Pferde mit Menschenfleisch gefüttert habe, und ihnen endlich selbst von Herkules zur Speise vorgeworfen worden sei. (Zurück) 2. KAPITEL Demokritus von Abdera. Ob und wie viel seine Vaterstadt berechtigt war, sich etwas auf ihn einzubilden. KEINE LUFT ist so dick, kein Volk so dumm, kein Ort so unberühmt, daß nicht zuweilen ein großer Mann daraus hervor gehen sollte, sagt Juvenal. Pindar und Epaminondas wurden in Böotien geboren, Aristoteles zu Stagira, Cicero zu Arpinum, Virgil im Dörfchen Andes bei Mantua, Albertus Magnus zu Lauingen, Martin Luther zu Eisleben, Sixtus der Fünfte im Dorfe Montalto in der Mark Ancona, und einer der besten Könige, die jemals gewesen sind, zu Pau in Bearn. Was Wunder, wenn auch Abdera, zufälliger Weise, die Ehre hatte, daß der größte Naturforscher des Altertums, Demokritus, in ihren Mauern das Leben empfing! Ich sehe nicht, wie ein Ort sich eines solchen Umstandes bedienen kann, um Ansprüche an den Ruhm eines großen Mannes zu machen. Wer geboren werden soll, muß irgendwo geboren werden: das übrige nimmt die Natur auf sich; und ich zweifle sehr, ob, außer dem Lykurgus, ein Gesetzgeber gewesen, der seine Fürsorge bis auf den Homunculus ausgedehnt, und alle mögliche Vorkehrungen getroffen hätte, damit dem Staate wohl organisierte, schöne und seelenvolle Kinder geliefert würden. Wir müssen gestehen, in dieser Rücksicht hatte Sparta einiges Recht, auf die Vorzüge seiner Bürger stolz zu sein. Aber in Abdera (wie beinahe in der ganzen Welt) ließ man den Zufall und den Genius walten, - natale comes qui temperat astrum; und wenn ein Protagoras* oder Demokritus aus ihrem Mittel entsprang, so war die gute Stadt Abdera gewiß eben so unschuldig daran, als Lykurgus und seine Gesetze, wenn in Sparta ein Dummkopf oder eine Memme geboren wurde. Diese Nachlässigkeit, wiewohl sie eine dem Staat äußerst angelegene Sache betrifft, möchte noch immer hingehen. Die Natur, wenn man sie nur ungestört arbeiten läßt, macht meistens alle weitere Fürsorge für das Geraten ihrer Werke überflüssig. Aber wiewohl sie selten vergißt, ihr Lieblingswerk mit allen den Fähigkeiten auszurüsten, durch welche ein vollkommener Mensch ausgebildet werden könnte; so ist doch eben diese Ausbildung das, was sie der Kunst überläßt; und es bleibt also jedem Staate noch Gelegenheit genug übrig, sich ein Recht an die Vorzüge und Verdienste seiner Mitbürger zu erwerben. Allein auch hierin ließen die Abderiten sehr viel an ihrer Klugheit zu vermissen übrig; und man hätte schwerlich einen Ort finden können, wo für die Bildung des innern Gefühls, des Verstandes und des Herzens der künftigen Bürger weniger gesorgt worden wäre. Die Bildung des Geschmacks, d.i. eines feinen, richtigen und gelehrten Gefiihls alles Schönen, ist die beste Grundlage zu jener berühmten Sokratischen Kalokagathie oder innerlichen Schönheit und Güte der Seele, welche den liebenswürdigen, edelmütigen, wohltätigen und glücklichen Menschen macht. Und nichts ist geschickter, dieses richtige Gefühl des Schönen in uns zu bilden, als - wenn alles, was wir von Kindheit an sehen und hören, schön ist. In einer Stadt, wo die Künste der Musen in der größten Vollkommenheit getrieben werden, in einer mit Meisterstücken der bildenden Künste angefüllten Stadt, in einem Athen geboren zu sein, ist daher allerdings kein geringer Vorteil; und wenn die Athener zu Platons und Menanders Zeiten mehr Geschmack hatten als tausend andere Völker, so hatten sie es unstreitig ihrem Vaterlande zu danken. Abdera führte in einem Griechischen Sprichworte (über dessen Verstand die Gelehrten, nach ihrer Gewohnheit, nicht einig sind) den Beinamen, womit Florenz unter den Italiänischen Städten prangt - die Schöne. Wir haben schon bemerkt, daß die Abderiten Enthusiasten der schönen Künste waren; und in der Tat, zur Zeit ihres größten Flors, das ist, eben damals, da sie auf einige Zeit den Fröschen Platz machen mußten, war ihre Stadt voll prächtiger Gebäude, reich an Malereien und Bildsäulen, mit einem schönen Theater und Musiksaal versehen, kurz, ein zweites Athen - bloß den Geschmack ausgenommen. Denn zum Unglück erstreckte sich die wunderliche Laune, von welcher wir oben gesprochen haben, auch auf ihre Begriffe vom Schönen und Anständigen. Latona, die Schutzgöttin ihrer Stadt, hatte den schlechtesten Tempel; Jason, der Anführer der Argonauten, hingegen (dessen goldenes Vlies sie zu besitzen vorgaben) den prächtigsten. Ihr Rathaus sah wie ein Magazin aus, und unmittelbar vor dem Saale, wo die Angelegenheiten des Staats erwogen wurden, hatten alle Kräuter-, Obst- und Eierweiber von Abdera ihre Niederlage. Hingegen ruhte das Gymnasium, worin sich ihre Jugend im Ringen und Fechten übte, auf einer dreifachen Säulenreihe. Der Fechtsaal war mit lauter Schildereien von Beratschlagungen und mit Statuen in ruhigen und tiefsinnigen Stellungen ausgeziert**. Dafür aber stellte das Rathaus den Vätern des Vaterlandes eine desto reizendere Augenweide dar. Denn wohin sie in dem Saal ihrer gewöhnlichen Sitzungen ihre Augen warfen, glänzten ihnen schöne nackende Kämpfe, oder badende Dianen und schlafende Bacchanten entgegen; und Venus mit ihrem Buhler, im Netze Vulkans allen Einwohnern des Olymps zur Schau ausgestellt, (ein großes Stück, welches dem Sitze des Archons gegenüber hing) wurde den Fremden mit einem Triumphe gezeigt, der den ernsten Phocion selbst genötiget hätte, zum ersten Mal in seinem Leben zu lachen. Der König Lysimachus (sagten sie) habe ihnen sechs Städte und ein Gebiet von vielen Meilen dafür angeboten: aber sie hätten sich nicht entschließen können, ein so herrliches Stück hinzugeben, zumal da es gerade die Höhe und Breite habe, um eine ganze Seite der Ratsstube einzunehmen; und überdies habe einer ihrer Kunstrichter in einem weitläufigen, mit großer Gelehrsamkeit angefüllten Werke die Beziehung des allegorischen Sinnes dieser Schilderei auf den Platz, wo sie stehe, sehr scharfsinnig dargetan. Wir würden nicht fertig werden, wenn wir alle Unschicklichkeiten, wovon diese wundervolle Republik wimmelte, berühren wollten. Aber noch eine können wir nicht vorbei gehen, weil sie einen wesentlichen Zug ihrer Verfassung betrifft, und keinen geringen Einfluß auf den Charakter der Abderiten hatte. In den ältesten Zeiten der Stadt war, vermutlich einem Orphischen Institut zufolge, der Nomophylax oder Beschirmer der Gesetze (eine der obersten Magistratspersonen) zugleich Vorsänger bei den gottesdienstlichen Chören und Oberaufseher über das Musikwesen. Dies hatte damals seinen guten Grund. Allein mit der Länge der Zeit ändern sich die Gründe der Gesetze; diese werden alsdann durch buchstäbliche Erfüllung lächerlich, und müssen also nach den veränderten Umständen umgegossen werden. Aber eine solche Betrachtung kam nicht in Abderitische Köpfe. Es hatte sich öfters zugetragen, daß ein Nomophylax erwählt wurde, der zwar die Gesetze ganz leidlich beschirmte, aber entweder schlecht sang, oder gar nichts von der Musik verstand. Was hatten die Abderiten zu tun? Nach häufigen Beratschlagungen machten sie endlich die Verordnung: Der beste Sänger aus Abdera sollte hinfür allezeit auch Nomophylax sein; und dabei blieb es so lange Abdera stand. Daß der Nomophylax und der Vorsänger zwei verschiedene Personen sein könnten, war in zwanzig öffentlichen Beratschlagungen keiner Seele eingefallen. Es ist leicht zu erachten, daß die Musik bei so bewandten Sachen zu Abdera in großer Achtung stehen mußte. Alles in dieser Stadt war musikalisch; alles sang, flötete und leierte. Ihre Sittenlehre und Politik, ihre Theologie und Kosmologie, war auf musikalische Grundsätze gebaut; ja, ihre Ärzte heilten sogar die Krankheiten durch Tonarten und Melodien. So weit scheint ihnen, was die Spekulation betrifft, das Ansehen der größten Weisen des Altertums, eines Orpheus, Pythagoras und Plato, zustatten zu kommen. Aber in der Ausübung entfernten sie sich desto weiter von der Strenge dieser Philosophen. Plato verweist alle sanften und weichlichen Tonarten aus seiner Republik; die Musik soll seinen Bürgern weder Freude noch Traurigkeit einflößen; er verbannt mit den Ionischen und Lydischen Harmonien alle Trink- und Liebeslieder; ja die Instrumente selbst scheinen ihm so wenig gleichgültig, daß er vielmehr die vielsaitigen und die Lydische Flöte als gefährliche Werkzeuge der Üppigkeit ausmustert, und seinen Bürgern nur die Leier und die Cither, so wie den Hirten und dem Landvolke nur die Rohrpfeife, gestattet. So streng philosophierten die Abderiten nicht. Keine Tonart, kein Instrument war bei ihnen ausgeschlossen, und - einem sehr wahren, aber sehr oft von ihnen mißverstandenen Grundsatze zufolge - behaupteten sie: daß man alle ernsthaften Dinge lustig, und alle lustigen ernsthaft behandeln müsse. Die Ausdehnung dieser Maxime auf die Musik brachte bei ihnen die widersinnigsten Wirkungen hervor. Ihre gottesdienstlichen Gesänge klangen wie Gassenlieder; allein dafür konnte man nichts feierlicheres hören, als die Melodie ihrer Tänze. Die Musik zu einem Trauerspiele war gemeiniglich komisch; hingegen klangen ihre Kriegslieder so schwermütig, daß sie sich nur für Leute schickten die an den Galgen gehen. Ein Leierspieler wurde in Abdera nur dann für vortrefflich gehalten, wenn er die Saiten so zu rühren wußte, daß man eine Flöte zu hören glaubte; und eine Sängerin mußte, um bewundert zu werden, gurgeln und trillern wie eine Nachtigall. Die Abderiten hatten keinen Begriff davon, daß die Musik nur in so fern Musik ist, als sie das Herz rührt; sie waren über und über glücklich, wenn nur ihre Ohren gekitzelt, oder wenigstens mit nichts sagenden, aber vollen und oft abwechselnden Harmonien gestopft wurden. Diese Widersinnigkeit erstreckte sich über alle Gegenstände des Geschmacks; oder, richtiger zu reden, mit aller ihrer Schwärmerei für die Künste hatten die Abderiten gar keinen Geschmack; und es ahndete ihnen nicht einmal, daß das Schöne aus einem höhern Grunde schön sei, als weil es ihnen so beliebte. Indessen konnten gleichwohl Natur, Zufall und gutes Glück mit zusammen gesetzten Kräften einmal so viel zuwege bringen, daß ein geborner Abderit Menschenverstand bekam. Aber wenigstens muß man gestehen, wenn sich so etwas begab, so hatte Abdera nichts dabei geholfen. Denn ein Abderit war ordentlicher Weise nur in so fern klug als er kein Abderit war; - ein Umstand, der uns ohne Mühe begreifen läßt, warum die Abderiten immer von demjenigen unter ihren Mitbürgern, der ihnen in den Augen der Welt am meisten Ehre machte, am wenigsten hielten. Dies war keine ihrer gewöhnlichen Widersinnigkeiten. Sie hatten eine Ursache dazu, die so natürlich ist, daß es unbillig wäre, sie ihnen zum Vorwurf zu machen. Diese Ursache war nicht, (wie einige sich einbilden) weil sie z. B. den Naturforscher Demokrit - lange zuvor eh er ein großer Mann war - mit dem Kreisel spielen, oder auf einem Grasplatze Burzelbäume machen gesehen hatten - Auch nicht, weil sie aus Neid oder Eifersucht nicht leiden konnten, daß einer aus ihrem Mittel klüger sein sollte als sie. Denn - bei der untrüglichen Aufschrift der Pforte des Delphischen Tempels! - dies zu denken hatte kein einziger Abderit Weisheit genug, oder er würde von dem Augenblick an kein Abderit mehr gewesen sein. Der wahre Grund, meine Freunde, warum die Abderiten aus ihrem Mitbürger Demokrit nicht viel machten, war dieser: weil sie ihn für - keinen weisen Mann hielten. «Warum das nicht?» Weil sie nicht konnten. «Und warum konnten sie nicht?» Weil sie sich alsdann selbst für Dummköpfe hätten halten müssen. Und dies zu tun waren sie gleichwohl nicht widersinnig genug. Auch hätten sie eben so leicht auf dem Kopfe tanzen, oder den Mond mit den Zähnen fassen, oder den Zirkel quadrieren können, als einen Menschen, der in allem ihr Gegenfüßler war, für einen weisen Mann halten. Dies folgt aus einer Eigenschaft der menschlichen Natur, die schon zu Adams Zeiten bemerkt worden sein muß, und gleichwohl, da Helvetius daraus folgerte - was daraus folgt, vielen ganz neu vorkam; die seit dieser Zeit niemanden mehr neu ist, und dennoch im Leben - alle Augenblicke vergessen wird. * Ein berühmter Sophist von Abdera, (etwas älter als Demokritus) welchen Cicero dem Hippias, Prodicus, Gorgias, und also den größten Männern seiner Profession, an die Seite setzt. (Zurück) ** Was hier von den Abderiten gesagt wird, erzählen andere alte Schriftsteller von der Stadt Alabandus. S. Coel. Rhodog. Lect. Ant. L. XXVI. Cap. 25 (Zurück) 3. KAPITEL Was Demokrit für ein Mann war. Seine Reisen. Er kommt nach Abdera zurück. Was er mitbringt, und wie er aufgenommen wird. Ein Examen, das sie mit ihm vornehmen, welches zugleich eine Probe einer Abderitischen Konversation ist. DEMOKRIT - ich denke nicht, dass es Sie gereuen wird, den Mann näher kennen zu lernen. Demokrit war ungefähr zwanzig Jahre alt, als er seinen Vater, einen der reichsten Bürger von Abdera, beerbte. Anstatt nun darauf zu denken, wie er seinen Reichtum erhalten oder vermehren, oder auf die angenehmste oder lächerlichste Art durchbringen wollte, entschloß sich der junge Mensch, solchen zum Mittel - der Vervollkommnung seiner Seele zu machen. «Aber was sagten die Abderiten zum Entschlusse des jungen Demokrit?» Die guten Leute hatten sich nie träumen lassen, daß die Seele ein anderes Interesse habe, als der Magen, der Bauch und die übrigen integranten Teile des sichtbaren Menschen. Also mag ihnen freilich diese Grille ihres Landsmannes wunderlich genug vorgekommen sein. Allein, dies war nun gerade was er sich am wenigsten anfechten ließ. Er ging seinen Weg fort, und brachte viele Jahre mit gelehrten Reisen durch alle festen Länder und Inseln zu, die man damals bereisen konnte. Denn wer zu seiner Zeit weise werden wollte, mußte mit eignen Augen sehen. Es gab noch keine Buchdruckereien, keine Journale, Bibliotheken, Magazine, Enzyklopädien, Realwörterbücher, Almanache, und wie alle die Werkzeuge heißen, mit deren Hülfe man itzt, ohne zu wissen wie, ein Philosoph, ein Naturkundiger, ein Kunstrichter, ein Autor, ein Alleswisser wird. Damals war die Weisheit so teuer, und noch teurer als - die schöne Lais. Nicht jedermann konnte nach Korinth reisen. Die Anzahl der Weisen war sehr klein; aber die es waren, waren es auch desto mehr. Demokrit reiste nicht bloß um der Menschen Sitten und Verfassungen zu beschauen, wie Ulysses; nicht bloß um Priester und Geisterseher aufzusuchen, wie Apollonius; oder um Tempel, Statuen, Gemälde und Altertümer zu begucken, wie Pausanias; oder um Pflanzen und Tiere abzuzeichnen und unter Klassen zu bringen, wie Doktor Solander: sondern er reiste, um Natur und Kunst in allen ihren Wirkungen und Ursachen, den Menschen in seiner Nacktheit und in allen seinen Einkleidungen und Verkleidungen, roh und bearbeitet, bemalt und unbemalt, ganz und verstümmelt, und die übrigen Dinge in allen ihren Beziehungen auf den Menschen, kennen zu lernen. «Die Raupen in Äthiopien (sagte Demokrit) sind freilich nur - Raupen. Was ist eine Raupe, um das erste, angelegenste, einzige Studium eines Menschen zu sein? Aber da wir nun einmal in Äthiopien sind, so sehen wir uns immer, nebenher, auch nach den Äthiopischen Raupen um. Es gibt eine Raupe im Lande der Seren, welche Millionen Menschen kleidet und nährt: wer weiß ob es nicht auch am Niger nützliche Raupen gibt?» Mit dieser Art zu denken hatte Demokrit auf seinen Reisen einen Schatz von Wissenschaft gesammelt, der in seinen Augen alles Gold in den Schatzkammern der Könige von Indien und alle Perlen an den Hälsen und Armen ihrer Weiber wert war. Er kannte von der Ceder Libanons bis zum Schimmel eines Arkadischen Käses eine Menge von Bäumen, Stauden, Kräutern, Gräsern und Moosen; nicht etwa bloß nach ihrer Gestalt und nach ihren Namen, Geschlechtern und Arten; er kannte auch ihre Eigenschaften, Kräfte und Tugenden. Aber, was er tausendmal höher schätzte als alle seine übrigen Kenntnisse, er hatte allenthalben, wo er es der Mühe wert fand sich aufzuhalten, die Weisesten und die Besten kennen gelernt. Es hatte sich bald gezeigt, daß er ihres Geschlechtes war. Sie waren also seine Freunde geworden, hatten sich ihm mitgeteilt, und ihm dadurch die Mühe erspart, eignen Fleißes, Jahre lang und vielleicht doch vergebens, zu suchen, was sie mit Aufwand und Mühe, oder auch wohl nur glücklicher Weise, schon gefunden hatten. Bereichert mit allen diesen Schätzen des Geistes und Herzens kam Dernokrit, nach einer Reise von zwanzig Jahren, zu den Abderiten zurück, die seiner beinahe vergessen hatten. Er war ein feiner stattlicher Mann; höflich und abgeschliffen, wie ein Mann, der mit mancherlei Arten von Erdensöhnen umzugehen gelernt hat, zu sein pflegt; ziemlich braungelb von Farbe; kam von den Enden der Welt, und hatte ein ausgestopftes Krokodill, einen lebendigen Affen, und viele andere sonderbare Sachen mitgebracht. Die Abderiten sprachen etliche Tage von nichts anderm, als von ihrem Mitbürger Demokrit, der wieder gekommen war und Affen und Krokodille mitgebracht hatte. Allein in kurzer Zeit zeigte sichs, daß sie sich in ihrer Meinung von einem so weit gereiseten Manne sehr verrechnet hatten. Demokrit war von den wackern Männern, denen er indessen die Besorgung seiner Güter anvertraut hatte, um die Hälfte betrogen worden, und gleichwohl unterschrieb er ihre Rechnungen ohne Widerrede. Natürlicher Weise mußte dies der guten Meinung von seinem Verstande den ersten Stoß geben. Die Advokaten und Richter wenigstens, die sich zu einem einträglichen Prozesse Hoffnung gemacht hatten, merkten mit einem bedeutenden Achselzucken an, daß es bedenklich sein würde, einem Manne der seinem eigenen Hause so schlecht vorstehe, das gemeine Wesen anzuvertrauen. Indessen zweifelten die Abderiten nicht, daß er sich nun unter die Mitwerber um ihre vornehmsten Ehrenämter stellen würde. Sie berechneten schon, wie hoch sie ihm ihre Stimme verkaufen wollten; gaben ihm eine Tochter, Enkelin, Schwester, Nichte, Base, Schwägerin zur Ehe; überschlugen die Vorteile, die sie zur Erhaltung dieser oder jener Absicht von seinem Ansehen ziehen wollten, wenn er einmal Archon oder Priester der Latona sein würde, usw. Aber Demokrit erklärte sich, daß er weder ein Ratsherr von Abdera noch der Ehegemahl einer Abderitin sein wollte, und vereitelte dadurch abermal alle ihre Anschläge. Nun hoffte man wenigstens durch seinen Umgang in etwas entschädiget zu werden. Ein Mann, welcher Affen, Krokodille und zahme Drachen von seinen Reisen mitgebracht hatte, mußte eine ungeheure Menge Wunderdinge zu erzählen haben. Man erwartete, daß er von zwölf Ellen langen Riesen und von sechs Daumen hohen Zwergen, von Menschen mit Hunds- und Eselsköpfen, von Meerfrauen mit grünen Haaren, von weißen Negern und blauen Centauren sprechen würde. Aber Demokrit log so wenig, und in der Tat weniger, als ob er nie über den Thracischen Bosporus gekommen wäre. Man fragte ihn, ob er im Lande der Garamanten keine Leute ohne Kopf angetroffen habe, welche die Augen, die Nase und den Mund auf der Brust trügen? und ein Abderitischer Gelehrter (der, ohne jemals aus den Mauern seiner Stadt gekommen zu sein, sich die Miene gab, als ob kein Winkel des Erdbodens wäre den er nicht durchkrochen hätte) bewies ihm in großer Gesellschaft, daß er entweder nie in Äthiopien gewesen sei, oder dort notwendig mit den Agriophagen, deren König nur Ein Auge über der Nase hat, mit den Sambern, die allezeit einen Hund zu ihrem König erwählen, und mit den Artabatiten, die auf allen Vieren gehen, Bekanntschaft gemacht haben müsse. «Und wofern Sie bis in den äußersten Teil des abendländischen Äthiopien eingedrungen sind, (fuhr der gelehrte Mann fort) so bin ich gewiß, daß Sie ein Volk ohne Nasen angetroffen haben, und ein anderes, wo die Leute einen so kleinen Mund führen, daß sie ihre Suppe durch Strohhalmen einschlürfen müssen.»* Demokrit beteuerte bei Kastor und Pollux, daß er sich nicht erinnere diese Ehre gehabt zu haben. «Wenigstens», sagte jener, «haben Sie in Indien Menschen angetroffen, die nur ein einziges Bein auf die Welt bringen, aber dem ungeachtet wegen der außerordentlichen Breite ihres Fußes so geschwind auf dem Boden fortrutschen, daß man ihnen zu Pferde kaum nachkommen kann.** Und was sagten Sie dazu, wie Sie an der Quelle des Ganges ein Volk antrafen, das ohne alle andre Nahrung vom bloßen Geruche wilder Äpfel lebt?»*** «O erzählen Sie uns doch», riefen die schönen Abderitinnen, «erzählen Sie doch, Herr Demokrit! Was müßten Sie uns nicht erzählen können, wenn Sie nur wollten!» Demokrit schwor vergebens, daß er von allen diesen Wundermenschen in Äthiopien und Indien nichts gesehen noch gehört habe. «Aber was haben Sie denn gesehen», fragte ein runder dicker Mann, der zwar weder einäugig war wie die Agriophagen, noch eine Hundsschnauze hatte wie die Cymolgen, noch die Augen auf den Schultern trug wie die Omophthalmen, noch vom bloßen Geruche lebte wie die Paradiesvögel, aber doch gewiß nicht mehr Gehirn in seinem großen Schädel trug als ein Mexikanischer Kolibri, ohne darum weniger ein Ratsherr von Abdera zu sein - «Aber was haben Sie denn gesehen», sagte Wanst, «Sie, der zwanzig Jahre in der Welt herum gefahren ist, wenn Sie nichts von allem dem gesehen haben, was man in fernen Landen wunderbares sehen kann?» «Wunderbares?» versetzte Demokrit lächelnd. «Ich hatte so viel mit Betrachtung des Natürlichen zu tun, daß ich fürs Wunderbare keine Zeit übrig behielt.» «Nun, das gesteh ich», erwiderte Wanst: «das verlohnt sich auch der Mühe, alle Meere zu durchfahren und über alle Berge zu steigen, um nichts zu sehen als was man zu Hause eben so gut sehen konnte!» Demokrit zankte sich nicht gern mit den Leuten um ihre Meinungen, am allerwenigsten mit Abderiten; und gleichwohl wollt er auch nicht, daß es aussehen sollte als ob er gar nichts sagen könne. Er suchte unter den schönen Abderitinnen, die in der Gesellschaft waren, eine aus, an die er das richten könnte was er sagen wollte; und er fand eine mit zwei großen junonischen Augen, die ihn, trotz seiner physiognomischen Kenntnisse, verführten, ihrer Eigentümerin etwas mehr Verstand oder Empfindung zuzutrauen als den übrigen. «Was wollten Sie», sagte er zu ihr, «daß ich, zum Beispiel, mit einer Schönen, welche die Augen auf der Stirn oder am Ellbogen trüge, hätte anfangen sollen? Oder was würde mirs nun helfen, wenn ich noch so gelehrt in der Kunst wäre, das Herz einer - Menschenfresserin zu rühren? Ich habe mich immer zu wohl dabei befunden, mich der sanften Gewalt von zwei schönen Augen, die an ihrem natürlichen Platze stehen, zu überlassen, um jemals in Versuchung zu kommen, das große Stierauge auf der Stirn einer Cyklopin zärtlich zu sehen.» Die Schöne mit den großen Augen, zweifelhaft was sie aus dieser Anrede machen sollte, guckte dem Manne, der so sprach, mit stummer Verwunderung in den Mund, lächelte ihm ihre schönen Zähne vor, und sah sich zur rechten und linken Seite um, als ob sie den Verstand seiner Rede suchen wollte. Die übrigen Abderitinnen hatten zwar eben so wenig davon begriffen; weil sie aber aus dem Umstande, daß er sich gerade an die Großäugige gewendet hatte, schlossen, er habe ihr etwas schönes gesagt, so sahen sie einander jede mit einer eignen Grimasse an. Diese rümpfte eine kleine Stumpfnase, jene zog den Mund in die Länge, eine dritte spitzte den ihrigen, eine vierte riß ein Paar kleine Augen auf, eine fünfte brüstete sich mit zurück gezogenem Kopfe, usw. Demokrit sah es, erinnerte sich daß er in Abdera war und schwieg. * Solinus, C. XXX., auch Plinius, Mela, und andere Alte und Neuere, welche uns alle die Wundermenschen, von denen hier die Rede ist, für wirkliche Geschöpfe Gottes zu geben kein Bedenken tragen. (Zurück) ** Solinus aus dem Ktesias. (Zurück) *** Ebenderselbe. (Zurück) 4. KAPITEL Das Examen wird fortgesetzt, und verwandelt sich in eine Disputation über die Schönheit, wobei Demokriten sehr warm gemacht wird. SCHWEIGEN - ist zuweilen eine Kunst; aber doch nie eine so große, als uns gewisse Leute glauben machen wollen, die dann am klügsten sind wenn sie schweigen. Wenn ein weiser Mann sieht daß er es mit Kindern zu tun hat, warum sollt er sich zu weise dünken, nach ihrer Art mit ihnen zu reden? «Ich bin zwar (sagte Demokrit zu seiner neugierigen Gesellschaft) aufrichtig genug gewesen, zu gestehen, daß ich von allem, was man will daß ich gesehen haben sollte, nichts gesehen habe: aber bilden Sie sich darum nicht ein, daß mir auf so vielen Reisen zu Wasser und zu Lande gar nichts aufgestoßen sei, das Ihre Neubegierde befriedigen könnte. Glauben Sie mir, es sind Dinge darunter, die Ihnen vielleicht noch wunderbarer vorkommen würden, als diejenigen wovon die Rede war.» Bei diesen Worten rückten die schönen Abderitinnen näher und spitzten Mund und Ohren. «Das ist doch ein Wort von einem gereisten Manne», rief der kurze dicke Ratsherr. Des Gelehrten Stirn entrunzelte sich durch die Hoffnung, daß er etwas zu tadeln und zu verbessern bekommen würde, Demokrit möchte auch sagen was er wollte. «Ich befand mich einst in einem Lande», fing unser Mann an, «wo es mir so wohl gefiel, daß ich in den ersten drei oder vier Tagen, die ich darin zubrachte, unsterblich zu sein wünschte, um ewig darin zu leben.» «Ich bin nie aus Abdera gekommen», sagte der Ratsmann; «aber ich dachte immer, daß es keinen Ort in der Welt gäbe, wo es mir besser gefallen könnte als in Abdera. Auch geht es mir gerade wie Ihnen mit dem Lande, wo es Ihnen so wohl gefiel; ich wollte mit Freuden auf die ganze übrige Welt Verzicht tun, wenn ich nur ewig in Abdera leben könnte! - Aber warum gefiel es Ihnen nur drei Tage lang so wohl in dem Lande?» «Sie werden es gleich hören. Stellen Sie sich ein unermeßliches Land vor, dem die angenehmste Abwechslung von Bergen, Tälern, Wäldern, Hügeln und Auen unter der Herrschaft eines ewigen Frühlings und Herbstes, allenthalben wohin man sieht, das Ansehen des herrlichsten Lustgartens gibt: alles angebaut und bewässert, alles blühend und fruchtbar; allenthalben ein ewiges Grün, und immer frische Schatten und Wälder von den schönsten Fruchtbäumen, Datteln, Feigen, Zitronen, Granaten, die ohne Pflege, wie in Thracien die Eicheln, wachsen; Haine von Myrten und Schasmin; Amors und Cytheräens Lieblingsblume nicht auf Hecken, wie bei uns, sondern in dichten Büscheln auf großen Bäumen wachsend, und voll aufgebläht, wie die Busen meiner schönen Mitbürgerinnen -» (Dies hatte Demokrit nicht gut gemacht; und es kann künftigen Erzählern zur Warnung dienen, daß man sich vorher wohl in seiner Gesellschaft umsehen muß, ehe man Komplimente dieser Art wagt, so verbindlich sie auch an sich selbst klingen mögen. Die Schönen hielten die Hände vor die Augen und erröteten. Denn zum Unglück war unter den Anwesenden keine, die dem schmeichelhaften Gleichnis Ehre gemacht hätte; wiewohl sie nicht ermangelten sich aufzublähen so gut sie konnten.) «- und diese reizenden Haine», fuhr er fort, «vom lieblichen Gesang unzähliger Arten von Vögeln belebt, und mit tausend bunten Papageien erfüllt, deren Farben im Sonnenglanz die Augen blenden. Welch ein Land! Ich begriff nicht, warum die Göttin der Liebe das felsige Cythere zu ihrem Wohnsitz erwählt hätte, da ein Land wie dieses in der Welt war. Wo hätten die Grazien angenehmer tanzen können, als am Rande von Bächen und Quellen, wo, zwischen kurzem dichtem Gras vom lebhaftesten Grün, Lilien und Hyacinthen, und zehntausend noch schönere Blumen, die in unserer Sprache ohne Namen sind, freiwillig hervor blühen, und die Luft mit wollüstigen Wohlgerüchen erfüllen?» Die schönen Abderitinnen waren, wie leicht zu erachten, mit einer nicht weniger lebhaften Einbildungskraft ausgestattet als die Abderiten; und das Gemälde, das ihnen Demokrit, ohne dabei an arges zu denken, vorstellte, war mehr als ihre kleinen Seelchen aushalten konnten. Einige seufzten laut vor Behäglichkeit; andere sahen aus, als ob sie die wollüstigen Gerüche, die in ihrer Phantasie düfteten, mit Mund und Nase einschlürfen wollten; die schöne Juno sank mit dem Kopf auf ein Polster des Kanapees zurück, schloß ihre großen Augen halb, und befand sich unvermerkt am blumigen Rand einer dieser schönen Quellen, von Rosen- und Zitronenbäumen umschattet, aus deren Zweigen Wolken von ambrosischen Düften auf sie herab wallten. In einer sanften Betäubung von süßen Empfindungen begann sie eben einzuschlummern: als sie einen Jüngling, schön wie Bacchus und dringend wie Amor, zu ihren Füßen liegen sah. Sie richtete sich auf, ihn desto besser betrachten zu können, und sah ihn so schön, so zärtlich, daß die Worte, womit sie seine Verwegenheit bestrafen wollte, auf ihren Lippen erstarben. Kaum hatte sie - «Und wie meinen Sie (fuhr Demokrit fort) daß dieses zauberische Land heißt, von dessen Schönheiten alles, was ich davon sagen könnte, Ihnen kaum den Schatten eines Begriffs geben würde? Es ist eben dieses Äthiopien, welches mein gelehrter Freund hier mit Ungeheuern von Menschen bevölkert, die eines so schönen Vaterlandes ganz unwürdig sind. Aber eine Sache, die er mir für wahr nachsagen kann, ist: daß es in ganz Äthiopien und Libyen (wiewohl diese Namen eine Menge verschiedener Völker umfassen) keinen Menschen gibt, der seine Nase nicht eben da trüge wo wir, nicht eben so viel Augen und Ohren hätte als wir, und kurz -» Ein großer Seufzer von derjenigen Art, wodurch sich ein von Schmerz oder Vergnügen gepreßtes Herz Luft zu machen sucht, hob in diesem Augenblicke den Busen der schönen Abderitin, welche, während Demokrit in seiner Rede fortfuhr, in dem Traumgesichte, worin wir sie zu belauschen Bedenken trugen, (wie es scheint) auf einen Umstand gekommen war, an welchem ihr Herz auf die eine oder andre Art sehr lebhaft Anteil nahm. Da die übrigen Anwesenden nicht wissen konnten, daß die gute Dame einige hundert Meilen weit von Abdera unter einem Äthiopischen Rosenbaum, in einem Meere der süßesten Wohlgerüche schwamm, tausend neue Vögel das Glück der Liebe singen hörte, tausend bunte Papageien vor ihren Augen herum flattern sah, und zum Überfluß einen Jüngling mit gelben Locken und Korallenlippen zu ihren Füßen liegen hatte - so war es natürlich, daß man den besagten Seufzer mit einem allgemeinen Erstaunen empfing. Man begriff nichts davon, daß die letzten Worte Demokrits die Ursache einer solchen Wirkung gewesen sein könnten. «Was fehlt Ihnen, Lysandra?» riefen die Abderitinnen aus Einem Munde, indem sie sich sehr besorgt um sie stellten. Die schöne Lysandra, die in diesem Augenblicke wieder gewahr wurde wo sie war, errötete, und versicherte daß es nichts sei. Demokrit, der nun zu merken anfing was es war, versicherte, daß ein paar Züge frische Luft alles wieder gut machen würden; aber in seinem Herzen beschloß er, künftig seine Gemälde nur mit Einer Farbe zu malen, wie die Maler in Thracien. Gerechte Götter! dacht er, was für eine Einbildungskraft diese Abderitinnen haben! «Nun, meine schönen Neugierigen», fuhr er fort, «was meinen Sie, von welcher Farbe die Einwohner eines so schönen Landes sind?» «Von welcher Farbe? - Warum sollten sie eine andre Farbe haben als die übrigen Menschen? Sagten Sie uns nicht, daß sie die Nase mitten im Gesicht trügen, und in allem Menschen wären wie wir Griechen?» «Menschen, ohne Zweifel; aber sollten sie darum weniger Menschen sein, wenn sie schwarz oder olivenfarb wären?» «Was meinen Sie damit?» «Ich meine, daß die schönsten unter den Äthiopischen Nationen (nämlich diejenigen, die nach unserm Maßstabe die schönsten, das ist, uns die ähnlichsten sind) durchaus olivenfarb wie die Ägypter, und diejenigen, welche tiefer im festen Lande und in den mittäglichsten Gegenden wohnen, vom Kopf bis zur Fußsohle so schwarz und noch ein wenig schwärzer sind als die Raben zu Abdera.» «Was Sie sagen! - Und erschrecken die Leute nicht vor einander, wenn sie sich ansehen?» «Erschrecken? Warum dies? Sie gefallen sich sehr mit ihrer Rabenschwärze, und finden daß nichts schöner sein könne.» «O das ist lustig!» - riefen die Abderitinnen. - «Schwarz am ganzen Leibe, als ob sie mit Pech überzogen wären, sich von Schönheit träumen zu lassen! Was das für ein dummes Volk sein muß! Haben sie denn keine Maler, die ihnen den Apollo, den Bacchus, die Göttin der Liebe und die Grazien malen? Oder könnten sie nicht schon von Homer lernen, daß Juno weiße Arme, Thetis Silberfüße, und Aurora Rosenfinger hat?» «Ach», erwiderte Demokrit, «die guten Leute haben keinen Homer; oder wenn sie einen haben, so dürfen wir uns darauf verlassen, daß seine Juno kohlschwarze Arme hat. Von Malern habe ich in Äthiopien nichts gehört. Aber ich sah ein Mädchen, dessen Schönheit unter seinen Landsleuten beinahe eben so viel Unheil anrichtete, als die Tochter der Leda unter den Griechen und Trojanern; und diese Afrikanische Helena war schwärzer als Ebenholz.» «O beschreiben Sie uns doch dies Ungeheuer von Schönheit!» - riefen die Abderitinnen, die, aus dem natürlichsten Grunde von der Welt, an dieser Unterredung unendlich viel Vergnügen fanden. «Sie werden Mühe haben sich einen Begriff davon zu machen. Stellen Sie sich das völlige Gegenteil des Griechischen Ideals der Schönheit vor: die Größe einer Grazie und die Fülle einer Demeter; schwarze Haare, aber nicht in langen wallenden Locken um die Schultern fließend, sondern kurz und von Natur kraus wie Schafwolle. Die Stirne breit und stark gewölbt; die Nase aufgestülpt, und in der Mitte des Knorpels flach gedrückt; die Wangen rund wie die Backen eines Trompeters, der Mund groß -» Philinna lächelte, um zu zeigen, wie klein der ihrige sei. «Die Lippen sehr dick und aufgeworfen, und zwei Reihen von Zähnen wie Perlenschnuren -» Die Schönen lachten insgesamt, wiewohl sie keine andre Ursache dazu haben konnten, als ihre eignen Zähne zu weisen; denn was war sonst hier zu lachen? «Aber ihre Augen?» fragte Lysandra. - «O was die betrifft, die waren so klein und so wasserfarbig, daß ich lange nicht von mir erhalten konnte, sie schön zu finden -» «Demokrit ist für Homers Kuhaugen, wie es scheint», sagte Myris, indem sie einen höhnischen Seitenblick auf die Schöne mit den großen Augen warf. «In der Tat, (versetzte Demokrit, mit einer Miene, woraus ein Tauber geschlossen hätte daß er ihr die größte Schmeichelei sage) schöne Augen müßten sehr groß sein, wenn ich sie zu groß finden sollte; und häßliche können, deucht mich, nie zu klein sein.» Die schöne Lysandra warf einen triumphierenden Blick auf ihre Schwestern, und schüttete dann eine ganze Glorie von Zufriedenheit aus ihren großen Augen auf den glücklichen Demokrit herab. «Darf man wissen, was Sie unter schönen Augen verstehen?» - fragte die kleine Myris, indem sich ihre Nase merklich spitzte. Ein Blick der schönen Lysandra schien ihm zu sagen: Sie werden nicht verlegen sein die Antwort auf diese Frage zu finden. «Ich verstehe darunter Augen, in denen sich eine schöne Seele malt», sagte Demokrit. Lysandra sah albern aus, wie eine Person, der man etwas unerwartetes gesagt hat, und die keine Antwort darauf finden kann. - «Eine schöne Seele!» - dachten die Abderitinnen alle zugleich. - «Was für wunderliche Dinge der Mann aus fernen Landen mitgebracht hat! Eine schöne Seele! Dies ist noch über seine Affen und Papageien!» «Aber mit allen diesen Subtilitäten», sagte der dicke Ratsherr, «kommen wir von der Hauptsache ab. Mir deucht, die Rede war von der schönen Helena aus Äthiopien, und ich möchte doch wohl hören, was die ehrlichen Leute so schönes an ihr finden konnten.» «Alles», antwortete Demokrit. «So müssen sie gar keinen Begriff von Schönheit haben», sagte der Gelehrte. «Um Vergebung», erwiderte der Erzähler; «weil diese Äthiopische Helena der Gegenstand aller Wünsche war, so läßt sich sicher schließen, daß sie der Idee von Schönheit glich, die jeder in seiner Einbildung fand.» «Sie sind aus der Schule des Parmenides?» sagte der Gelehrte, indem er sich in eine streitbare Positur setzte.* «Ich bin nichts - als ich selbst, welches sehr wenig ist», erwiderte Demokrit halb erschrocken. «Wenn Sie dem Wort Idee gram sind, so erlauben Sie mir mich anders auszudrücken. Die schöne Gulleru - so nannte man die Schwarze, von der wir reden -» "Gulleru?» riefen die Abderitinnen, indem sie in ein Gelächter ausbrachen, das kein Ende nehmen wollte; «Gulleru! welch ein Name!» - «Und wie ging es mit Ihrer schönen Gulleru?» fragte die spitznäsige Myris mit einem Blick und in einem Tone, der noch dreimal spitziger als ihre Nase war. «Wenn Sie mir jemals die Ehre erweisen mich zu besuchen», antwortete der gereiste Mann mit der ungezwungensten Höflichkeit, «so sollen Sie erfahren, wie es mit der schönen Gulleru gegangen ist. jetzt muß ich diesem Herrn mein Versprechen halten. Die Gestalt der schönen Gulleru also - (»Der schönen Gulleru», wiederholten die Abderitinnen und lachten von neuem, aber ohne daß Demokrit sich diesmal unterbrechen ließ.) «- flößte zu ihrem Unglück den Jünglingen ihres Landes die stärkste Leidenschaft ein. Dies scheint zu beweisen, daß man sie schön gefunden habe; und ohne Zweifel lag der Grund, weswegen man sie schön fand, in allem dem, warum man sie nicht für häßlich hielt. Diese Äthiopier fanden also einen Unterschied zwischen dem was ihnen schön und was ihnen nicht schön vorkam; und wenn zehn verschiedene Äthiopier in ihrem Urteile von dieser Helena übereinstimmten, so kam es vermutlich daher, weil sie einerlei Begriff oder Modell von Schönheit und Häßlichkeit hatten.» « Dies folgt nicht!» sagte der Abderitische Gelehrte. «Konnte nicht unter zehn jeder etwas anderes an ihr liebenswürdig finden?» «Der Fall ist nicht unmöglich; aber er beweist nichts gegen mich. Gesetzt, der eine hätte ihre kleinen Augen, ein anderer ihre schwellenden Lippen, ein dritter ihre großen Ohren bewundernswürdig gefunden: so setzt auch dies immer eine Vergleichung zwischen ihr und andern Äthiopischen Schönen voraus. Die übrigen hatten Augen, Ohren und Lippen sowohl wie Gulleru. Wenn man also die ihrigen schöner fand, so mußte man ein gewisses Modell der Schönheit haben, mit welchem man zum Beispiel ihre Augen und andre Augen verglich; und dies ist alles, was ich mit meinem Ideal sagen wollte.» « Indessen (erwiderte der Gelehrte) werden Sie doch nicht behaupten wollen, daß diese Gulleru schlechterdings die Schönste unter allen schwarzen Mädchen vor ihr, neben ihr und nach ihr gewesen sei? Ich meine, die Schönste in Vergleichung mit dem Modelle, wovon Sie sagten.» «Ich wüßte nicht, warum ich dies behaupten sollte», versetzte Demokrit. «Es konnte also eine geben, die zum Beispiel noch kleinere Augen, noch dickere Lippen, noch größere Ohren hatte?» «Möglicher Weise, so viel ich weiß.» «Und in Absicht dieser letztern gilt ohne Zweifel die nämliche Voraussetzung, und so ins unendliche. Die Äthiopier hatten also kein Modell der Schönheit; man müßte denn sagen, daß sich unendlich kleine Augen, unendlich dicke Lippen, unendlich große Ohren denken lassen?» Wie subtil die Abderitischen Gelehrten sind! dachte Demokrit. - «Wenn ich eingestand», sagte er, «daß es ein schwarzes Mädchen geben könne, welches kleinere Augen oder dickere Lippen hätte als Gulleru, so sagte ich damit noch nicht, daß dieses schwarze Mädchen den Äthiopiern darum schöner hätte vorkommen müssen als Gulleru. Das Schöne hat notwendig ein bestimmtes Maß, und was über solches ausschweift, entfernt sich eben so davon, wie das, was unter ihm bleibt. Wer wird daraus, daß die Griechen in die Größe der Augen und in die Kleinheit des Mundes ein Stück der vollkommenen Schönheit setzen, den Schluß ziehen: eine Frau, deren Augäpfel einen Daumen im Durchschnitt hielten, oder deren Mund so klein wäre, daß man Mühe hätte einen Strohhalm hinein zu bringen, müßte von den Griechen für desto schöner gehalten werden?» Der Abderit war geschlagen, wie man sieht, und fühlte daß ers war. Aber ein Abderitischer Gelehrter hätte sich eher erdrosseln lassen, als so was einzugestehen. Waren nicht Philinnen und Lysandren, und ein kurzer dicker Ratsherr da, an deren Meinung von seinem Verstand ihm gelegen war? Und wie wenig kostete es ihm, Abderiten und Abderitinnen auf seine Seite zu bringen! - In der Tat wußte er nicht sogleich, was er sagen sollte. Aber in fester Zuversicht, daß ihm wohl noch was einfallen werde, antwortete er indessen durch ein höhnisches Lächeln; welches zugleich andeutete, daß er die Gründe seines Gegners verachte, und daß er im Begriff sei den entscheidenden Streich zu führen. «Ists möglich», rief er endlich in einem Ton, als ob dies die Antwort auf Demokrits letzte Rede sei**, «können Sie die Liebe zum Paradoxen so weit treiben, im Angesicht dieser Schönen zu behaupten, daß ein Geschöpf, wie Sie uns diese Gulleru beschrieben haben, eine Venus sei?» «Sie scheinen vergessen zu haben», versetzte Demokrit sehr gelassen, «daß die Rede nicht von mir und diesen Schönen, sondern von Äthiopiern war. Ich behauptete nichts; ich erzählte nur was ich gesehen hatte. Ich beschrieb Ihnen eine Schönheit nach Äthiopischem Geschmack. Es ist nicht meine Schuld, wenn die Griechische Häßlichkeit in Äthiopien Schönheit ist. Auch seh ich nicht, was mich berechtigen könnte, zwischen den Griechen und Äthiopiern zu entscheiden. Ich vermute es könnte sein daß beide recht hätten.» Ein lautes Gelächter, dergleichen man aufschlägt, wenn jemand etwas unbegreiflich Ungereimtes gesagt hat, wieherte dem Philosophen aus allen anwesenden Hälsen entgegen. «Laß hören, laß doch hören», rief der dicke Ratsherr, indem er seinen Wanst mit beiden Händen hielt, «was unser Landsmann sagen kann, um zu beweisen daß beide recht haben! Ich höre für mein Leben gern so was behaupten. Wofür hätte man auch sonst euch gelehrte Herren? - Die Erde ist rund; der Schnee ist schwarz; der Mond ist zehnmal so groß als der ganze Peloponnes; Achilles kann keine Schnecke im Laufen einholen. - Nicht wahr, Herr Antistrepsiades? - Nicht wahr, Herr Demokrit? - Sie sehen, daß ich auch ein wenig in Ihren Mysterien eingeweiht bin. Ha, ha, ha!» Die sämtlichen Abderiten und Abderitinnen erleichterten sympathetischer Weise ihre Lungen abermals, und Herr Antistrepsiades, der einen Anschlag auf die Abendmahlzeit des jovialischen Ratsherrn gemacht hatte, unterstützte gefällig das allgemeine Gelächter mit lautem Händeklatschen. * Parmenides von Elea wird für den Erfinder der Lehre von den Ideen oder wesentlichen Urbildern gehalten, welche Plato in sein System aufgenommen, und sich so eigen gemacht hat, daß man sie gewöhnlich nach seinem Namen zu nennen pflegt. (Zurück) ** Ein sehr gewöhnlicher Griff der Abderitischen Gelehrten und Kunstrichter. (Zurück) 5. KAPITEL Unerwartete Auflösung des Knotens, mit einigen neuen Beispielen von Abderitischem Witz. DEMOKRIT WAR in der Laune, sich mit seinen Abderiten und den Abderiten mit sich Kurzweile zu machen. Zu weise, ihnen irgend eine von ihren National- oder Individual-Unarten übel zu nehmen, konnt er es sehr wohl leiden, daß sie ihn für einen überklugen Mann ansahen, der seinen Abderitischen Mutterwitz auf seiner langen Wanderschaft verdunstet hätte, und nun zu nichts gut wäre, als ihnen mit seinen Einfällen und Grillen etwas zu lachen zu geben. Er fuhr also, nachdem sich das Gelächter über den witzigen Einfall des dicken Ratsherrn endlich gelegt hatte, mit seinem gewöhnlichen Phlegma fort, wo ihn der kleine jovialische Mann unterbrochen hatte: «Sagt ich nicht, wenn die Griechische Häßlichkeit in Äthiopien Schönheit sei, so könnte wohl sein daß beide Teile recht hätten?» «Ja, ja, das sagten Sie, und ein Mann steht für sein Wort.» «Wenn ich es gesagt habe, so muß ichs wohl behaupten; das versteht sich, Herr Antistrepsiades.» «Wenn Sie können.» «Bin ich etwann nicht auch ein Abderit? Und zudem brauch ich hier nur die Hälfte meines Satzes zu beweisen, um das Ganze bewiesen zu haben: denn daß die Griechen recht haben, darf nicht erst bewiesen werden; dies ist eine Sache, die in allen Griechischen Köpfen schon längst ausgemacht ist. Aber daß die Äthiopier auch recht haben, da liegt die Schwierigkeit! - Wenn ich mit Sophismen fechten, oder mich begnügen wollte meine Gegner stumm zu machen, ohne sie zu überzeugen, so würd ich, als Anwalt der Äthiopischen Venus, die ganze Streitfrage dem innern Gefühl zu entscheiden überlassen. Warum, würd ich sagen, nennen die Menschen diese oder jene Figur, diese oder jene Farbe, schön? - Weil sie ihnen gefällt. - Gut; aber warum gefällt sie ihnen? - Weil sie ihnen angenehm ist. - Und warum ist sie ihnen angenehm? - O mein Herr, würde ich sagen, Sie müssen endlich aufhören zu fragen, oder - ich höre auf zu antworten. Ein Ding ist uns angenehm, weil es - einen Eindruck auf uns macht der uns angenehm ist. Ich fordre alle Ihre Grübler heraus, einen bessern Grund anzugeben. Nun würd es lächerlich sein, einem Menschen abstreiten zu wollen, daß ihm angenehm sei was ihm angenehm ist; oder ihm zu beweisen, er habe unrecht sich wohlgefallen zu lassen, was einen wohlgefallenden Eindruck auf ihn macht. Wenn also die Figur einer Gulleru seinen Augen wohl tut, so gefällt sie ihm, und wenn sie ihm gefällt, so nennt er sie schön, oder es müßte gar kein solches Wort in seiner Sprache sein.» «Und wenn - und wenn ein Wahnwitziger Pferdeäpfel für Pfirschen äße?» sagte Antistrepsiades. «Pferdeäpfel für Pfirschen! - Gut gesagt, bei meiner Ehre! gut gesagt», rief der Ratsherr. «Knacken Sie das auf, Herr Demokrit!» «Fi, Fi, doch, Demokrit», lispelte die schöne Myris, indem sie die Hand vor die Nase hielt; «wer wird auch von Pferdeäpfeln reden? Schonen Sie wenigstens unsrer Nasen!» Jedermann sieht, daß sich die schöne Myris mit diesem Verweise an den witzigen Antistrepsiades hätte wenden sollen, der die Pferdeäpfel zuerst aufgetragen hatte, und an den Ratsherrn, der Demokriten gar zumutete sie aufzuknacken. Aber es war nun einmal darauf abgesehen, den gereisten Mann lächerlich zu machen. Der Instinkt vertrat bei den sämtlichen Anwesenden hierin die Stelle einer Verabredung, und Myris konnte diese schöne Gelegenheit zu einem Stich, der die Lacher auf ihre Seite brachte, unmöglich entwischen lassen. Denn gerade der Umstand, daß Demokrit, der ohnehin an den Äpfeln des Antistrepsiades genug zu schlucken hatte, noch oben drein einen Verweis deswegen erhielt, kam den Abderiten und Abderitinnen so lustig vor, daß sie alle zugleich zu lachen anfingen, und sich völlig so gebärdeten, als ob der Philosoph nun aufs Haupt geschlagen sei und gar nicht wieder aufstehen könne. Zu viel ist zu viel. Der gute Demokrit hatte zwar in zwanzig Jahren viel erwandert: aber seitdem er aus Abdera gegangen war, war ihm kein zweites Abdera aufgestoßen; und nun, da er wieder drin war, zweifelte er zuweilen auf einen oder zwei Augenblicke, ob er irgendwo sei? Wie war es möglich, mit solchen Leuten fertig zu werden? «Nun, Vetter?» - sagte der Ratsherr, «kannst du die Pferdeäpfel des Antistrepsiades nicht hinunter kriegen? Ha, ha, ha!» Dieser Einfall war zu Abderitisch, um die Zärtlichkeit der sämtlichen gebogenen, stumpfen, viereckigen und spitzigen Nasen in der Gesellschaft nicht zu überwältigen. Die Damen kicherten ein zirpendes Hi, hi, hi, in das dumpfe donnernde Ha, ha, ha, der Mannspersonen. «Sie haben gewonnen», rief Demokrit; «und zum Zeichen daß ich mein Gewehr mit guter Art strecke, sollen Sie sehen, ob ich die Ehre verdiene Ihr Landsmann und Vetter zu sein.» Und nun fing er an, mit einer Geschicklichkeit worin ihm kein Abderit gleich kam, von der untersten Note, stufenweise crescendo, bis zum Unisono mit dem Hi, hi, hi, der schönen Abderitinnen, ein Gelächter aufzuschlagen, dergleichen, so lange Abdera auf Thracischem Boden stand, nie erhört worden war. Anfangs machten die Damen Miene als ob sie Widerstand tun wollten; aber es war keine Möglichkeit gegen das verzweifelte Crescendo auszuhalten. Sie wurden endlich davon wie von einem reißenden Strom ergriffen; und da die Gewalt der Ansteckung noch dazu schlug, so kam es bald so weit, daß die Sache ernsthaft wurde. Die Frauenzimmer baten mit weinenden Augen um Barmherzigkeit. Aber Demokrit hatte keine Ohren, und das Gelächter nahm überhand. Endlich ließ er sich, wie es schien, bewegen, ihnen einen Stillstand zu bewilligen; allein in der Tat bloß, damit sie die Peinigung, die er ihnen zugedacht hatte, desto länger aushalten könnten. Denn kaum waren sie wieder ein wenig zu Atem gekommen, so fing er die nämliche Tonleiter, eine Terze höher, noch einmal zu durchlachen an, aber mit so vielen eingemischten Trillern und Rouladen, daß sogar die runzligen Beisitzer des Höllengerichts, Minos, Äakus und Rhadamanthus, in ihrem höllenrichterlichen Ornat, aus der Fassung dadurch gekommen wären. Zum Unglück hatten zwei oder drei von unsern Schönen nicht daran gedacht, ihre Personen gegen alle mögliche Folgen einer so heftigen Leibesübung in Sicherheit zu setzen. Scham und Natur kämpften auf Leben und Tod in den armen Mädchen. Vergebens flehten sie den unerbittlichen Demokrit mit Mund und Augen um Gnade an; vergebens forderten sie ihre vom Lachen gänzlich erschlafften Sehnen zu einer letzten Anstrengung auf. Die tyrannische Natur siegte, und in einem Augenblick sahe man den Saal, wo sich die Gesellschaft befand, u**** W***** g****. Der Schrecken über eine so unversehene Naturerscheinung (die desto wunderbarer war, da das allgemeine Auffahren und Erstaunen der schönen Abderitinnen zu beweisen schien, daß es eine Wirkung ohne Ursache sei) unterbrach die Lacher auf etliche Augenblicke, um sogleich mit verdoppelter Gewalt wieder los zu drücken. Natürlicher Weise gaben sich die erleichterten Schönen alle Mühe, den besondern Anteil, den sie an dieser Begebenheit hatten, durch Grimassen von Erstaunen und Ekel zu verbergen, und den Verdacht auf ihre schuldlosen Nachbarinnen fallen zu machen, welche durch unzeitige, aber unfreiwillige Schamröte den unverdienten Argwohn mehr als zu viel bestärkten. Der lächerliche Zank, der sich darüber unter ihnen erhob; Demokrit und Antistrepsiades, die sich boshafter Weise ins Mittel schlugen, und durch ironische Trostgründe den Zorn derjenigen, die sich unschuldig wußten, noch mehr aufreizten; und mitten unter ihnen allen der kleine dicke Ratsherr, der unter berstendem Gelächter einmal über das andere ausrief, daß er nicht die Hälfte von Thracien um diesen Abend nehmen wollte: alles dies zusammen machte eine Szene, die des Griffels eines Hogarth würdig gewesen wäre, wenn es damals schon einen Hogarth gegeben hätte. Wir können nicht sagen, wie lange sie gedauert haben mag: denn es ist eine von den Tugenden der Abderiten, daß sie nicht aufhören können. Aber Demokrit, bei dem alles seine Zeit hatte, glaubte, daß eine Komödie, die kein Ende nimmt, die langweiligste unter allen Kurzweilen sei; - eine Wahrheit, von welcher wir (im Vorbeigehn gesagt) alle unsre Dramenschreiber und Schauspielvorsteher überzeugen zu können wünschen möchten - er packte also alle die schönen Sachen, die er zur Rechtfertigung der Äthiopischen Venus hätte sagen können, wofern er es mit vernünftigen Geschöpfen zu tun gehabt hätte, ganz gelassen zusammen, wünschte den Abderiten und Abderitinnen - was sie nicht hatten, und ging nach Hause, nicht ohne Verwunderung über die gute Gesellschaft, die man anzutreffen Gefahr lief, wenn man - einen Ratsherrn von Abdera besuchte. 6. KAPITEL Eine Gelegenheit für den Leser, um sein Gehirn aus der schaukelnden Bewegung des vorigen Kapitels wieder in Ruhe zu setzen. GUTE, KUNSTLOSE, sanftherzige Gulleru», - sagte Demokrit, da er nach Hause gekommen war, zu einer wohl gepflegten krauslockigen Schwarzen, die ihm mit offnen Armen entgegen eilte - «komm an meinen Busen, ehrliche Gulleru! Zwar bist du schwarz wie die Göttin der Nacht; dein Haar ist wollicht und deine Nase platt; deine Augen sind klein, deine Ohren groß, und deine Lippen gleichen einer aufgeborstnen Nelke. Aber dein Herz ist rein und aufrichtig und fröhlich, und fühlt mit der ganzen Natur. Du denkst nie arges, sagst nie was albernes, quälst weder andre noch dich selbst, und tust nichts was du nicht gestehen darfst. Deine Seele ist ohne Falsch, wie dein Gesicht ohne Schminke. Du kennst weder Neid noch Schadenfreude; und nie hat sich deine ehrliche platte Nase gerümpft, um eines deiner Natur; immer geschickt Freude zu geben und zu empfangen, besorgt, ob du gefällst oder nicht gefällst, lebst du, in deine Unschuld eingehüllt, im Frieden mit dir selbst und der ganzen Natur; immer geschickt Freude zu geben und zu empfangen, und wert, daß das Herz eines Mannes an deinem Busen ruhe! Gute, sanftherzige Gulleru! Ich könnte dir einen andern Namen geben; einen schönen, klangreichen, Griechischen Namen, auf ane oder ide, arion oder erion: aber dein Name ist schön genug, weil er dein ist; und ich bin nicht Demokrit, oder die Zeit soll noch kommen, wo jedes ehrliche gute Herz dem Namen Gulleru entgegen schlagen soll!» Gulleru begriff nicht allzu wohl, was Demokrit mit dieser empfindsamen Anrede haben wollte; aber sie sah, daß es eine Ergießung seines Herzens war, und so verstand sie gerade so viel davon, als sie vonnöten hatte. «War diese Gulleru seine Frau?» Nein. «Seine Beischläferin?» Nein. «Seine Sklavin?» Nach ihrem Anzug zu schließen, nein. «Wie war sie denn angezogen?» So gut, daß sie ein Ehrenfräulein der Königin von Saba hätte vorstellen können. Schnüre von großen feinen Perlen zwischen den Locken und um Hals und Arme; ein Gewand voll schön gebrochner Falten, von dünnem feuerfarbnem Atlas mit Streifen von welcher Farbe Sie wollen, unter ihrem Busen von einem reich gestickten Gürtel zusammen gehalten, den eine Agraffe von Smaragden schloß; und - was weiß ich alles - «Der Anzug war reich genug.» Wenigstens können Sie mir glauben, daß, so wie sie war, kein Prinz von Senegal, Angola, Gambia, Kongo und Loango sie ungestraft angesehen hätte. «Aber -» Ich sehe wohl, daß Sie noch nicht am Ende Ihrer Fragen sind. - «Wer war denn diese Gulleru? War es eben die, von welcher vorhin gesprochen wurde? Wie kam Demokrit zu ihr? Auf welchem Fuß lebte sie in seinem Hause?» - Ich gesteh es, dies sind sehr billige Fragen; aber sie zu beantworten, seh ich vor der Hand keine Möglichkeit. Denken Sie nicht, daß ich hier den Verschwiegnen machen wolle, oder daß ein besonderes Geheimnis unter der Sache stecke. Die Ursache, warum ich sie nicht beantworten kann, ist die allereinfachste von der Welt. Tausend Schriftsteller befinden sich tausendmal in dem nämlichen Falle; nur ist unter tausend kaum Einer aufrichtig genug, in solchen Fällen die wahre Ursache zu bekennen. Soll ich Ihnen die meinige sagen? Sie werden gestehen, daß sie über alle Einwendung ist. Denn, kurz und gut, - ich weiß selbst kein Wort von allem dem, was Sie von mir wissen wollen; und da ich nicht die Geschichte der schönen Gulleru schreibe, so begreifen Sie, daß ich in Absicht auf diese Dame zu nichts verbunden bin. Sollte sich (was ich nicht vorher sehen kann) etwa in der Folge Gelegenheit finden, von Demokrit oder von ihr selbst etwas näheres zu erkundigen: so verlassen Sie sich darauf, daß Sie alles von Wort zu Wort erfahren sollen. 7. KAPITEL Patriotismus der Abderiten. Ihre Vorneigung für Athen, als ihre Mutterstadt. Ein paar Proben von ihrem Atticismus, und von der unangenehmen Aufrichtigkeit des weisen Demokrit. DEMOKRIT HATTE noch keinen Monat unter den Abderiten gelebt, als er ihnen, und zuweilen auch sie ihm schon so unerträglich waren, als Menschen einander sein müssen, die mit ihren Begriffen und Neigungen alle Augenblicke wider einander stoßen. Die Abderiten hegten von sich selbst und von ihrer Stadt und Republik eine ganz außerordentliche Meinung. Ihre Unwissenheit alles dessen, was außerhalb ihres Gebiets in der Welt merkwürdiges sein oder geschehen mochte, war zugleich eine Ursache und eine Frucht dieses lächerlichen Dünkels. Daher kam es denn durch eine sehr natürliche Folge, daß sie sich gar keine Vorstellung machen konnten, wie etwas recht oder anständig oder gut sein könnte, wenn es anders als zu Abdera war, oder wenn man zu Abdera gar nichts davon wußte. Ein Begriff, der ihren Begriffen widersprach, eine Gewohnheit, die von den ihrigen abging, eine Art zu denken oder etwas ins Auge zu fassen, die ihnen fremd war, hieß ihnen, ohne weitere Untersuchung, ungereimt und belachenswert. Die Natur selbst schrumpfte für sie in den engen Kreis ihrer eigenen Tätigkeit zusammen; und wiewohl sie es nicht so weit trieben, sich, wie die Japaner, einzubilden, außer Abdera wohnten lauter Teufel, Gespenster und Ungeheuer, so sahen sie doch wenigstens den Rest des Erdbodens und seiner Bewohner als einen ihrer Aufmerksamkeit unwürdigen Gegenstand an; und wenn sie zufälliger Weise Gelegenheit bekamen etwas fremdes zu sehen oder zu hören, so wußten sie nichts damit zu machen, als sich darüber aufzuhalten, und sich selbst Glück zu wünschen, daß sie nicht wären wie andre Leute. Dies ging so weit, daß sie denienigen für keinen guten Bürger hielten, der an einem andern Orte bessere Einrichtungen oder Gebräuche wahrgenommen hatte als zu Hause. Wer das Glück haben wollte ihnen zu gefallen, mußte schlechterdings so reden und tun, als ob die Stadt und Republik Abdera, mit allen ihren zugehörigen Stücken, Eigenschaften und Zufälligkeiten, ganz und gar untadelig und das Ideal aller Republiken gewesen wäre. Von dieser Verachtung gegen alles, was nicht Abderitisch hieß, war die Stadt Athen allein ausgenommen; aber auch diese vermutlich nur deswegen, weil die Abderiten, als ehmalige Tejer, ihr die Ehre erwiesen, sie für ihre Mutterstadt anzusehen. Sie waren stolz darauf, für das Thracische Athen gehalten zu werden; und wiewohl ihnen dieser Name nie anders als spottweise gegeben wurde, so hörten sie doch keine Schmeichelei lieber als diese. Sie bemühten sich, die Athener in allen Stücken zu kopieren, und kopierten sie genau - wie der Affe den Menschen. Wenn sie, um lebhaft und geistreich zu sein, alle Augenblicke ins Possierliche fielen; wichtige Dinge leichtsinnig, und Kindereien ernsthaft behandelten; das Volk oder ihren Rat um jeder Kleinigkeit willen zwanzigmal versammelten, um lange, alberne Reden für und wider über Sachen zu halten, die ein Mann von alltäglichem Menschenverstand in einer Viertelstunde besser als sie entschieden hätte; wenn sie unaufhörlich mit Projekten von Verschönerung und Vergrößerung schwanger gingen, und, so oft sie etwas unternahmen, immer erst mitten im Werke ausrechneten, daß es über ihre Kräfte gehe; wenn sie ihre halb Thracische Sprache mit Attischen Redensarten spickten; ohne den mindesten Geschmack eine ungeheure Leidenschaft für die Künste affektierten, und immer von Malerei und Statuen und Musik und Rednern und Dichtern schwatzten, ohne jemals einen Maler, Bildhauer, Redner oder Dichter, der des Namens wert war, gehabt zu haben; wenn sie Tempel bauten die wie Bäder, und Bäder die wie Tempel aussahen; wenn sie die Geschichte von Vulkans Netz in ihre Ratsstube, und den großen Rat der Griechen über die Zurückgabe der schönen Chryseis in ihr Gymnasium malen ließen; wenn sie in Lustspiele gingen, wo man sie zu weinen, und in Trauerspiele, wo man sie zu lachen machte, und in zwanzig ähnlichen Dingen glaubten die guten Leute Athener zu sein, und waren - Abderiten. «Wie erhaben der Schwung in diesem kleinen Gedicht ist, das Physignatus auf meine Wachtel gemacht hat!» sagte eine Abderitin. - «Desto schlimmer!» sagte Demokrit. «Sehen Sie», sprach der erste Archon von Abdera, «die Fassade von diesem Gebäude, welches wir zu unserm Zeughause bestimmt haben? Sie ist von dem besten Parischen Marmor. Gestehen Sie, daß Sie nie ein Werk von größerm Geschmack gesehen haben!» «Es mag der Republik schönes Geld kosten», antwortete Demokrit. «Was der Republik Ehre macht, kostet nie zu viel», erwiderte der Archon, der in diesem Augenblick den zweiten Perikles in sich fühlte. «Ich weiß, Sie sind ein Kenner, Demokrit; denn Sie haben immer an allem etwas auszusetzen. Ich bitte Sie, finden Sie mir einen Fehler an dieser Fassade?» «Tausend Drachmen für einen Fehler, Herr Demokrit», rief ein junger Herr, der die Ehre hatte ein Neffe des Archon zu sein, und vor kurzem von Athen zurück gekommen war, wo er sich aus einem Abderitischen Bengel für die Hälfte seines Erbgutes zu einem Attischen Gecken ausgebildet hatte. «Die Fassade ist schön», sagte Demokrit ganz bescheiden; «so schön, daß sie es auch zu Athen oder Korinth oder Syrakus sein würde. Ich sehe, wenns erlaubt ist so was zu sagen, nur Einen Fehler an diesem prächtigen Gebäude.» «Einen Fehler?» - sprach der Archon, mit einer Miene, die sich nur ein Abderit, der ein Archon war, geben konnte. «Einen Fehler! Einen Fehler!» wiederholte der junge Geck, indem er ein lautes Gelächter aufschlug. «Darf man fragen, Demokrit, wie Ihr Fehler heißt?» «Eine Kleinigkeit», versetzte dieser; «nichts als daß man eine so schöne Fassade - nicht sehen kann.» «Nicht sehen kann? Und wie so?» «Nun, beim Anubis! wie wollen Sie daß man sie vor allen den alten übel gebauten Häusern und Scheunen sehen soll, die hier ringsum zwischen die Augen der Leute und Ihre Fassade hingesetzt sind?» «Diese Häuser standen lang' ehe Sie und ich geboren wurden», sagte der Archon. «So hättet ihr euer Zeughaus anderswohin setzen sollen», sagte Demokrit. Dergleichen Dialogen gab es, so lange Demokrit unter ihnen lebte, alle Tage, Stunden und Augenblicke. «Wie finden Sie diesen Purpur, Demokrit? Sie sind zu Tyrus gewesen, nicht wahr?» «Ich wohl, Madam, aber dieser Purpur nicht; dies ist Coccinum, das Ihnen die Syrakuser aus Sardinien bringen und sich für Tyrischen Purpur bezahlen lassen.» «Aber wenigstens werden Sie doch diesen Schleier für Indischen Byssus von der feinsten Art gelten lassen?» «Von der feinsten Art, schöne Atalanta, die man in Memphis und Pelusium verarbeiten läßt.» Nun hatte sich der ehrliche Mann zwei Feindinnen in Einer Minute gemacht. Konnte aber auch was ärgerlicher sein als eine solche Aufrichtigkeit? 8. KAPITEL Vorläufige Nachricht von dem Abderitischen Schauspielwesen. Demokrit wird genötigt, seine Meinung davon zu sagen. DIE ABDERITEN wußen sich sehr viel mit ihrem Theater. Ihre Schauspieler waren gemeine Bürger von Abdera, die entweder von ihrem Handwerke nicht leben konnten, oder zu faul waren eines zu lernen. Sie hatten keinen gelehrten Begriff von der Kunst, aber eine desto größere Meinung von ihrer eignen Geschicklichkeit; und wirklich konnt es ihnen an Anlage nicht fehlen, da die Abderiten überhaupt geborne Gaukler, Spaßmacher und Pantomimen waren, an denen immer jedes Glied ihres Leibes mit reden half, so wenig auch das, was sie sagten, zu bedeuten haben mochte. Sie besaßen auch einen eignen Schauspieldichter, Hyperbolus genannt, der (wenn man ihnen glaubte) ihre Schaubühne so weit gebracht hatte, daß sie der Athenischen wenig nachgab. Er war im Komischen so stark als im Tragischen, und machte überdies die possierlichsten Satyrenspiele* von der Welt, worin er seine eignen Tragödien so schnakisch parodierte, daß man sich, wie die Abderiten sagten, darüber bucklig lachen mußte. Ihrem Urteile nach vereinigte er in seiner Tragödie den hohen Schwung und die mächtige Einbildungskraft des Äschylus mit der Beredsamkeit und dem Pathos des Euripides, so wie in seinen Lustspielen des Aristophanes Laune und mutwilligen Witz mit dem feinen Geschmack und der Eleganz des Agathon. Die Behendigkeit, womit er von seinen Werken entbunden wurde, war das Talent, worauf er sich am meisten zugute tat. Er lieferte jeden Monat seine Tragödie, mit einem kleinen Possenspielchen zur Zugabe. «Meine beste Komödie», sprach er, «hat mir nicht mehr als vierzehn Tage gekostet; und gleichwohl spielt sie ihre vier bis fünf Stunden wohl gezählt.» Da sei uns der Himmel gnädig! dachte Demokrit. Nun drangen die Abderiten immer von allen Seiten in ihn, seine Meinung von ihrem Theater zu sagen; und so ungern er sich mit ihnen über ihren Geschmack in Wortwechsel einließ, so konnt er doch auch nicht von sich erhalten, ihnen zu schmeicheln, wenn sie ihm sein Urteil mit gesamter Hand abnötigten. «Wie gefällt Ihnen diese neue Tragödie?» «Das Süjet ist glücklich gewählt. Was müßte der Autor auch sein, der einen solchen Stoff ganz zugrunde richten sollte?» «Fanden Sie sie nicht sehr rührend?» «Ein Stück könnte in einigen Stellen sehr rührend und doch ein sehr elendes Stück sein», sagte Demokrit. «Ich kenne einen Bildhauer von Sicyon, der die Wut hat, lauter Liebesgöttinnen zu schnitzen. Diese sehen überhaupt sehr gemeinen Dirnen gleich; aber sie haben alle die schönsten Beine von der Welt. Das ganze Geheimnis von der Sache ist, daß der Mann seine Frau zum Modelle nimmt, die, zum Glück für seine Venusbilder, wenigstens sehr schöne Beine vorzuweisen hat. So kann dem schlechtesten Dichter zuweilen eine rührende Stelle gelingen, wenn es sich gerade zutrifft, daß er verliebt ist, oder einen Freund verlor, oder daß ihm sonst ein Zufall zustieß, der sein Herz in eine Fassung setzte, die es ihm leicht machte, sich an den Platz der Person, die er reden lassen sollte, zu stellen.» «Sie finden also die Hekuba unsers Dichters nicht vortrefflich?» «Ich finde, daß der Mann vielleicht sein Bestes getan hat. Aber die vielen, bald dem Äschylus, bald dem Sophokles, bald dem Euripides, ausgerupften Federn, womit er seine Blöße zu decken sucht, und die ihm vielleicht in den Augen mancher Zuhörer, denen jene Dichter nicht so gegenwärtig sind als mir, Ehre machen, schaden ihm in den meinigen. Eine Krähe, wie sie von Gott erschaffen ist, dünkt mich so noch immer schöner, als wenn sie sich mit Pfauen- und Fasanenfedern ausputzt. Überhaupt fordre ich von dem Verfasser eines Trauerspiels mit gleichem Rechte, daß er mir für meinen Beifall ein vortreffliches Trauerspiel, als von meinem Schuster, daß er mir für mein Geld ein Paar gute Stiefeln liefere; und wiewohl ich gern gestehe, daß es schwerer ist ein gutes Trauerspiel als gute Stiefeln zu machen, so bin ich darum nicht weniger berechtiget, von jedem Trauerspiele zu verlangen, daß es alle Eigenschaften habe die zu einem guten Trauerspiel, als von einem Stiefel, daß er alles habe was zu einem guten Stiefel gehört.» «Und was gehört denn, Ihrer Meinung nach, zu einem wohlgestiefelten Trauerspiele?» - fragte ein junger Abderitischer Patricius, herzlich über den guten Einfall lachend, der ihm, seiner Meinung nach, entfahren war. Demokrit unterhielt sich über diesen Gegenstand mit einem kleinen Kreise von Personen die ihm zuzuhören schienen, und fuhr, ohne auf die Frage des witzigen jungen Herrn achtzuhaben, fort. «Die wahren Regeln der Kunstwerke», sprach er, «können nie willkürlich sein. Ich fordre nichts von einem Trauerspiele, als was Sophokles von den seinigen fordert; und dies ist weder mehr noch weniger, als die Natur und Absicht der Sache mit sich bringt. Einen einfachen, wohl durchdachten Plan, worin der Dichter alles voraus gesehen, alles vorbereitet, alles natürlich zusammen gefügt, alles auf Einen Punkt geführt hat; worin jeder Teil ein unentbehrliches Glied, und das Ganze ein wohl organisierter, schöner, frei und edel sich bewegender Körper ist! Keine langweilige Exposition, keine Episoden, keine Szenen zum Ausfüllen, keine Reden deren Ende man mit Ungeduld herbei gähnt, keine Handlungen die nicht zum Hauptzwecke arbeiten! Interessante, aus der Natur genommene Charaktere, veredelt, aber so, daß man die Menschheit in ihnen nie verkenne; keine übermenschliche Tugenden, keine Ungeheuer von Bosheit! Personen, die immer ihren eigenen Individual-Begriffen und Empfindungen gemäß reden und handeln; immer so, daß man fühlt, nach allen ihren vorhergehenden und gegenwärtigen Umständen und Bestimmungen müssen sie im gegebenen Falle so reden, so handeln, oder aufhören zu sein was sie sind. Ich fordre, daß der Dichter nicht nur die menschliche Natur kenne, insofern sie das Modell aller seiner Nachbildungen ist; ich fordre, daß er auch auf die Zuschauer Rücksicht nehme, und genau wisse durch welche Wege man sich ihres Herzens Meister macht; daß er jeden starken Schlag, den er auf solches tun will, unvermerkt vorbereite; daß er wisse wenn es genug ist, und, eh er uns durch einerlei Eindrücke ermüdet, oder einen Affekt bis zu dem Grade, wo er peinigend zu werden anfängt, in uns erregt, dem Herzen kleine Ruhepunkte zur Erholung gönne, und die Regungen, die er uns mitteilt, ohne Nachteil der Hauptwirkung zu vermannigfaltigen wisse. Ich fordre von ihm eine schöne und ohne Ängstlichkeit mit äußerstem Fleiße polierte Sprache; einen immer warmen kräftigen Ausdruck, einfach und erhaben, ohne jemals zu schwellen noch zu sinken, stark und nervig, ohne rauh und steif zu werden, glänzend, ohne zu blenden; wahre Heldensprache, die immer der lebende Ausdruck einer großen Seele und unmittelbar vom gegenwärtigen Gefühl eingegeben ist, nie zu viel nie zu wenig sagt, und, gleich einem dem Körper angegoßnen Gewand, immer den eigentümlichen Geist des Redenden durchscheinen läßt. Ich fordre, daß derjenige, der sich unterwindet Helden reden zu lassen, selbst eine große Seele habe; und indem er durch die Allgewalt der Begeisterung in seinen Helden verwandelt worden ist, alles, was er ihm in den Mund legt, in seinem eignen Herzen finde. Ich fordre -» «O Herr Demokrit», - riefen die Abderiten, die sich nicht länger zu halten wußten - «Sie können, da Sie nun einmal im Fordern sind, alles fordern was Ihnen beliebt. In Abdera läßt man sich mit wenigerm abfinden. Wir sind zufrieden, wenn uns ein Dichter rührt. Der Mann, der uns lachen oder weinen macht, ist in unsern Augen ein göttlicher Mann, mag er es doch anfangen wie er selbst will. Dies ist seine Sache, nicht die unsrige! Hyperbolus gefällt uns, rührt uns, macht uns Spaß; und gesetzt auch, daß er uns mitunter gähnen machte, so bleibt er doch immer ein großer Dichter! Brauchen wir eines weitern Beweises?» «Die Schwarzen an der Goldküste», sagte Demokrit, «tanzen mit Entzücken zum Getöse eines armseligen Schaf-Fells und etlicher Bleche, die sie gegen einander schlagen. Gebt ihnen noch ein paar Kuhschellen und eine Sackpfeife dazu, so glauben sie in Elysium zu sein. Wieviel Witz brauchte eure Amme, um euch, da ihr noch Kinder waret, durch ihre Erzählungen zu rühren? Das albernste Märchen, in einem kläglichen Tone hergeleiert, war dazu gut genug. Folgt aber daraus, daß die Musik der Schwarzen vortrefflich, oder ein Ammenmärchen gleich ein herrliches Werk ist?» «Sie sind sehr höflich, Demokrit!» «Um Vergebung! Ich bin so unhöflich, jedes Ding bei seinem Namen zu nennen; und so eigensinnig, daß ich nie gestehen werde, alles sei schön und vortrefflich was man so zu nennen beliebt.» «Aber das Gefühl eines ganzen Volkes wird doch mehr gelten, als der Eigendünkel eines Einzigen?» «Eigendünkel? Das ist es eben, was ich aus den Künsten der Musen verbannt sehen möchte. Unter allen den Forderungen, wovon die Abderiten ihren Günstling Hyperbolus so gütig los zählen, ist keine einzige, die nicht auf die strengste Gerechtigkeit gegründet wäre. Aber das Gefühl eines ganzen Volkes, wenn es kein gelehrtes Gefühl ist, kann und muß in unzähligen Fällen betrüglich sein.» «Wie, zum Henker! (rief ein Abderit, der mit seinem Gefühl sehr wohl zufrieden schien) Sie werden uns am Ende wohl gar noch unsre fünf Sinne streitig machen!» «Das verhüte der Himmel!» antwortete Demokrit. «Wenn Sie so bescheiden sind keine weitere Ansprüche zu machen als auf fünf Sinne, so wär es die größte Ungerechtigkeit, Sie im ruhigen Besitze derselben stören zu wollen. Fünf Sinne sind allerdings, zumal wenn man alle fünf zusammen nimmt, vollgültige Richter in allen Dingen, wo es darauf ankommt, zu entscheiden, was weiß oder schwarz, glatt oder rauh, weich oder hart, widerlich oder angenehm, bitter oder süß ist. Ein Mann, der nie weiter geht, als ihn seine fünf Sinne führen, geht immer sicher; und in der Tat, wenn Ihr Hyperbolus dafür sorgen wird, daß in seinen Schauspielen jeder Sinn ergetzt und keiner beleidigst werde, so stehe ich ihm für die gute Aufnahme, und wenn sie noch zehnmal schlechter wären als sie sind.» Wäre Demokrit zu Abdera weiter nichts gewesen, als was Diogenes zu Korinth war, so möchte ihm die Freiheit seiner Zunge vielleicht einige Ungelegenheit zugezogen haben. Denn so gern die Abderiten über wichtige Dinge spaßten, so wenig konnten sie ertragen, wenn man sich über ihre Puppen und Steckenpferde lustig machte. Aber Demokrit war aus dem besten Hause in Abdera, und, was noch mehr zu bedeuten hat, er war reich. Dieser doppelte Umstand machte, daß man ihm nachsah, was man einem Philosophen in zerrißnem Mantel schwerlich zugut gehalten hätte. «Sie sind auch ein unerträglicher Mensch, Demokrit!» schnarrten die schönen Abderitinnen, und - ertrugen ihn doch. Der Poet Hyperbolus machte noch am nämlichen Abend ein entsetzliches Sinngedicht auf den Philosophen. Des folgenden Morgens lief es an allen Putztischen herum, und in der dritten Nacht ward es in allen Gassen von Abdera gesungen; denn Demokrit hatte eine Melodie dazu gesetzt. * Griechische Possenspiele, die mit der Opera buffa der Welschen einige Ähnlichkeit hatten, und wovon uns der Kyklops des Euripides, das einzige übrig gebliebene Stück dieser Art, einen Begriff gibt. (Zurück) 9. KAPITEL Gute Gemütsart der Abderiten, und wie sie sich an Demokrit wegen seiner Unhöflichkeit zu rächen wissen. Eine seiner Strafpredigten zur Probe. Die Abderiten machen ein Gesetz gegen alle Reisen, wodurch ein Abderitisches Mutterkind hätte klüger werden können. Merkwürdige Art, wie der Nomophylax Gryllus eine aus diesem Gesetz entstandene Schwierigkeit auflöst. ES IST ordentlicher Weise eine gefährliche Sache, mehr Verstand zu haben als seine Mitbürger. Sokrates mußt es mit dem Leben bezahlen; und wenn Aristoteles noch mit heiler Haut davon kam, als ihn der Oberpriester Euryrnedon zu Athen der Ketzerei anklagte, so kam es bloß daher, weil er sich in Zeiten aus dem Staube machte. "Ich will den Athenern keine Gelegenheit geben», sagte er, «sich zum zweiten Male an der Philosophie zu versündigen.» Die Abderiten waren bei allen ihren menschlichen Schwachheiten wenigstens keine sehr bösartigen Leute. Unter ihnen hätte Sokrates so alt werden können als Homers Nestor. Sie hätten ihn für eine wunderliche Art von Narren gehalten, und sich über seine vermeintliche Torheit lustig gemacht; aber die Sache bis zum Giftbecher zu treiben, war nicht in ihrem Charakter. Demokrit ging so scharf mit ihnen zu Werke, daß ein weniger jovialisches Volk die Geduld dabei verloren hätte. Gleichwohl bestand alle Rache, die sie an ihm nahmen, darin, daß sie (unbekümmert mit welchem Grunde) eben so übel von ihm sprachen als er von ihnen, alles tadelten was er unternahm, alles lächerlich fanden was er sagte, und von allem, was er ihnen riet, gerade das Gegenteil taten. «Man muß dem Philosophen durch den Sinn fahren», sagten sie; «man muß ihm nicht weis machen, daß er alles besser wisse als wir.» - Und, dieser weisen Maxime zufolge, begingen die guten Leute eine Torheit über die andre, und glaubten wie viel sie dabei gewonnen hätten, wenn es ihn verdrösse. Aber hierin verfehlten sie ihres Zweckes gänzlich. Denn Demokrit lachte dazu, und ward aller ihrer Neckereien wegen nicht einen Augenblick früher grau. - «O die Abderiten, die Abderiten!» rief er zuweilen; «da haben sie sich wieder selbst eine Ohrfeige gegeben, in Hoffnung, daß es mir weh tun werde!» «Aber (sagten die Abderiten) kann man auch mit einem Menschen schlimmer daran sein? Über alles in der Welt ist er andrer Meinung als wir. An allem, was uns gefällt, hat er etwas auszusetzen. Es ist doch sehr unangenehm, sich immer widersprechen zu lassen!» «Aber wenn ihr nun immer unrecht habt?» antwortete Demokrit. - «Und laßt doch einmal sehen, wie es anders sein könnte! - Alle eure Begriffe habt ihr eurer Amme zu denken; über alles denkt ihr noch eben so, wie ihr als Kinder davon dachtet. Eure Körper sind gewachsen, und eure Seelen liegen noch in der Wiege. Wie viele sind wohl unter euch, die sich die Mühe gegeben haben, den Grund zu erforschen, warum sie etwas wahr oder gut oder schön nennen? Gleich den Unmündigen und Säuglingen ist euch alles gut und schön, was eure Sinne kitzelt, was euch gefällt. Und auf was für kleinfügige, oft gar nicht zur Sache gehörende Ursachen und Umstände kommt es an, ob euch etwas gefallen soll oder nicht! Wie verlegen würdet ihr oft sein, wenn ihr sagen solltet, warum ihr dies liebt und jenes hasset! Grillen, Launen, Eigensinn, Gewohnheit euch von andern Leuten gängeln zu lassen, mit ihren Augen zu sehen, mit ihren Ohren zu hören, und, was sie euch vorgepfiffen haben, nachzupfeifen, - sind die Triebfedern, die bei euch die Stelle der Vernunft ersetzen. Soll ich euch sagen, woran der Fehler liegt? Ihr habt euch einen falschen Begriff von Freiheit in den Kopf gesetzt. Eure Kinder von drei oder vier Jahren haben freilich den nämlichen Begriff davon; aber dies macht ihn nicht richtiger., sagt ihr; und nun glaubt ihr, die Vernunft habe euch nichts einzureden. - Nun denn, meine lieben Abderiten, so denkt und faselt, liebt und haßt, bewundert und verachtet, wie, wenn und was euch beliebt! Begeht Torheiten so oft und so viel euch beliebt! Macht euch lächerlich wie es euch beliebt! Wem liegt am Ende was daran? So lang' es nur Kleinigkeiten, Puppen und Steckenpferde betrifft, wär es unbillig, euch im Besitze des Rechtes, eure Puppe und euer Steckenpferd nach Belieben zu putzen und zu reiten, stören zu wollen. Gesetzt auch, eure Puppe wäre häßlich, und das, was ihr euer Steckenpferd nennt, sähe von vorn und von hinten einem Öchslein oder Eselein ähnlich: was tut das? Wenn eure Torheiten euch glücklich und niemand unglücklich machen, was geht es andre Leute an daß es Torheiten sind? Warum sollte nicht der hochweise Rat von Abdera, in feierlicher Prozession, einer hinter dem andern, vom Rathause bis zum Tempel der Latona - Burzelbäume machen dürfen, wenn es dem Rat und dem Volke von Abdera so gefällig wäre? Warum solltet ihr euer bestes Gebäude nicht in einen Winkel, und eure schöne kleine Venus nicht auf einen Obelisk setzen dürfen? - Aber, meine lieben Landsleute, nicht alle eure Torheiten sind so unschuldig wie diese; und wenn ich sehe, daß ihr euch durch eure Grillen und Aufwallungen Schaden tut, so müßt ich euer Freund nicht sein, wenn ich still dazu schweigen könnte. Zum Beispiel, euer Frosch- und Mäusekrieg mit den Lemniern, der unnötigste und unbesonnenste der jemals angefangen wurde, um einer Tänzerin willen! - Es fiel in die Augen, daß ihr damals unter dem unmittelbaren Einfluß eures bösen Dämons waret, da ihr ihn beschlosset; alles half nichts, was man euch dagegen vorstellte. Die Lemnier sollten gezüchtigt werden, hieß es; und, wie ihr Leute von lebhafter Einbildung seid, so schien euch nichts leichter, als euch von ihrer ganzen Insel Meister zu machen. Denn die Schwierigkeiten einer Sache pflegt ihr nie eher in Erwägung zu nehmen, als bis euch eure Nase daran erinnert. Doch dies alles möchte noch hingegangen sein, wenn ihr nur wenigstens die Ausführung eurer Entwürfe einem tüchtigen Mann aufgetragen hättet. Aber den jungen Aphron zum Feldherrn zu machen, ohne daß sich irgend ein möglicher Grund davon erdenken ließ, als weil eure Weiber fanden, daß er in seiner prächtigen neuen Rüstung so schön wie ein Paris sei; und über dem Vergnügen, einen großen feuerfarbenen Federbusch auf seinem hirnlosen Kopfe nicken zu sehen - zu vergessen, daß es nicht um ein Lustgefecht zu tun war: dies, leugnete nur nicht, dies war ein Abderitenstreich! Und nun, da ihr ihn mit dem Verlust eurer Ehre, eurer Galeeren und eurer besten Mannschaft bezahlt habt, was hilft es euch, daß die Athener*, die ihr euch in ihren Torheiten zum Muster genommen habt, eben so sinnreiche Streiche, und zuweilen mit eben so glücklichem Ausgang zu spielen pflegen?» In diesem Tone sprach Demokrit mit den Abderiten, so oft sie ihm Gelegenheit dazu gaben; aber wiewohl dies sehr oft geschah, so konnten sie sich doch unmöglich gewöhnen, diesen Ton angenehm zu finden. «So geht es», sagten sie, «wenn man naseweisen Jünglingen erlaubt, in der weiten Welt herum zu reisen, um sich ihres Vaterlandes schämen zu lernen, und nach zehn oder zwanzig Jahren mit einem Kopfe voll ausländischer Begriffe als Kosmopoliten zurück zu kommen, die alles besser wissen als ihre Großväter, und alles anderswo besser gesehen haben als zu Hause. Die alten Ägypter, die niemand reisen ließen eh er wenigstens funfzig Jahre auf dem Rücken hatten, waren weise Leute!» Und eilends gingen die Abderiten hin, und machten ein Gesetz: daß kein Abderitensohn hinfort weiter als bis an den Korinthischen Isthmus, länger als ein Jahr, und anders als unter der Aufsicht eines bejahrten Hofmeisters von altabderitischer Abkunft, Denkart und Sitte, sollte reisen dürfen. «Junge Leute müssen zwar die Welt sehen», sagte das Dekret: «aber eben darum sollen sie sich an jedem Orte nicht länger aufhalten, als bis sie alles, was mit Augen da zu sehen ist, gesehen haben. Besonders soll der Hofmeister genau bemerken, was für Gasthöfe sie angetroffen, wie sie gegessen, und wie viel sie bezahlen müssen; damit ihre Mitbürger sich in der Folge diese ersprießlichen Geheimnachrichten zunutze machen können. Ferner soll, (wie das Dekret weiter sagt) zu Ersparung der Unkosten eines allzu langen Aufenthalts an Einem Orte, der Hofmeister dahin sehen, daß der junge Abderit in keine unnötige Bekanntschaften verwickelt werde. Der Wirt oder der Hausknecht, als an dem Orte einheimische und unbefangene Personen, können ihm am besten sagen, was da merkwürdiges zu sehen ist, wie die dasigen Gelehrten und Künstler heißen, wo sie wohnen, und um welche Zeit sie zu sprechen sind: dies bemerkt sich der Hofmeister in sein Tagebuch; und dann läßt sich in zwei oder drei Tagen, wenn man die Zeit wohl zu Rate hält, vieles in Augenschein nehmen.» Zum Unglück für dieses weise Dekret befanden sich ein paar Abderitische junge Herren von großer Wichtigkeit eben außer Landes, als es abgefaßt und (nach alter Gewohnheit) dem Volk auf den Hauptplätzen der Stadt vorgesungen wurde. Der eine war der Sohn eines Krämers, der durch Geiz und niederträchtige Kunstgriffe in seinem Gewerbe binnen vierzig Jahren ein beträchtliches Vermögen zusammen gekratzt, und kraft desselben seine Tochter (das häßlichste und dümmste Tierchen von ganz Abdera) kürzlich an einen Neffen des kleinen dicken Ratsherrn, dessen oben rühmliche Erwähnung getan worden, verheiratet hatte. Der andere war der einzige Sohn des Nomophylax, und sollte, um seinem Vater je eher je lieber in diesem Amte beigeordnet werden zu können, nach Athen reisen und sich mit dem Musikwesen daselbst genauer bekannt machen; während daß der Erbe des Krämers, der ihn begleiten wollte, mit den Putzmacherinnen und Sträußermädchen allda genauere Bekanntschaft zu machen gesonnen war. Nun hatte das Dekret an den besondern Fall, worin sich diese jungen Herren befanden, nicht gedacht. Die Frage war also, was zu tun sei. Ob man auf eine Modifikation des Gesetzes antragen, oder beim Senat bloß um Dispensation für den vorliegenden Fall ansuchen sollte? «Keines von beiden», sagte der Nomophylax, der eben mit Aufsetzung eines neuen Tanzes auf das Fest der Latona fertig und außerordentlich mit sich selbst zufrieden war. «Um etwas am Gesetze zu ändern, müßte man das Volk deswegen zusammen berufen; und dies würde unsern Mißgünstigen nur Gelegenheit geben die Mäuler aufzureißen. Was die Dispensation betrifft, so ist zwar an dem, daß man die Gesetze meistens um der Dispensationen willen macht; und ich zweifle nicht, der Senat würde uns ohne Schwierigkeiten zugestehen, was jeder in ähnlichen Fällen kraft des Gegenrechtes fordern zu können wünscht. Indessen hat doch jede Befreiung das Ansehen einer erwiesenen Gnade; und wozu haben wir nötig, uns Verbindlichkeiten aufzuhalsen? Das Gesetz ist ein schlafender Löwe, bei dem man, so lang' er nicht aufgeweckt wird, so sicher als bei einem Lamme vorbei schleichen kann. Und wer wird die Unverschämtheit oder die Verwegenheit haben, ihn gegen den Sohn des Nomophylax aufzuwecken?» Dieser Beschirmer der Gesetze war, wie wir sehen, ein Mann, der von den Gesetzen und von seinem Amte sehr verfeinerte Begriffe hatte, und sich der Vorteile, die ihm das letztere gab, fertig zu bedienen wußte. Sein Name verdient aufbehalten zu werden. Er nannte sich Gryllus, des Cyniskus Sohn. * Die Athener hatten zu ihrem Kriege mit Megara keinen bessere Grund, (wenn man dem Aristophanes glauben dürfte) als daß etliche junge Herren von Megara, um die Entführung einer Megarischen Hetäre zu rächen, ein paar junge Dirnen von der nämlichen Profession aus Aspasiens Pflanzschule entführt hatten. Aspasia vermochte alles über den Perikles, Perikles alles in Athen, und so wurde den Megarem der Krieg angekündigt (Zurück) 10. KAPITEL Demokrit zieht sich aufs Land zurück, und wird von den Abderiten fleißig besucht. Allerlei Raritäten, und eine Unterredung vom Schlaraffenlande der Sittenlehrer. DEMOKRIT hatte sich, da er in sein Vaterland zurück kam, mit dem Gedanken geschmeichelt, demselben mittelst alles dessen, um was sich sein Verstand und sein Herz inzwischen gebessert hatte, nützlich werden zu können. Er hatte sich nicht vorgestellt, daß es mit den Abderitischen Köpfen so gar übel stände, als er es nun wirklich fand. Aber da er sich einige Zeit unter ihnen aufgehalten, sah er augenscheinlich, daß es ein eitles Unternehmen gewesen wäre, sie verbessern zu wollen. Alles war bei ihnen so verschoben, daß man nicht wußte, wo man die Verbesserung anfangen sollte. jeder ihrer Mißbräuche hing an zwanzig andern; es war unmöglich, Einen davon abzustellen, ohne den ganzen Staat umzuschaffen. Eine gute Seuche, (dacht er) welche das ganze Völkchen - bis auf etliche Dutzend Kinder, die gerade groß genug wären um der Ammen entbehren zu können - von der Erde vertilgte, wäre das einzige Mittel, das der Stadt Abdera helfen könnte; den Abderiten ist nicht zu helfen! Er beschloß also sich mit guter Art von ihnen zurück zu ziehen, und ein kleines Gut zu bewohnen, das er in ihrer Gegend besaß, und mit dessen Benutzung und Verschönerung er sich die Stunden beschäftigte, die ihm sein Lieblingsstudium, die Erforschung der Naturwirkungen, übrig ließ. Aber zum Unglück für ihn lag dies Landgut zu nahe bei Abdera. Denn weil die Lage desselben ungemein schön, und der Weg dahin einer der angenehmsten Spaziergänge war: so sah er sich alle Tage Gottes von einem Schwarm Abderiten und Abderitinnen (lauter Vettern und Basen) heimgesucht, welche das schöne Wetter und den angenehmen Spaziergang zum Vorwande nahmen, ihn in seiner glücklichen Einsamkeit zu stören. Wiewohl Demokrit den Abderiten wenigstens nicht besser gefiel als sie ihm, so war doch die Wirkung davon sehr verschieden. Er floh sie, weil sie ihm lange Weile machten; und sie suchten ihn, weil sie sich die Zeit dadurch vertrieben. Er wußte die seinige anzuwenden; sie hingegen hatten nichts bessers zu tun. «Wir kommen Ihnen in Ihrer Einsamkeit die Zeit kürzen zu helfen», sagten die Abderiten. «Ich pflege in meiner eigenen Gesellschaft sehr kurze Zeit zu haben», sagte Demokrit. «Aber wie ist es möglich, daß man immer so allein sein kann?» rief die schöne Pithöka. «Ich würde vor langer Weile vergehen, wenn ich einen einzigen Tag leben sollte ohne Leute zu sehen.» «Sie versprachen sich, Pithöka, von Leuten gesehen zu werden, wollten Sie sagen.» «Aber, (fuhr einer heraus) woher nehmen Sie, daß unser Freund lange Weile hat? Sein ganzes Haus ist mit Seltenheiten angefüllt. Mit Ihrer Erlaubnis, Demokrit - Lassen Sie uns doch die schönen Sachen sehen, die Sie, wie man sagt, auf Ihrer Reise gesammelt haben.» Nun ging das Leiden des armen Einsiedlers erst recht an. Er hatte in der Tat eine schöne Sammlung von Naturalien aus allen Reichen der Natur mitgebracht: ausgestopfte Tiere und Vögel, getrocknete Fische, seltne Schmetterlinge, Muscheln, Versteinerungen, Erze usw. Alles war den Abderiten neu, alles erregte ihr Erstaunen. Der gute Naturforscher wurde in einer Minute mit so viel Fragen übertäubt, daß er, wie Fama, aus lauter Ohren und Zungen hätte zusammen gesetzt sein müssen, um auf alles antworten zu können. «Erklären Sie uns doch was dieses ist? wie es heißt? woher es ist? wie es zugeht? warum es so ist?» Demokrit erklärte so gut er konnte und wußte: aber den Abderiten wurde nichts klärer dadurch; es war ihnen vielmehr als begriffen sie immer weniger von der Sache je mehr er sie ihnen erklärte. Seine Schuld war es nicht! «Wunderbar! Unbegreiflich! Sehr wunderbar!» - war ihr ewiger Gegenklang. «So natürlich als etwas in der Welt!» erwiderte er ganz kaltsinnig. «Sie sind gar zu bescheiden, Vetter! Oder vermutlich wollen Sie nur, daß man Ihnen desto mehr Komplimente über Ihren guten Geschmack und über Ihre großen Reisen machen soll?» «Setzen Sie sich deswegen in keine Unkosten, meine Herren und Damen! Ich nehme alles für empfangen an.» «Aber es mag doch eine angenehme Sache sein, so tief in die Welt hinein zu reisen?» - sagte ein Abderit. «Und ich dächte gerade das Gegenteil», erwiderte ein anderer. - «Nehmen Sie alle die Gefahren und Beschwerlichkeiten, denen man täglich ausgesetzt ist, die schlimmen Straßen, die schlechten Gasthöfe, die Sandbänke, die Schiffbrüche, die wilden Tiere, Krokodille, Einhörner, Greifen und geflügelten Löwen, von denen in der Barbarei alles wimmelt! -» «Und dann, was hat man am Ende davon, (fiel ein Matador von Abdera ein) wenn man gesehen hat wie groß die Welt ist? Ich dächte, das Stück, das ich selbst davon besitze, käme mir dann so klein vor, daß ich keine Freude mehr daran haben könnte.» «Aber rechnen Sie für nichts, so viel Menschen zu sehen?» - erwiderte der erste. «Und was sieht man denn da? Menschen! Die konnte man zu Hause sehen. Es ist allenthalben wie bei uns.» «Ei, hier ist gar ein Vogel ohne Füße!» rief ein junges Frauenzimmer. «Ohne Füße? - Und der ganze Vogel nur eine einzige Feder! das ist erstaunlich!» sprach eine andere. «Begreifen Sie das?» «Ich bitte Sie, lieber Demokrit, erklären Sie uns, wie er gehen kann da er keine Füße hat.» «Und wie er mit einer einzigen Feder fliegt.» «O, was ich am liebsten sehen möchte», sagte eine von den Basen, «das wäre ein lebendiger Sphinx! - Sie müssen deren wohl viele in Ägypten gefunden haben?» «Aber ists möglich, ich bitte Sie, daß die Weiber und Töchter der Gymnosophisten in Indien - wie man sagt - Sie verstehen mich doch, was ich fragen will?» «Nicht ich, Frau Salabanda!» «O Sie verstehen mich gewiß! Sie sind ja in Indien gewesen? Sie haben die Weiber der Gymnosophisten gesehen?» «O ja, und Sie können mir glauben, daß die Weiber der Gymnosophisten weder mehr noch weniger Weiber sind als die Weiber der Abderiten.» «Sie erweisen uns viel Ehre. Aber dies ist nicht, was ich wissen wollte. Ich frage, ob es wahr ist, daß sie -» Hier hielt Frau Salabanda eine Hand vor ihren Busen, und die andere - kurz, sie setzte sich in die Stellung der Mediceischen Venus, um dem Philosophen begreiflich zu machen, was sie wissen wollte. «Nun verstehen Sie mich doch?» sagte sie. «Ja, Madam, die Natur ist nicht karger gegen sie gewesen als gegen andre. Welch eine Frage das ist!» «Sie wollen mich nicht verstehen, loser Mann! Ich dächte doch, ich hätte Ihnen deutlich genug gesagt, daß ich wissen möchte, ob es wahr sei daß sie - weil Sie doch wollen, daß ichs Ihnen unverblümt sage - so nackend gehen als sie auf die Welt kommen?» « Nackend!» - riefen die Abderitinnen alle auf einmal. «Da wären sie ja noch unverschämter als die Mädchen in Lacedämon! Wer wird auch so was glauben?» «Sie haben recht», sagte der Naturforscher: «die Weiber der Gymnosophisten sind weniger nackend als die Weiber der Griechen in ihrem vollständigsten Anzuge; sie sind vom Kopf bis zu den Füßen in ihre Unschuld und in die öffentliche Ehrbarkeit eingehüllt.» «Wie meinen Sie das?» «Kann ich mich deutlicher erklären?» «Ach, nun versteh ich Sie! Es soll ein Stich sein! Aber Sie scherzen doch wohl nur mit Ihrer Ehrbarkeit und Unschuld. Wenn die Weiber der Gymnosophisten nicht haltbarer gekleidet sind, so - müssen sie entweder sehr häßlich, oder die Männer in ihrem Lande sehr frostig sein.» «Keines von beiden. Ihre Weiber sind wohl gebildet, und ihre Kinder gesund und voller Leben; ein unverwerfliches Zeugnis zugunsten ihrer Väter, deucht mich!» «Sie sind ein Liebhaber von Paradoxen, Demokrit», sprach der Matador; «aber Sie werden mich in Ewigkeit nicht überreden, daß die Sitten eines Volks desto reiner seien, je nackender die Weiber desselben sind.» «Wenn ich ein so großer Liebhaber von Paradoxen wäre als man mich beschuldigt, so würd es mir vielleicht nicht schwer fallen, Sie dessen durch Beispiele und Gründe zu überführen. Aber ich bin dem Gebrauch der Gymnosophistinnen nicht günstig genug, um mich zu seinem Verteidiger aufzuwerfen. Auch war meine Meinung gar nicht, das zu sagen was mich der scharfsinnige Kratylus sagen läßt. Die Weiber der Gymnosophisten schienen mir nur zu beweisen, daß Gewohnheit und Umstände in Gebräuchen dieser Art alles entscheiden. Die Spartanischen Töchter, weil sie kurze Röcke, und die am Indus, weil sie gar keine Röcke tragen, sind darum weder unehrbarer noch größerer Gefahr ausgesetzt, als diejenigen, die ihre Tugend in sieben Schleier einwickeln. Nicht die Gegenstände, sondern unsre Meinungen von denselben, sind die Ursachen unordentlicher Leidenschaften. Die Gymnosophisten, welche keinen Teil des menschlichen Körpers für unedler halten als den andern, sehen ihre Weiber, wiewohl sie bloß in ihr angebornes Fell gekleidet sind, für eben so gekleidet an, als die Skythen die ihrigen, wenn sie ein Tigerkatzenfell um die Lenden hangen haben.» «Ich wünschte nicht, daß Demokrit mit seiner Philosophie so viel über unsre Weiber vermochte, daß sie sich solche Dinge in den Kopf setzten», - sagte ein ehrenfester steifer Abderit, der mit Pelzwaren handelte. «Ich auch nicht», - stimmte ein Leinwandhändler ein. «Ich wahrlich auch nicht», sagte Demokrit, «wiewohl ich weder mit Pelzen noch Leindwand handle.» «Aber Eins erlauben Sie mir noch zu fragen», lispelte die Base die so gern lebendige Sphinxe gesehen haben möchte: «Sie sind in der ganzen Welt herum gekommen; und es soll da viele wunderbare Länder geben, wo alles anders ist als bei uns -» «Ich glaube kein Wort davon», - murmelte der Ratsherr, indem er, wie Homers Jupiter, das ambrosische Haar auf seinem weisheitschwangern Kopfe schüttelte. «Sagen Sie mir doch», fuhr die Base fort, «in welchem unter allen diesen Ländern gefiel es Ihnen am besten?» «Wo könnt es einem besser gefallen, als - zu Abdera?» «O wir wissen schon daß dies Ihr Ernst nicht ist. Ohne Komplimente! antworten Sie der jungen Dame wie Sie denken», - sagte der Ratsherr. «Sie werden über mich lachen», erwiderte Demokrit: «aber weil Sie es verlangen, schöne Klonarion, so will ich Ihnen die reine Wahrheit sagen. Haben Sie nie von einem Lande gehört, wo die Natur so gefällig ist, neben ihren eigenen Verrichtungen auch noch die Arbeit der Menschen auf sich zu nehmen? Von einem Lande, wo ewiger Friede herrscht? wo niemand Knecht und niemand Herr, niemand arm und jedermann reich ist; wo der Durst nach Golde zu keinen Verbrechen zwingt, weil man das Gold zu nichts gebrauchen kann; wo eine Sichel ein eben so unbekanntes Ding ist als ein Schwert; so der Fleißige nicht für den Müßiggänger arbeiten muß; wo es keine Ärzte gibt weil niemand krank wird, keine Richter weil es keine Händel gibt, keine Händel weil jedermann zufrieden ist, und jedermann zufrieden ist, weil jedermann alles hat was er nur wünschen kann; - mit Einem Worte, von einem Lande, wo alle Menschen so fromm wie die Lämmer, und so glücklich wie die Götter sind? - Haben Sie nie von einem solchen Lande gehört?» «Nicht, daß ich mich erinnerte.» «Das nenn ich ein Land, Klonarion! Da ist es nie zu warm und nie zu kalt, nie zu naß und nie zu trocken; Frühling und Herbst regieren dort nicht wechselsweise, sondern, wie in den Gärten des Alcinous, zugleich, in ewiger Eintracht. Berge und Täler, Wälder und Auen sind mit allem angefüllt, was des Menschen Herz gelüsten kann. Aber nicht etwa daß die Leute sich die Mühe geben müßten die Hasen zu jagen, die Vögel oder Fische zu fangen, und die Früchte zu pflücken, die sie essen wollen; oder daß sie die Gemächlichkeiten, deren sie genießen, erst mit vielem Ungemach erkaufen müßten. Nein! alles macht sich da von selbst. Die Rebhühner und Schnepfen fliegen einem gespickt und gebraten um den Mund, und bitten demütig daß man sie essen möchte; Fische von allen Arten schwimmen gekocht in Teichen von allen möglichen Brühen, deren Ufer immer voll Austern, Krebse, Pasteten, Schinken und Ochsenzungen liegen. Hasen und Rehböcke kommen freiwillig herbei gelaufen, streifen sich das Fell über die Ohren, stecken sich an den Bratspieß, und legen sich, wenn sie gar sind, von selbst in die Schüssel. Allenthalben stehen Tische, die sich selbst decken; und weich gepolsterte Ruhebettchen laden allenthalben zum Ausruhen vom - Nichtstun und zu angenehmen Ermüdungen ein. Neben denselben rauschen kleine Bäche von Milch und Honig, von Cyprischem Wein, Zitronenwasser und andern angenehmen Getränken; und über sie her wölben sich, mit Rosen und Schasmin untermengt, Stauden voller Becher und Gläser, die sich, so oft sie ausgetrunken werden, gleich von selbst wieder anfüllen. Auch gibt es da Bäume, die statt der Früchte kleine Pastetchen, Bratwürste, Mandelkrapfen und Buttersemmeln tragen; andere, die an allen Ästen mit Geigen, Harfen, Cithern, Theorben, Flöten und Waldhörnern behangen sind, welche von sich selbst das angenehmste Konzert machen, das man hören kann. Die glücklichen Menschen, nachdem sie den wärmern Teil des Tages verschlafen und den Abend vertanzt, versungen und verscherzt haben, erfrischen sich dann in kühlen marmornen Bädern, wo sie von unsichtbaren Händen sanft gerieben, mit feinem Byssus, der sich selbst gesponnen und gewebt hat, abgetrocknet, und mit den kostbarsten Essenzen, die aus den Abendwolken herunter tauen, eingebalsamt werden. Dann legen sie sich auf schwellende Polster um volle Tafeln her, und essen und trinken und lachen, singen und tändeln und küssen die ganze Nacht durch, die ein ewiger Vollmond zum sanftern Tage macht; und - was noch das angenehmste ist -» «O gehen Sie, Herr Demokrit, Sie haben mich zum besten! Was Sie mir da erzählen, ist ja das Märchen vom Schlaraffenlande, das ich tausendmal von meiner Amme gehört habe, wie ich noch ein kleines Mädchen war.» «Aber Sie finden doch auch, Klonarion, daß sichs gut in diesem Lande leben müßte?» «Merken Sie denn nicht, daß unter allem diesem eine geheime Bedeutung verborgen liegt?» sagte der weise Ratsmann; «vermutlich eine Satire auf gewisse Philosophen, welche das höchste Gut in der Wollust suchen.» Schlecht geraten, Herr Ratsherr! dachte Demokrit. «Ich erinnere mich in den Amphiktyonen des Teleklides eine ähnliche Beschreibung des goldnen Alters gelesen zu haben», - sagte Frau Salabanda.* «Das Land, das ich der schönen Klonarion beschrieb», sprach der Naturforscher, «ist keine Satire: es ist das Land, in welches von jedem Dutzend unter euch weisen Leuten zwölf sich im Herzen hinein wünschen und nach Möglichkeit hinein arbeiten, und in welches uns eure Abderitischen Sittenlehrer hinein deklamieren wollen; wenn anders ihre Deklamationen irgend einen Sinn haben.» «Ich möchte wohl wissen, wie Sie dies verstehen!» - sagte der Ratsherr, der (vermög' einer vieljährigen Gewohnheit, nur mit halben Ohren zu hören, und sein Votum im Rate schlummernd von sich zu geben) sich nicht gern die Mühe nahm einer Sache lange nachzudenken. «Sie lieben eine starke Beleuchtung, wie ich sehe, Herr Ratsmeister», erwiderte Demokrit. «Aber zu viel Licht ist zum Sehen eben so unbequem als zu wenig. Helldunkel ist, deucht mich, gerade so viel Licht, als man braucht, um in solchen Dingen weder zu viel noch zu wenig zu sehen. Ich setze zum voraus, daß Sie überhaupt sehen können. Denn wenn dies nicht wäre, so begreifen Sie wohl, daß wir beim Lichte von zehentausend Sonnen nicht besser sehen würden, als beim Schein eines Feuerwurms.» «Sie sprechen von Feuerwürmern?» - sagte der Ratsherr, indem er bei dem Worte Feuerwurm aus einer Art von Seelenschlummer erwachte, in welchen er über dem Gaffen nach Salabandens Busen, während Demokrit redete, gefallen war. - «Ich dachte wir sprächen von den Moralisten. » «Von Moralisten oder Feuerwürmern, wie es Ihnen beliebt», versetzte Demokrit. «Was ich sagen wollte, um ihnen die Sache, wovon wir sprachen, deutlich zu machen, war dies: Ein Land, wo ewiger Friede herrscht, und wo alle Menschen in gleichem Grade frei und glücklich sind; wo das Gute nicht mit dem Bösen vermischt ist, Schmerz nicht an Wollust und Tugend nicht an Untugend grenzt, wo lauter Schönheit, lauter Ordnung, lauter Harmonie ist; - mit Einem Wort, ein Land, wie Ihre Moralisten den ganzen Erdboden haben wollen, ist entweder ein Land, wo die Leute keinen Magen und keinen Unterleib haben, oder es muß schlechterdings das Land sein, das uns Teleklides schildert, aus dessen Amphiktyonen ich (wie die schöne Salabanda sehr wohl bemerkt hat) meine Beschreibung genommen habe. Vollkommene Gleichheit, vollkommene Zufriedenheit mit dem Gegenwärtigen, immer währende Eintracht - kurz, die Saturnischen Zeiten, wo man keine Könige, keine Priester, keine Soldaten, keine Ratsherren, keine Moralisten, keine Schneider, keine Köche, keine Ärzte und keine Scharfrichter braucht, sind nur in dem Lande möglich, wo einem die Rebhühner gebraten in den Mund fliegen, oder (welches ungefähr eben so viel sagen will) wo man keine Bedürfnisse hat. Dies ist, wie mich deucht, so klar, daß es demjenigen, dem es dunkel ist, durch alles Licht im Feuerhimmel nicht klärer gemacht werden könnte. Gleichwohl ärgern sich Ihre Moralisten darüber, daß die Welt so ist wie sie ist: und wenn der ehrliche Philosoph, der die Ursachen weiß warum sie nicht anders sein kann, den Ärger dieser Herren lächerlich findet; so begegnen sie ihm als ob er ein Feind der Götter und der Menschen wäre; welches zwar an sich selbst noch lächerlicher ist, aber zuweilen da, wo die milzsüchtigen Herren den Meister spielen, einen ziemlich tragischen Ausgang nimmt.» «Aber was wollen Sie denn, daß die Moralisten tun sollen?» «Die Natur erst ein wenig kennen lernen, ehe sie sich einfallen lassen es besser zu wissen als sie; verträglich und duldsam gegen die Torheiten und Unarten der Menschen sein, welche die ihrigen dulden müssen; durch Beispiele bessern, statt durch frostiges Gewäsche zu ermüden oder durch Schmähreden zu erbittern; keine Wirkungen fordern wovon die Ursachen noch nicht da sind, und nicht verlangen daß wir die Spitze eines Berges erreicht haben sollen, ehe wir hinauf gestiegen sind.» «So unsinnig wird doch niemand sein?» - sagte der Abderiten einer. «So unsinnig sind neun Zehnteile der Gesetzgeber, Projektmacher, Schulmeister und Weltverbesserer auf dem ganzen Erdenrund alle Tage!» - sagte Demokrit. Die zeitverkürzende Gesellschaft, welche die Laune des Naturforschers unerträglich zu finden anfing, begab sich nun wieder nach Hause, und dahlte unterwegs, beim Glanz des Abendsterns und einer schönen Dämmerung, von Sphinxen, Einhörnern, Gymnosophisten und Schlaraffenländern; und so viel Mannigfaltigkeit auch unter allen den Albernheiten, welche gesagt wurden, herrschte, so stimmten doch alle darin überein: daß Demokrit ein wunderlicher, einbildischer, überkluger, tadelsüchtiger, wiewohl bei allem dem ganz kurzweiliger Sonderling sei. - «Sein Wein ist das Beste, was man bei ihm findet», sagte der Ratsherr. Gütiger Anubis! dachte Demokrit, da er wieder allein war: was man nicht mit diesen Abderiten reden muß, um sich - die Zeit von ihnen vertreiben zu lassen! * Frau Salabanda sagte die Wahrheit. Lange vor dem Hammel der Madame Daulnoy machte Lucian in seiner wahren Geschichte, und lange vor Lucian machten die Griechischen Komödiendichter, Metagenes, Pherekrates, Teleklides, Krates und Kratinus, Beschreibungen vom Schlaraffenlande und vom Schlaraffenleben, worin sie sich in die Wette beehrten, der ausschweifendsten Einbildungskraft eines neuern Märchenmachers nichts übrig zu lassen. Die kühnsten Züge im Gemälde, welches Demokrit davon macht, sind aus den Fragmenten genommen, die uns Athenäus im sechsten Buche seines Gastmahls davon aufbehalten hat. (Zurück) 11. KAPITEL Etwas von den Abderitischen Philosophen, und wie Demokrit das Unglück hat, sich mit ein paar wohlgemeinten Worten in sehr schlimmen Kredit zu setzen. DASS MAN sich aber gleichwohl nicht einbilde, als ob alle Abderiten ohne Ausnahme durch ein Gelübde oder durch ihren Bürgereid verbunden gewesen seien, nicht mehr Verstand zu haben als ihre Großmütter, Ammen und Ratsherren! Abdera, die Nebenbuhlerin von Athen, hatte auch Philosophen, das heißt, sie hatte Philosophen - wie sie Maler und Dichter hatte. Der berühmte Sophist Protagoras war ein Abderit gewesen, und hatte eine Menge Schüler hinterlassen, die ihrem Meister zwar nicht an Witz und Beredsamkeit gleich kamen, aber ihm dafür auch an Eigendünkel und Albernheit desto überlegener waren. Diese Herren hatten sich eine bequeme Art von Philosophie zubereitet, vermittelst welcher sie ohne Mühe auf jede Frag' eine Antwort fanden, und von allem was unter und über der Sonne ist so geläufig schwatzten, daß - insoferne sie nur immer Abderiten zu Zuhörern hatten - die guten Zuhörer sich festiglich einbildeten, ihre Philosophen wüßten sehr viel mehr davon als sie selbst; wiewohl im Grunde der Unterschied nicht so groß war, daß ein vernünftiger Mann eine Feige darum gegeben hätte. Denn am Ende lief es doch immer darauf hinaus, daß der Abderitische Philosoph, etliche lange nichts bedeutende Wörter abgerechnet, gerade so viel von der Sache wußte, als derjenige unter allen Abderiten, der - am wenigsten davon zu wissen glaubte. Die Philosophen, vermutlich weil sie es für zu klein hielten, in den Detail der Natur herab zu steigen, gaben sich mit lauter Aufgaben ab, die außerhalb der Grenzen des menschlichen Verstandes liegen. Bis in diese Region, dachten sie, folgt uns niemand, als - wer unsers gleichen ist; und was wir auch den Abderiten davon vorsagen, so sind wir wenigstens gewiß, daß uns niemand Lügen strafen kann. Zum Beispiel, eine ihrer Lieblingsmaterien war die Frage: «Wie, warum, und woraus die Welt entstanden sei.» «Sie ging aus einem Ei hervor», sagte Einer: «der Äther war das Weiße, das Chaos der Dotter, und die Nacht brütete es aus.»* «Sie ist aus Feuer und Wasser entstanden», sagte ein Andrer. «Sie ist gar nicht entstanden», sprach der Dritte. «Alles war immer so wie es ist, und wird immer so bleiben wie es war.» Diese Meinung fand in Abdera wegen ihrer Bequemlichkeit vielen Beifall. «Sie erklärt alles», sagten sie, «ohne daß man nötig hat, sich erst lange den Kopf zu zerbrechen.» «Es ist immer so gewesen», war die gewöhnliche Antwort eines Abderiten, wenn man ihn nach der Ursache oder dem Ursprung einer Sache fragte; und wer sich daran nicht ersättigen wollte, wurde für einen stumpfen Kopf angesehen. «Was ihr Welt nennt», sagte der Vierte, «ist eigentlich eine ewige Reihe von Welten, die, wie die Häute einer Zwiebel, über einander liegen, und sich nach und nach ablösen.» «Sehr deutlich gegeben», riefen die Abderiten, «sehr deutlich!» Sie glaubten den Philosophen verstanden zu haben, weil sie sehr gut wußten, was eine Zwiebel war. «Schimäre!» sprach der Fünfte. «Es gibt freilich unzählige Welten; aber sie entstehen aus der ungefähren Bewegung unteilbarer Sonnenstäubchen, und es ist viel Glück, wenn, nach zehntausendmal tausend übel geratenen, endlich eine heraus kommt, die noch so leidlich vernünftig aussieht wie die unsrige.» «Atomen geh ich zu», sprach der Sechste; «aber keine Bewegung von Ungefähr und ohne Richtung. Die Atomen sind nichts, oder sie haben bestimmte Kräfte und Eigenschaften, und, je nachdem sie einander ähnlich oder unähnlich sind, ziehen sie einander an, oder stoßen sich zurück. Daher machte der weise Empedokles (der Mann, der, um die wahre Beschaffenheit des Ätna zu erkundigen, sich weislich in den Schlund desselben hinein gestürzt haben soll) Haß und Liebe zu den ersten Ursachen aller Zusammensetzungen; und Empedokles hat recht.» «Um Vergebung, meine Herren, ihr habt alle unrecht», sprach der Philosoph Sisamis. «In Ewigkeit wird weder aus euerm mystischen Ei, noch aus euerm Bündnis zwischen Feuer und Wasser, noch aus euern Atomen, noch aus euern Homöomerien, eine Welt heraus kommen, wenn ihr keinen Geist zu Hülfe nehmt. Die Welt ist (wie jedes andre Tier) eine Zusammensetzung von Materie und Geist. Der Geist ist es, der dem Stoffe Form gibt; beide sind von Ewigkeit her vereinigt: und, so wie einzelne Körper aufgelöst werden, so bald der Geist, der ihre Teile zusammen hielt, sich zurück zieht; so würde, wenn der allgemeine Weltgeist aufhören könnte das Ganze zu umfassen und zu beleben, Himmel und Erde im nämlichen Augenblick in einen einzigen, ungeheuern, gestaltlosen, finstern und toten Klumpen zusammen fallen.» «Davor wolle Jupiter und Latona sein!» riefen die Abderiten, nicht ohne sich zu entsetzen, wie sie den Mann eine so fürchterliche Drohung ausstoßen hörten. «Es hat keine Gefahr», sagte der Priester Strobylus: «so lange wir die Frösche der Latona in unsern Mauern haben, soll es der Weltgeist des Sisamis wohl bleiben lassen, solchen Unfug in der Welt anzurichten.» «Meine Freunde», sprach der Achte, «der Weltgeist des weisen Sisamis ist mit den Atomen, Homöomerien, Zwiebeln und Eiern meiner Kollegen von gleichem Schlage. Einen Demiurg müssen wir annehmen, wenn wir eine Welt haben wollen: denn ein Gebäude setzt einen Baumeister oder wenigstens einen Zimmermeister voraus; und nichts macht sich von sich selbst, wie wir alle wissen.» «Aber man spricht doch alle Tage: Dies wird schon von sich selbst kommen, oder von sich selbst gehen» - sagten die Abderiten. «Man spricht wohl so», antwortete jener: «allein, wo habt ihr jemals gesehen, daß es wirklich so erfolgt wäre? Ich habe freilich unsre Archonten wohl tausendmal sagen hören: Aber wir hatten gut warten: es gab sich nicht, kam nicht, und machte sich nicht.» «Nur allzu wahr, was die Werke unsrer Archonten betrifft; (sagte ein alter Schuhflicker, der für einen Mann von Einsicht beim Volke galt, und große Hoffnung hatte bei der nächsten Wahl Zunftmeister zu werden) aber mit den Werken der Natur, wie die Welt ist, mag es doch wohl anders bewandt sein. Warum sollte die Welt nicht eben so gut aus dem Chaos hervor wachsen können, wie ein Pilz aus der Erde wächst?» «Meister Pfriem», versetzte der Philosoph, «zum Zunftmeister soll Er meine und aller meiner Vettern Stimme haben; aber keine Einwürfe gegen mein System, wenn ich bitten darf! Die Pilze wachsen freilich von selbst aus der Erde hervor, weil - weil - weil sie Pilze sind: aber eine Welt wächst nicht von selbst, weil sie kein Pilz ist. Versteht Er mich nun, Meister Pfriem?» Alle Anwesende lachten von Herzen, daß Meister Pfriem so abgeführt war. «Die Welt ist kein Pilz; dies ist klar wie Tageslicht», riefen die Abderiten; «da ist nichts einzuwenden, Meister Pfriem!» - «Verzweifelt!» murmelte der künftige Zunftmeister: «aber so geht es, wenn man sich mit den Herren abgibt, welche beweisen können, daß der Schnee weiß ist.» «Schwarz ist, wolltet Ihr sagen, Nachbar.» «Ich weiß, was ich gesagt habe und was ich sagen wollte», antwortete Meister Pfriem; «und ich wünsche nur, daß die Republik -» «Vergess' Er die vierzehn Stimmen nicht, die ich Ihm verschaffe, Meister Pfriem!» rief der Philosoph. - «Wohl, wohl! alles wohl! Aber Demiurg - das klingt mir bald so wie Demagog; und ich will weder Demagogen noch Demiurgen haben: ich bin für die Freiheit; und wer ein guter Abderit ist, der schwinge seinen Hut und folge mir!» Und hiermit ging Meister Pfriem davon, (denn der Leser merkt von selbst, daß alles dies in einer Halle von Abdera gesprochen wurde) und einige müßige Tölpel, die ihn allerwegen zu begleiten pflegten, folgten ihm. Aber der Philosoph, ohne zu tun als ob er es gewahr werde, fuhr fort: «Ohne einen Baumeister, einen Demiurg, oder wie ihr ihn nennen wollt, läßt sich vernünftiger Weise keine Welt bauen. Aber, merket wohl, es kam auf den Demiurg an, ob und wie er bauen wollte; und laßt sehen wie er es anfing. Stellt euch die Materie als einen ungeheuern Klumpen von vollkommen dichtem Kristall vor; und den Demiurg, wie er mit einem großen Hammer von Diamant diesen Klumpen auf Einen Schlag in so viele unendlich kleine Stückchen zerschmettert, daß sie durch den leeren Raum viele Millionen Kubikmeilen herum stieben. Natürlicher Weise brachen sich diese unendlich kleinen Stückchen Kristall auf verschiedene Art; und indem sie, mit der ganzen Heftigkeit der Bewegung, die ihnen der Schlag mit dem diamantenen Hammer gab, auf tausendfache Art wider einander fuhren, und sich unter einander auf allen Seiten stießen, schlugen und rieben, so entstand daraus notwendig eine unzählige Menge Körperchen von allerlei regelmäßigen und unregelmäßigen Figuren: - dreieckige, viereckige, achteckige, vieleckige und runde. Aus den runden wurde Wasser und Luft, welche nichts anders als verdünntes Wasser ist; aus den dreieckigen Feuer; aus den übrigen die Erde; und aus diesen vier Elementen setzt die Natur, wie ihr wißt, alle Körper in der Welt zusammen.» «Das ist wunderbar, sehr wunderbar! aber es begreift sich doch», sagten die Abderiten. «Ein Klumpen Kristall, ein diamantener Hammer, und ein Demiurg, der den Kristall so meisterhaft in Stücken schlägt, daß aus den Splittern, ohne seine weitere Bemühung, eine Welt entsteht! In der Tat die scharfsinnigste Hypothese, die man sehen kann, und gleichwohl so simpel, daß man dächte, man hätte sie alle Augenblicke selbst erfinden können!» «Ich erkläre mittelst dieser so simpeln Voraussetzung alle mögliche Wirkungen der Natur», - sagte der Philosoph mit selbstzufriednem Lächeln. «Nicht ein Wespennest», rief ein Neunter, Dämonax genannt, der den Behauptungen seiner Mitbrüder bisher mit stillschweigender Verachtung zugehört hatte. «Es gehören andre Kräfte und Anstalten dazu, ein so großes, so schönes, so wundervolles Werk, als dieses Weltgebäude ist, zustande zu bringen. Nur ein höchst vollkommner Verstand konnte den Plan davon erfinden; wiewohl ich gern gestehe, daß zur Ausführung geringere Werkmeister hinlänglich waren. Er überließ sie verschiedenen Klassen der subalternen Götter, wies einer jeden Klasse ihren besondern Kreis an, in welchem sie arbeitet, und benügte sich, die allgemeine Aufsicht über das Ganze zu führen. Es ist lächerlich, den Ursprung der Weltkörper, des Erdbodens, der Pflanzen, der Tiere, und alles dessen, was in Luft und Wasser ist, aus Atomen oder Sympathien oder ungefährer Bewegung, oder einem einzigen Hammerschlag erklären zu wollen. Geister sind es, welche in den Elementen herrschen, die Sphären des Himmels drehen, die organischen Körper bilden, das Frühlingsgewand der Natur mit Blumen sticken, und die Früchte des Herbstes in ihren Schoß ausgießen. Kann etwas faßlicher und angenehmer sein als diese Theorie? Sie erklärt alles; sie leitet jede Wirkung aus einer ihr angemessenen Ursache ab; und durch sie begreift man die, in jedem andern System unerklärbare, Kunst der Natur eben so leicht, als man begreift, wie Zeuxis oder Parrhasius mit ein wenig gefärbter Erde eine bezaubernde Landschaft oder ein Bad der Diana erschaffen kann.» «Was für eine schöne Sache es um die Philosophie ist!» sagten die Abderiten. «Alles, was man daran aussetzen möchte, ist, daß einem unter so viel feinen Theorien die Wahl sauer wird.» Indessen machte doch der Pythagoräer, der alles durch Geister bewerkstelligte, das meiste Glück. Die Poeten, die Maler, und alle übrige Schutzverwandten der Musen, mit dem sämtlichen Frauenzimmer von Abdera an ihrer Spitze, erklärten sich für - die Geister; doch unter der Bedingung, daß es ihnen erlaubt sein müsse, sie in so angenehme Gestalten, als jedem gefällig sei, einzukleiden. «Ich bin nie ein besonderer Freund der Philosophie gewesen, (sagte der Priester Strobylus) und aus Ursache! Aber weil doch die Abderiten ihr Grübeln über das Wie und Warum der Dinge nun einmal nicht lassen können: so habe ich gegen die Physik des Dämonax noch immer am wenigsten einzuwenden; unter den gehörigen Einschränkungen verträgt sie sich noch so ziemlich mit -» «O, sie verträgt sich mit allem in der Welt», sagte Dämonax; «das ist eben die Schönheit davon!» Endlich nahm Demokrit das Wort: «Soll ich euch, lieben Freunde, nach allen den feinen und kurzweiligen Sachen, die ihr bereits gehört habt, nun auch meine geringe Meinung sagen? Wenn es euch etwa wirklich darum zu tun sein sollte, die Beschaffenheit der Dinge, die euch umgeben, kennen zu lernen, so deucht mich ihr nehmt einen ungeheuern Umweg. Die Welt ist sehr groß; und von dem Standorte, woraus wir in sie hinein gucken, nach ihren vornehmsten Provinzen und Hauptstädten, ist es so weit, daß ich nicht wohl begreife, wie sich einer von uns einfallen lassen kann, die Karte eines Landes aufzunehmen, wovon ihm (sein angebornes Dörfchen ausgenommen) alles übrige, ja sogar die Grenzen unbekann