An meine Taschenuhr Du schlimme Uhr, du gehst mir viel zu schnell; und doch - dich schauend, sah ich selber hell. Unschuldig Räderwerk, was schalt ich dich? Ich geh zu langsam, ach zu langsam - ich. Auf dem Fliegenplaneten Christian Morgenstern Auf dem Fliegenplaneten, da geht es dem Menschen nicht gut: Denn was er hier der Fliege, die Fliege dort ihm tut. An Bändern voll Honig kleben die Menschen dort allesamt, und andere sind zum Verleben in süßliches Bier verdammt. In einem nur scheinen die Fliegen dem Menschen vorauszustehn: Man bäckt uns nicht in Semmeln, noch trinkt man uns aus Versehn. (1910) Auf dem Fliegenplaneten Auf dem Fliegenplaneten, da geht es dem Menschen nicht gut: Denn was er hier der Fliege, die Fliege dort ihm tut. An Bändern voll Honig kleben die Menschen dort allesamt, und andre sind zum Verleben in süßliches Bier verdammt. In Einem nur scheinen die Fliegen dem Menschen vorauszustehn: Man bäckt uns nicht in Semmeln, noch trinkt man uns aus Versehn. Ausflug mit der Eisenbahn Puff-puff Eisenbahn - jetzt fahren wir nach Wiesenplan! Wiesenplan, das ist die Stadt, die den Kohlweißling zum Bürger hat. Der Kohlweißling bewohnt ein Haus, das sieht wie eine Glocke aus - wie eine Glockenblume blau! Da wohnt der Kohlweißling mit seiner Frau. Und weht der Wind, macht die Glocke kling, kling, und da freuen sich Herr und Frau Schmetterling. Puff-puff Eisenbahn! Jetzt fahren wir wieder aus Wiesenplan hinaus, hinaus, dem Walde zu . . . wohin? wohin? . . . Nach - Quellwaldruh! Der Bahnwärter von Quellwaldruh, das ist ein Frosch und quakt dazu. "Quak, quak, aussteigen! quak! in Quellwaldruh ist heut Ostertag! In Quellwaldruh ist heut Osterfeier, da versteckt der Osterhas bunte Eier! Rote und gelbe und allerlei, und das Suchen steht allen Fahrgästen frei! Quak, quak, quak! Guten Tag!" Guten Tag! Schönen Dank! Herr Bahnwärter Quak! Und jetzt wollen wir unter den Eichen und Buchen und Tannen und Birken die Ostereier suchen! Und im Moos und unter den großen Wurzeln, darüber die kleinen Kinder purzeln. Nicht wahr? Und haben wir alle gefunden und in unsre Sacktücher eingebunden, dann fahren wir am Abend wieder nach Haus und packen das Wunder vor Großmutter aus! - Bahn frei! Nur müßt ihr mich nicht halten wollen, wenn die Rosse der Phantasie vor meiner Geißel dahinrasen! Wehe dem Schurken, der mir in die Zügel fällt, - siebenmal schleif ich ihn um den Bezirk meiner Welt. Wehe vor allem dem Rezensenten, der mir mit höchst ungriechischem Feuer den Weg bedräut. Meine Peitsche ist länger noch als seine Ohren, von stärkerem Leder als seine Hirnhaut, die Schnur noch gespaltner als seine Zunge. Bahn frei! Kurz ist zur Fahrt die Zeit. Springt mit herauf, wenn's euch lüstet! Tausend gewähr ich Platz, hier an den Mähnen, hier an den Schweifen, hier auf den Rücken der Rosse, und hier oben bei mir auf dem Wagen weiteren tausend. Herauf, Freunde! Sturm um die Stirn, Sonnen im Aug, so laßt uns jauchzend die tausendundein Weltwege durchbrausen. Das Auge der Maus Das rote Auge einer Maus lugt aus dem Loch heraus. Es funkelt durch die Dämmerung . . . Das Herz gerät in Hämmerung. "Das Herz von wem?" Das Herz von mir! Ich sitze nämlich vor dem Tier. O Seele, denk an diese Maus! Alle Dinge sind voll Graus. Das Butterbrotpapier Ein Butterbrotpapier im Wald, - da es beschneit wird, fühlt sich kalt . . . In seiner Angst, wiewohl es nie an Denken vorher irgendwie gedacht, natürlich, als ein Ding aus Lumpen usw., fing, aus Angst, so sagte ich, fing an zu denken, fing, hob an, begann, zu denken, denkt euch, was das heißt, bekam (aus Angst, so sagt ich) - Geist, und zwar, versteht sich, nicht bloß so vom Himmel droben irgendwo, vielmehr infolge einer ganz exakt entstandnen Hirnsubstanz - die aus Holz, Eiweiß, Mehl und Schmer, (durch Angst) mit Überspringen der sonst üblichen Weltalter, an ihm Boden und Gefäß gewann - [(mit Überspringung) in und an ihm Boden und Gefäß gewann]. Mit Hilfe dieser Hilfe nun entschloß sich das Papier zum Tun, - zum Leben, zum - gleichviel, es fing zu gehn an - wie ein Schmetterling . . . zu kriechen erst, zu fliegen drauf, bis übers Unterholz hinauf, dann über die Chaussee und quer und kreuz und links und hin und her - wie eben solch ein Tier zur Welt (je nach dem Wind) (und sonst) sich stellt. Doch, Freunde! werdet bleich gleich mir! - Ein Vogel, dick und ganz voll Gier, erblickts (wir sind im Januar . . .) - und schickt sich an, mit Haut und Haar - und schickt sich an, mit Haar und Haut - (wer mag da endigen!) (mir graut) - (Bedenkt, was alles nötig war!) - und schickt sich an, mit Haut und Haar - - Ein Butterbrotpapier im Wald gewinnt - aus Angst - Naturgestalt . . . Genug!! Der wilde Specht verschluckt das unersetzliche Produkt . . . Das Geierlamm Der Lämmergeier ist bekannt, das Geierlamm erst hier genannt. Der Geier, der ist offenkundig, das Lamm hingegen untergrundig. Es sagt nicht hu, es sagt nicht mäh und frißt dich auf aus nächster Näh. Und dreht das Auge dann zum Herrn. Und alle habens herzlich gern. Das Löwenreh Das Löwenreh durcheilt den Wald und sucht den Förster Theobald. Der Förster Theobald desgleichen sucht es durch Pirschen zu erreichen, und zwar mit Kugeln, deren Gift zu Rauch verwandelt, wen es trifft. Als sie sich endlich haben, schießt er es, worauf es ihn genießt. Allein die Kugel wirkt alsbald: Zu Rauch wird Reh nebst Theobald . . . Seitdem sind beide ohne Frage ein dankbares Objekt der Sage. Das Polizeipferd Palmström führt ein Polizeipferd vor. Dieses wackelt mehrmals mit dem Ohr und berechnet den ertappten Tropf logarhythmisch und auf Spitz und Knopf. Niemand wagt von nun an einen Streich: denn der Gaul berechnet ihn sogleich. Offensichtlich wächst im ganzen Land menschliche Gesittung und Verstand. Das Warenhaus Palmström kann nicht ohne Post leben: Sie ist seiner Tage Kost. Täglich dreimal ist er ganz Spannung. Täglich ists der gleiche Tanz: Selten hört er einen Brief plumpen in den Kasten breit und tief. Düster schilt er auf den Mann, welcher, wie man weiß, nichts dafür kann. Endlich kommt er drauf zurück, auf das: "Warenhaus für Kleines Glück". Und bestellt dort, frisch vom Rost (quasi): ein Quartal - "Gemischte Post"! Und nun kommt von früh bis spät Post von aller Art und Qualität. Jedermann teilt sich ihm mit, brieflich, denkt an ihn auf Schritt und Tritt. Palmström sieht sich in die Welt plötzlich überall hineingestellt . . . Und ihm wird schon wirr und weh . . . Doch es ist ja nur das - "W. K. G." Denkmalswunsch Setze mir ein Denkmal, cher, ganz aus Zucker, tief im Meer. Ein Süßwassersee, zwar kurz, werd ich dann nach meinem Sturz; doch so lang, daß Fische, hundert, nehmen einen Schluck verwundert. - Diese ißt in Hamburg und Bremen dann des Menschen Mund. - Wiederum in eure Kreise komm ich so auf gute Weise, während, werd ich Stein und Erz, nur ein Vogel seinen Sterz oder gar ein Mensch von Wert seinen Witz auf mich entleert. Der Ästhet Wenn ich sitze, will ich nicht sitzen, wie mein Sitz-Fleisch möchte, sondern wie mein Sitz-Geist sich, säße er, den Stuhl sich flöchte. Der jedoch bedarf nicht viel, schätzt am Stuhl allein den Stil, überläßt den Zweck des Möbels ohne Grimm der Gier des Pöbels. Der Droschkengaul "Ich bin zwar nur ein Droschkengaul, - doch philosophisch regsam; der Freß-Sack hängt mir kaum ums Maul, so werd ich überlegsam. Ich schwenk ihn her, ich schwenk ihn hin, und bei dem trauten Schwenken geht mir so manches durch den Sinn, woran nur Weise denken. Ich bin zwar nur ein Droschkengaul, - doch sann ich oft voll Sorgen, wie ich den Hafer brächt ins Maul, der tief im Grund verborgen. Ich schwenkte hoch, ich schwenkte tief, bis mir die Ohren klangen. Was dort in Nacht verschleiert schlief, ich konnt es nicht erlangen. Ich bin zwar nur ein Droschkengaul, - doch mag ich Trost nicht missen und sage mir: So steht es faul mit allem Erdenwissen; es frißt im Weisheitsfuttersack wohl jeglich Maul ein Weilchen, doch nie erreichts - o Schabernack - die letzten Bodenteilchen." Der Hecht Ein Hecht, vom heiligen Anton bekehrt, beschloß, samt Frau und Sohn, am vegetarischen Gedanken moralisch sich emporzuranken. Er aß seit jenem nur noch dies: Seegras, Seerose und Seegrieß. Doch Grieß, Gras, Rose floß, o Graus, entsetzlich wieder hinten aus. Der ganze Teich ward angesteckt. Fünfhunden Fische sind verreckt. Doch Sankt Antön, gerufen eilig, sprach nichts als: "Heilig! heilig! heilig!" Der Leu Auf einem Wandkalenderblatt ein Leu sich abgebildet hat. Er blickt dich an, bewegt und still, den ganzen 17. April. Wodurch er zu erinnern liebt, daß es ihn immerhin noch gibt. Der Papagei Palma Kunkels Papagei spekuliert nicht auf Applaus; niemals, was auch immer sei, spricht er seine Wörter aus. Deren Zahl ist ohne Zahl: denn er ist das klügste Tier, das man je zum Kauf empfahl, und der Zucht vollkommne Zier. Doch indem er streng dich mißt, scheint sein Zungenglied verdorrt. Gleichviel, wer du immer bist, er verrät dir nicht ein Wort. Der Papagei Es war einmal ein Papagei, der war beim Schöpfungsakt dabei und lernte gleich am rechten Ort des ersten Menschen erstes Wort. Des Menschen erstes Wort war A und hieß fast alles, was er sah, z. B. Fisch, z. B. Brot, z. B. Leben oder Tod. Erst nach Jahrhunderten voll Schnee erfand der Mensch zum A das B und dann das L und dann das Q und schließlich noch das Z dazu. Gedachter Papagei indem ward älter als Methusalem, bewahrend treu in Brust und Schnabel die erste menschliche Vokabel. Zum Schlusse starb auch er am Zips. Doch heut noch steht sein Bild in Gips, geschmückt mit einem grünen A, im Staatsschatz zu Ekbatana. Der Sündfloh Als schauerlich und grausenvoll die Sündflut um die Berge schwoll, kam noch im siebenten Moment ein junger Floh herzugerennt. Doch da das obligate Paar von Flöhen schon im Kasten war, so mußte Noah ihn bestimmen, ins nasse Grab zurückzuschwimmen. Voll Eifer gleichfalls protestierten die beiden, die bereits logierten, weil - riefen sie (besonders er) - ein dritter nicht gestattet wär. Der Sündfloh (denn er war es) blieb, obschon verborgen wie ein Dieb - und zwar (trotz Jahwen in der Höhe) von einem der zwei beiden Flöhe. Von welchem braucht man nicht zu sagen. Doch ward hierdurch aus Vorzeittagen das Dreieck, von dem Ibsen schreibt, der Neuzeit wieder einverleibt. Der Schnupfen Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse, auf daß er sich ein Opfer fasse - und stürzt alsbald mit großem Grimm auf einen Menschen namens Schrimm. Paul Schrimm erwidert prompt: "Pitschü!" und hat ihn drauf bis Montag früh. Der Schnupfen Christian Morgenstern Ein Schnupfen hockt auf der Terasse, auf daß er sich ein Opfer fasse - und stürzt alsbald mit großem Grimm auf einen Menschen namens Schrimm. Paul Schrimm erwidert prompt: "Pitschü!" und hat ihn drauf bis Montag früh. (1908) Der Sperling und das Känguruh In seinem Zaun das Känguruh - es hockt und guckt dem Sperling zu. Der Sperling sitzt auf dem Gebäude - doch ohne sonderliche Freude. Vielmehr, er fühlt, den Kopf geduckt, wie ihn das Känguruh beguckt. Der Sperling sträubt den Federflaus - die Sache ist auch gar zu kraus. Ihm ist, als ob er kaum noch säße . . . Wenn nun das Känguruh ihn fräße?! Doch dieses dreht nach einer Stunde den Kopf aus irgend einem Grunde, vielleicht auch ohne tiefern Sinn, nach einer andern Richtung hin. Der Träumer Palmström stellt ein Bündel Kerzen auf des Nachttischs Marmorplatte und verfolgt es beim Zerschmelzen. Seltsam formt es ein Gebirge aus herabgefloßner Lava, bildet Zotteln, Zungen, Schnecken. Schwankend über dem Gerinne stehn die Dochte mit den Flammen gleichwie goldene Zypressen. Auf den weißen Märchenfelsen schaut des Träumers Auge Scharen unverzagter Sonnenpilger. Der Vergeß Er war voll Bildungshung, indes, soviel er las und Wissen aß, er blieb zugleich ein Unverbeß, ein Unver, sag ich, als Vergeß; ein Sieb aus Glas, ein Netz aus Gras, ein Vielfraß - doch kein Haltefraß. Der fromme Riese Korf lernt einen Riesen kennen, dessen Frau ihm alles in den Mund gibt, was sie nicht mag. Nacht und Tag, wenn sie ihm solchen Willen kundgibt, sieht man ihn seine Lippen geduldig trennen und vorsichtig hinter sein Zahngehege alles schieben, was seiner Frau im Wege. Und es ist ihr viel im Wege, der Frau. Ganz unmöglich wäre, zu sagen genau, was von Mücke bis Mammut gewissermaßen ihr mißfällt. Man findet da ganze Straßen, ganze Städte voll Menschen, man findet Gärten, Flüsse, Berge neben Perücken, Bärten, Stöcken, Tellern, Kleidern; mit einem Worte: eine Welt versammelt sich an gedachtem Orte. v. Korf mißfällt und wird von dem frommen Riesengatten still in den Mund genommen. Und nur, weil er ein "Geist", wie schon beschrieben, ist er nicht in diesem Gelaß verblieben. Die Behörde Korf erhält vom Polizeibüro ein geharnischt Formular, wer er sei und wie und wo. Welchen Orts er bis anheute war, welchen Stands und überhaupt, wo geboren, Tag und Jahr. Ob ihm überhaupt erlaubt, hier zu leben und zu welchem Zweck, wieviel Geld er hat und was er glaubt. Umgekehrten Falls man ihn vom Fleck in Arrest verführen würde, und drunter steht: Borowsky, Heck. Korf erwidert darauf kurz und rund: "Einer hohen Direktion stellt sich, laut persönlichem Befund, untig angefertigte Person als nichtexistent im Eigen-Sinn bürgerlicher Konvention vor und aus und zeichnet, wennschonhin mitbedauernd nebigen Betreff, Korf. (An die Bezirksbehörde in -.)" Staunend liests der anbetroffne Chef. Die Brille Korf liest gerne schnell und viel; darum widert ihn das Spiel all des zwölfmal unerbetnen Ausgewalzten, Breitgetretnen. Meistens ist in sechs bis acht Wörtern völlig abgemacht, und in ebensoviel Sätzen läßt sich Bandwurmweisheit schwätzen. Es erfindet drum sein Geist etwas, was ihn dem entreißt: Brillen, deren Energieen ihm den Text - zusammenziehen! Beispielsweise dies Gedicht läse, so bebrillt, man - nicht! Dreiunddreißig seinesgleichen gäben erst - Ein - - Fragezeichen!! Die Elster Christian Morgenstern Ein Bach, mit Namen Elster, rinnt durch Nacht und Nebel und besinnt inmitten dieser stillen Handlung sich seiner einstigen Verwandlung, die ihm vor mehr als tausend Jahren von einem Magier widerfahren. Und wie so Nacht und Nebel weben, erwacht in ihm das alte Leben, Er fährt in eine in der Nähe zufällig eingeschlafene Krähe und fliegt, dieweil sein Bett verdorrt, wie dermaleinst als Vogel fort. Die Enten laufen Schlittschuh Die Enten laufen Schlittschuh auf ihrem kleinen Teich. Wo haben sie denn die Schlittschuh her - sie sind doch gar nicht reich? Wo haben sie denn die Schlittschuh her? Woher? Vom Schlittschuhschmied! Der hat sie ihnen geschenkt, weißt du, für ein Entenschnatterlied. Die Lämmerwolke Es blökt eine Lämmerwolke am blauen Firmament, sie blökt nach ihrem Volke, das sich von ihr getrennt. Zu Bomst das Luftschiff "Gunther" vernimmts und fährt empor und bringt die Gute herunter, die, ach, so viel verlor. Bei Bomst wohl auf der Weide, da schwebt sie nun voll Dank, drei Jungfraun in weißem Kleide, die bringen ihr Speis und Trank. Doch als der Morgen gekommen, der nächste Morgen bei Bomst, - da war sie nach Schrimm verschwommen, wohin du von Bomst aus kommst . . . Die Lampe Es steht eine Lampe am weiten Meer. Wo kommt denn die Lampe, die Lampe her? Sie trägt ein Reformhemd aus grünem Tang und steht auf der Insel Fragnichtlang. Die Lampe, die Lampe, die Lampe, weh, sie kommt aus der Werweißwosisee! Da liegt ein Schiff ganz unten kaputt, und aus seinen Fenstern schaun Molch und Butt. Die Wellen, die Wellen, die haben sie geschwemmt? Jetzt träumt sie, den Fuß auf die Küste gestemmt, in ihrem Reformkleid aus grünem Tang . . . Und im Hintergrund, da liegt - Fragnichtlang. Die Mausefalle I Palmström hat nicht Speck im Haus, dahingegen eine Maus. Korf, bewegt von seinem Jammer, baut ihm eine Gitterkammer. Und mit einer Geige fein setzt er seinen Freund hinein. Nacht ists, und die Sterne funkeln, Palmström musiziert im Dunkeln. Und derweil er konzertiert, kommt die Maus hereinspaziert. Hinter ihr, geheimerweise, fällt die Pforte leicht und leise. Vor ihr sinkt in Schlaf alsbald Palmströms schweigende Gestalt. II Morgens kommt v. Korf und lädt das so nützliche Gerät in den nächsten, sozusagen mittelgroßen Möbelwagen, den ein starkes Roß beschwingt nach der fernen Waldung bringt, wo in tiefer Einsamkeit er das seltne Paar befreit. Erst spaziert die Maus heraus und dann Palmström, nach der Maus. Froh genießt das Tier der neuen Heimat, ohne sich zu scheuen. Während Palmström, glückverklärt, mit v. Korf nach Hause fährt. Die Mittagszeitung Korf erfindet eine Mittagszeitung, welche, wenn man sie gelesen hat, ist man satt. Ganz ohne Zubereitung irgendeiner andern Speise. Jeder auch nur etwas Weise hält das Blatt. Die Nähe Die Nähe ging verträumt umher . . . Sie kam nie zu den Dingen selber. Ihr Antlitz wurde gelb und gelber, und ihren Leib ergriff die Zehr. Doch eines Nachts, derweil sie schlief, da trat wer an ihr Bette hin und sprach: "Steh auf, mein Kind, ich bin der kategorische Komparativ! Ich werde dich zum Näher steigern, ja, wenn du willst, zur Näherin!" - Die Nähe, ohne sich zu weigern, sie nahm auch dies als Schicksal hin. Als Näherin jedoch vergaß sie leider völlig, was sie wollte, und nähte Putz und hieß Frau Nolte und hielt all Obiges für Spaß. Die Nabelschnur Auch der Kaufmann hier in Babel ist ein heimlicher Feldwabel, treibt's in seinen Auslagscheiben, wie's die Tempelhofer treiben, läßt die Waren aufmarschieren, sich in Reih und Glied formieren, rechts Console, links Console, mittendrin Tablett mit Bowle. Weiter vorn am Rand der Rampe links ne Lampe, rechts ne Lampe. Oben in der Mitte Gips und im Halbkreis unten Nippes. Steht so alles stramm gefüget, hat er seiner Pflicht genüget und beim Zwölfuhr-Wache-Schritt klirn sein Fenster lustig mit. Ja, es trägt in diesem Babel jeder noch die Schnur am Nabel, welche zu dem Korporal führt von anno dazumal. Die Tagnachtlampe Korf erfindet eine Tagnachtlampe, die, sobald sie angedreht, selbst den hellsten Tag in Nacht verwandelt. Als er sie vor des Kongresses Rampe demonstriert, vermag niemand, der sein Fach versteht, zu verkennen, daß es sich hier handelt - (Finster wirds am hellerlichten Tag, und ein Beifallssturm das Haus durchweht.) (Und man ruft dem Diener Mampe: "Licht anzünden!") - daß es sich hier handelt um das Faktum: daß gedachte Lampe, in der Tat, wenn angedreht, selbst den hellsten Tag in Nacht verwandelt. Die Trichter Christian Morgenstern Zwei Trichter wandeln durch die Nacht durch ihres Rumpfs verengten Schacht fließt weißes Mondlicht still und heiter auf ihren Waldweg u.s. w. (1902) Die Unterhose Heilig ist die Unterhose, wenn sie sich in Sonn und Wind, frei von ihrem Alltagslose, auf ihr wahres Selbst besinnt. Fröhlich ledig der Blamage steter Souterränität, wirkt am Seil sie als Staffage, wie ein Segel leicht gebläht. Keinen Tropus ihr zum Ruhme spart des Malers Kompetenz, preist sie seine treuste Blume Sommer, Winter, Herbst und Lenz. Die Vogelscheuche Die Raben rufen: "Krah, krah, krah! Wer steht denn da, wer steht denn da? Wir fürchten uns nicht, wir fürchten uns nicht vor dir mit deinem Brillengesicht. Wir wissen ja ganz genau, du bist nicht Mann, du bist nicht Frau. Du kannst ja nicht zwei Schritte gehn und bleibst bei Wind und Wetter stehn. Du bist ja nur ein bloßer Stock, mit Stiefeln, Hosen, Hut und Rock. Krah, krah, krah!" Die Windhosen Beim Windhosenschneider Amorf erstehen sich Palmström und Korf zwei Windbeinkleider aus best- empfohlenem Nordnordwest. So angetan wirbeln sie quer und kreuz über Festland und Meer und fassen die Schurken beim Schopf und lassen die Guten beim Topf. Der Wetterwart schaut sie und stutzt: Zum ersten Mal sieht er verdutzt, was sonst rein phänomenal, im Dienst einer klaren Moral. Die Zirbelkiefer Die Zirbelkiefer sieht sich an auf ihre Zirbeldrüse hin; sie las in einem Buche jüngst, die Seele säße dort darin. Sie säße dort wie ein Insekt voll wundersamer Lieblichkeit, von Gottes Allmacht ausgeheckt und außerordentlich gescheit. Die Zirbelkiefer sieht sich an auf ihre Zirbeldrüse hin; sie weiß nicht, wo sie sitzen tut, allein ihr wird ganz fromm zu Sinn. Die beiden Esel Ein finstrer Esel sprach einmal zu seinem ehlichen Gemahl: "Ich bin so dumm, du bist so dumm, wir wollen sterben gehen, kumm!" Doch wie es kommt so öfter eben: Die beiden blieben fröhlich leben. Die drei Spatzen Christian Morgenstern In einem leeren Haselstrauch, da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch. Der Erich rechts und links der Franz und mittendrin der freche Hans. Sie haben die Augen zu, ganz zu, und obendrüber, da schneit es, hu! Sie rücken zusammen dicht an dicht, so warm wie Hans hat's niemand nicht. Sie hör'n alle drei ihrer Herzlein Gepoch. Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch. Die unmögliche Tatsache Palmström, etwas schon an Jahren, wird an einer Straßenbeuge und von einem Kraftfahrzeuge überfahren. "Wie war" (spricht er, sich erhebend und entschlossen weiterlebend) "möglich, wie dies Unglück, ja -: daß es überhaupt geschah? Ist die Staatskunst anzuklagen in bezug auf Kraftfahrwagen? Gab die Polizeivorschrift hier dem Fahrer freie Trift? Oder war vielmehr verboten, hier Lebendige zu Toten umzuwandeln, - kurz und schlicht: Durfte hier der Kutscher nicht -?" Eingehüllt in feuchte Tücher, prüft er die Gesetzesbücher und ist alsobald im klaren: Wagen durften dort nicht fahren! Und er kommt zu dem Ergebnis: "Nur ein Traum war das Erlebnis. Weil", so schließt er messerscharf, "nicht sein kann, was nicht sein darf." Die wirklich praktischen Leute Es kommen zu Palmström heute die wirklich praktischen Leute, die wirklich auf allen Zehen im wirklichen Leben stehen. Sie klopfen ihm auf den Rücken und sind in sehr vielen Stücken - so sagen sie - ganz die Seinen. Doch wer, der mit beiden Beinen im wirklichen Leben stände, der wüßte doch und befände, wie viel, so gut auch der Wille, rein idealistische Grille. Sie schütteln besorgt die Köpfe und drehn ihm vom Rock die Knöpfe und hoffen zu postulieren: er wird auch einer der Ihren, ein Glanzstück erlesenster Sorte, ein Bürger, mit einem Worte. Die zwei Parallelen Es gingen zwei Parallelen ins Endlose hinaus, zwei kerzengerade Seelen und aus solidem Haus. Sie wollten sich nicht schneiden bis an ihr seliges Grab: Das war nun einmal der beiden geheimer Stolz und Stab. Doch als sie zehn Lichtjahre gewandert neben sich hin, da wards dem einsamen Paare nicht irdisch mehr zu Sinn. Warn sie noch Parallelen? Sie wußtens selber nicht, - sie flossen nur wie zwei Seelen zusammen durch ewiges Licht. Das ewige Licht durchdrang sie, da wurden sie eins in ihm; die Ewigkeit verschlang sie als wie zwei Seraphim. Die zwei Turmuhren Zwei Kirchturmuhren schlagen hintereinander, weil sie sonst widereinander schlagen müßten. Sie vertragen sich wie zwei wahre Christen. Es wäre dementsprechend zu fragen: warum nicht auch die Völker hintereinander statt widereinander schlagen. Sie könnten doch wirklich ihren Zorn auslassen, das eine hinten, das andre vorn. Aber freilich: Kleine Beispiele von Vernunft änderten noch nie etwas am großen Narreteispiele der Zunft. Ein modernes Märchen I. Früchte der Bildung Schränke öffnen sich allein, Schränke klaffen auf und spein Fräcke, Hosen aus und Kleider nebst den Attributen beider. Und sie wandeln in den Raum wie ein sonderbarer Traum, wehen hin und her und schreiten ganz wie zu benutzten Zeiten. Auf den Sofas, auf den Truhn sieht man sitzen sie und ruhn, auf den Sesseln, an den Tischen, am Kamin und in den Nischen. Seltsam sind sie anzuschaun, kopflos, handlos, Männer, Fraun; doch mit Recht verwundert jeden, daß sie nicht ein Wörtlein reden. Dieser Frack und jener Rock, beide schweigen wie ein Stock, lehnen ab, wie einst im Märchen, sich zu rufen Franz und Klärchen. Ohne Mund entsteht kein Ton, lernten sie als Kinder schon: Und so reden Wams und Weste lediglich in stummer Geste. Ein Uhr schlägts, die Schränke schrein: "Kommt, und mög euch Gott verzeihn!" Krachend fliegen zu die Flügel, und - nur eins hängt nicht am Bügel! Eine Stimmung aus dem vierten Kreis Zwei Hände, die so weiß, so weiß als wie ein schlohweiß Laken, vereinten sich im vierten Kreis, während sie sonst gewohnterweis in zwei verschiednen Taschen staken. Sie zitterten, jedoch nur leis, als ob sie vor sich selbst erschraken, sie fühlten sich auf fremdem Gleis, und dennoch taten sie mit Fleiß sich ineinander haken. Entwurf zu einem Trauerspiele Christian Morgenstern Ein Fluß, namens Elster, besinnt sich auf seine wahre Gestalt und fliegt eines Abends einfach weg. Ein Mann, namens Anton, erblickt ihn auf seinem Acker und schießt ihn mit seiner Flinte einfach tot. Das Tier, namens Elster, bereut zu spät seine selbstische 'Tat (denn - Wassersnot tritt einfach ein). Der Mann, namens Anton, (und das ist leider kein Wunder) weiß von seiner Mitschuld einfach nichts. Der Mann, namens Anton, (und das versöhnt in einigem Maß) verdurstet gleichwohl einfach auch. Entwurf zu einem Trauerspiele Ein Fluß, namens Elster, besinnt sich auf seine wahre Gestalt und fliegt eines Abends einfach weg. Ein Mann, namens Anton, erblickt ihn auf seinem Acker und schießt ihn mit seiner Flinte einfach tot. Das Tier, namens Elster, bereut zu spät seine selbstische Tat (denn - Wassersnot tritt einfach ein). Der Mann, namens Anton, (und das ist leider kein Wunder) weiß von seiner Mitschuld einfach nichts. Der Mann, namens Anton, (und das versöhnt in einigem Maß) verdurstet gleichwohl einfach auch. Erntelied Wo gestern noch der Felder Meer gewogt in allen Farben, steht heut in Reih und Glied ein Heer festlich gegürteter Garben. Es will der goldne Heeresbann vor Frost und Hungers Wüten das ganze Dorf mit Maus und Mann bis übers Jahr behüten. Und liegen die Bataillone erst im sichern Scheunquartiere, du fändst, und wenn du der König wärst, nicht bessre Grenadiere. Es ist Nacht Christian Morgenstern Es ist Nacht, und mein Herz kommt zu dir, hält's nicht aus, hält's nicht aus mehr bei mir. Legt sich dir auf die Brust, wie ein Stein, sinkt hinein, zu dem deinen hinein. Dort erst, dort erst kommt es zur Ruh, liegt am Grund seines ewigen Du. (1908) Es pfeift der Wind . . . Es pfeift der Wind. Was pfeift er wohl? Eine tolle, närrische Weise. Er pfeift auf einem Schlüssel hohl, bald gellend und bald leise. Die Nacht weint ihm den Takt dazu mit schweren Regentropfen, die an der Fenster schwarze Ruh ohn End eintönig klopfen. Es pfeift der Wind. Es stöhnt und gellt. Die Hunde heulen im Hofe. - Er pfeift auf diese ganze Welt, der große Philosophe. Fips Ein kleiner Hund mit Namen Fips erhielt vom Onkel einen Schlips aus gelb und roter Seide. Die Tante aber hat, o denkt, ihm noch ein Glöcklein drangehängt zur Aug- und Ohrenweide. Hei, war der kleine Hund da stolz. Das merkt sogar der Kaufmann Scholz im Hause gegenüber. Den grüßte Fips sonst mit dem Schwanz; jetzt ging er voller Hoffart ganz an seiner Tür vorüber. Gespenst Christian Morgenstern Es gibt ein Gespenst, das frißt Taschentücher; Es begleitet dich auf deiner Reise, es frißt dir aus dem Koffer, aus dem Bett, aus dem Nachttisch, wie ein Vogel aus der Hand, vieles weg, - nicht alles, nicht auf ein Mal. Mit achtzehn Tüchern, stolzer Segler, fuhrst du hinaus aufs Meer der Fremde, mit acht bis sieben kehrst du zurück, ein Gram der Hausfrau. (1909) Gespenst Es gibt ein Gespenst, das frißt Taschentücher; es begleitet dich auf deiner Reise, es frißt dir aus dem Koffer, aus dem Bett, aus dem Nachttisch, wie ein Vogel aus der Hand, vieles weg, - nicht alles, nicht auf Ein Mal. Mit achtzehn Tüchern, stolzer Segler, fuhrst du hinaus aufs Meer der Fremde, mit acht bis sieben kehrst du zurück, ein Gram der Hausfrau. Gespräch einer Hausschnecke mit sich selbst Soll i aus meim Hause raus? Soll i aus meim Hause nit raus? Einen Schritt raus? Lieber nit raus? Hausenitraus - Hauseraus Hauseritraus Hausenaus Rauserauserauserause . . . (Die Schnecke verfängt sich in ihren eigenen Gedanken oder vielmehr diese gehen mit ihr dermaßen durch, daß sie die weitere Entscheidung der Frage verschieben muß.) Gleichnis Palmström schwankt als wie ein Zweig im Wind . . . Als ihn Korf befrägt, warum er schwanke, meint er: weil ein lieblicher Gedanke, wie ein Vogel, zärtlich und geschwind, auf ein kleines ihn belastet habe - schwanke er als wie ein Zweig im Wind, schwingend noch von der willkommnen Gabe . . . Gruselett Christian Morgenstern Der Flügelflagel gaustert durchs Wiruwaruwolz, die rote Fingur plaustert, und grausig gutzt der Golz. Herr Meier Herr Meier hält sich für das Maß der Welt. Verständlich ist allein, was ihm erhellt. Herr Meier sagt, wozu doch eure Kunst, wenn nicht für mich! Sonst ist sie eitel Dunst. Noch mehr, bei weitem mehr: Herr Meier meint, daß dann die Kunst im Grunde sträflich scheint. Man muß sich eiligst von Herrn Meier wenden, um nicht mit Mord und Raserei zu enden. Im Reich der Interpunktionen Im Reich der Interpunktionen nicht fürder goldner Friede prunkt: Die Semikolons werden Drohnen genannt von Beistrich und von Punkt. Es bildet sich zur selben Stund ein Antisemikolonbund. Die einzigen, die stumm entweichen (wie immer), sind die Fragezeichen. Die Semikolons, die sehr jammern, umstellt man mit geschwungnen Klammern und setzt die so gefangnen Wesen noch obendrein in Parenthesen. Das Minuszeichen naht, und - schwapp! da zieht es sie vom Leben ab. Kopfschüttelnd blicken auf die Leichen die heimgekehrten Fragezeichen. Doch, wehe! neuer Kampf sich schürzt: Gedankenstrich auf Komma stürzt - und fährt ihm schneidend durch den Hals, bis dieser gleich - und ebenfalls (wie jener mörderisch bezweckt) als Strichpunkt das Gefild bedeckt! . . . Stumm trägt man auf den Totengarten die Semikolons beider Arten. Was übrig von Gedankenstrichen, kommt schwarz und schweigsam nachgeschlichen. Das Ausrufszeichen hält die Predigt; das Kolon dient ihm als Adjunkt. Dann, jeder Kommaform entledigt, stapft heimwärts man, Strich, Punkt, Strich, Punkt . . . Kleine Geschichte Litt einst ein Fähnlein große Not, halb war es gelb, halb war es rot und wollte gern zusammen zu einer lichten Flammen. Es zog sich, wand sich, wellte sich, es knitterte, es schnellte sich - umsonst! es mocht nicht glücken, die Naht zu überbrücken. Da kam ein Wolkenbruch daher und wusch das Fähnlein kreuz und quer, daß Rot und Gelb, zerflossen, voll Inbrunst sich genossen. Des Fähnleins Herren freilich war des Vorgangs Freudigkeit nicht klar - indes, die sich besaßen, nun alle Welt vergaßen. Korfs Verzauberung Korf erfährt von einer fernen Base, einer Zauberin, die aus Kräuterschaum Planeten blase, und er eilt dahin, eilt dahin gen Odelidelase, zu der Zauberin . . . Findet wandelnd sie auf ihrer Wiese, fragt sie, ob sie sei, die aus Kräuterschaum Planeten bliese, ob sie sei die Fei, sei die Fei von Odeladelise. Ja, sie sei die Fei! Und sie reicht ihm willig Krug und Ähre, und er bläst den Schaum, und sieh da, die wunderschönste Sphäre wölbt sich in den Raum, wölbt sich auf, als obs ein Weltball wäre, nicht nur Schaum und Traum. Und die Kugel löst sich los vom Halme, schwebt gelind empor, dreht sich um und mischt dem Sphärenpsalme, mischt dem Sphärenchor Töne, wie aus ferner Hirtenschelme, dringen sanft hervor. In dem Spiegel aber ihrer Runde schaut v. Korf beglückt, was ihm je in jeder guten Stunde durch den Sinn gerückt: Seine Welt erblickt mit offnem Munde Korf entzückt. Und er nennt die Base seine Muse, und sieh da! sieh dort! Es erfaßt ihn was an seiner Bluse und entführt ihn fort, führt ihn fort aus Odeladeluse nach dem neuen Ort . . . Mägde am Sonnabend Sie hängen sie an die Leiste, die Teppiche klein und groß, sie hauen, sie hauen im Geiste auf ihre Herrschaft los. Mit einem wilden Behagen, mit wahrer Berserkerwut, für eine Woche voll Plagen kühlen sie sich den Mut. Sie hauen mit splitternden Rohren im infernalischen Takt. Die vorderhäuslichen Ohren nehmen davon nicht Akt. Doch hinten jammern, zerrissen im Tiefsten, von Hieb und Stoß, die Läufer, die Perserkissen und die dicken deutschen Plumeaus. Muhme Kunkel Palma Kunkel ist mit Palm verwandt, doch im übrigen sonst nicht bekannt. Und sie wünscht auch nicht bekannt zu sein, lebt am liebsten ganz für sich allein. Über Muhme Palma Kunkel drum bleibt auch der Chronist vollkommen stumm. Nur wo selbst sie aus dem Dunkel tritt, teilt er dies ihr Treten treulich mit. Doch sie trat bis jetzt noch nicht ans Licht, und sie will es auch in Zukunft nicht. Schon, daß hier ihr Name lautbar ward, widerspricht vollkommen ihrer Art. Nach Norden Palmström ist nervös geworden; darum schläft er jetzt nach Norden. Denn nach Osten, Westen, Süden schlafen, heißt das Herz ermüden. (Wenn man nämlich in Europen lebt, nicht südlich in den Tropen.) Solches steht bei zwei Gelehrten, die auch Dickens schon bekehrten - und erklärt sich aus dem steten Magnetismus des Planeten. Palmström also heilt sich örtlich, nimmt sein Bett und stellt es nördlich. Und im Traum, in einigen Fällen, hört er den Polarfuchs bellen. Nachtbild Es horcht ein Hofhund hinterm Zaun - ("Achtung! Hunde!") Es horcht ein Hofhund hinterm Zaun zur mitternächtigen Stunde. Mit glühenden Augen steht der Hund an einem Möbelwagen . . . Der Mensch ist fort. Die Nacht ist rund mit Sternen ausgeschlagen. Palmström legt des Nachts sein Chronometer Christian Morgenstern Palmström legt des Nachts sein Chronometer, um sein lästig Ticken nicht zu hören, in ein Glas mit Opium oder Äther. Morgens ist die Uhr dann ganz 'herunter'. Ihren Geist von neuem zu beschwören, wäscht er sie mit schwarzem Mokka munter. (1910) Scholastikerprobleme I Wieviel Engel sitzen können auf der Spitze einer Nadel - wolle dem dein Denken gönnen, Leser sonder Furcht und Tadel! "Alle!" wirds dein Hirn durchblitzen. "Denn die Engel sind doch Geister! Und ein ob auch noch so feister Geist bedarf schier nichts zum Sitzen." Ich hingegen stell den Satz auf: Keiner! - Denn die nie Erspähten können einzig nehmen Platz auf geistlichen Lokalitäten. II Kann ein Engel Berge steigen? Nein. Er ist zu leicht dazu. Menschenfuß und Menschenschuh bleibt allein dies Können eigen. Lockt ihn dennoch dieser Sport, muß er wieder sich ver-erden und ein Menschenfräulein werden etwa namens Zuckertort. Allerdings bemerkt man immer, was darin steckt und von wo - denn ein solches Frauenzimmer schreitet anders als nur so. Segelfahrt Nun sänftigt sich die Seele wieder und atmet mit dem blauen Tag, und durch die auferstandnen Glieder pocht frischen Bluts erstarkter Schlag. Wir sitzen plaudernd Seit an Seite und fühlen unser Herz vereint; gewaltig strebt das Boot ins Weite, und wir, wir ahnen, was es meint. Sprachstudien Korf und Palmström nehmen Lektionen, um das Wetter-Wendische zu lernen. Täglich pilgern sie zu den modernen Ollendorffschen Sprachlehrgrammophonen. Dort nun lassen sie mit vielen andern, welche gleichfalls steile Charaktere (gleich als obs ein Ziel für Edle wäre), sich im Wetter-Wendischen bewandern. Dies Idiom behebt den Geist der Schwere, macht sie unstet, launisch und cholerisch . . . Doch die Sache bleibt nur peripherisch. Und sie werden wieder - Charaktere. Steine statt Brot Ja, wenn die ganze Siegesallee aus Mehl gebacken wäre - das wäre eine gute Idee, auf Ehre! Man spräche zum Hungernden: Iß dich rund (dein Landesvater will es!) an Otto dem Faulen, an Siegismund, an Cicero, an Achilles! Zu Dank zerflösse bei arm und reich des Mißvergnügens Wolke: es wäre geholfen auf einen Streich dem ganzen deutschen Volke. Ein Loblied sänge der deutsche Geist vom Pregel bis zum Rheine. Gib Kunst, o Fürst, die nährt und speist! Gib Brot, o Fürst, nicht Steine! Von dem großen Elefanten Kennst du den großen Elefanten, du weißt, den Onkel von den Tanten, den ganz ganz großen, weißt du, der - der immer so macht, hin und her. Der läßt dich nämlich vielmals grüßen, er hat mit seinen eignen Füßen hineingeschrieben in den Sand: Grüß mir Sophiechen Windelband! Du darfst mir ja nicht drüber lachen. Wenn Elefanten so was machen, so ist dies selten, meiner Seel! Weit seltner als bei dem Kamel. Vormittag am Strand Es war ein solcher Vormittag, wo man die Fische singen hörte; kein Lüftchen lief, kein Stimmchen störte, kein Wellchen wölbte sich zum Schlag. Nur sie, die Fische, brachen leis der weit und breiten Stille Siegel und sangen millionenweis dicht unter dem durchsonnten Spiegel. Wenn es Winter wird Der See hat eine Haut bekommen, so daß man fast drauf gehen kann, und kommt ein großer Fisch geschwommen, so stößt er mit der Nase an. Und nimmst du einen Kieselstein und wirfst ihn drauf, so macht es klirr und titscher - titscher - titscher - dirr . . . Heißa, du lustiger Kieselstein! Er zwitschert wie ein Vögelein und tut als wie ein Schwälblein fliegen - doch endlich bleibt mein Kieselstein ganz weit, ganz weit auf dem See draußen liegen. Da kommen die Fische haufenweis und schaun durch das klare Fenster von Eis und denken, der Stein wär etwas zum Essen; doch sosehr sie die Nase ans Eis auch pressen, das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt, sie machen sich nur die Nasen kalt. Aber bald, aber bald werden wir selbst auf eignen Sohlen hinausgehn können und den Stein wiederholen. Wenn von links mich Feld und Dickicht riefe und von rechts der Mensch der "bessern Kreise" - zög ich meinen Hut in aller Tiefe und begäbe mich zu Fuchs und Meise. Denn was dort nicht dumm ist, ist verbogen. Deutsche Bürgerwelt, du bist verlogen. Zäzilie Christian Morgenstern Zäzilie soll die Fenster putzen, sich selbst zum Gram, jedoch dem Haus zum Nutzen. "Durch meine Fenster muß man," spricht die Frau, "so durchsehn können, daß man nicht genau, erkennen kann, ob dieser Fenster Glas Glas oder bloße Luft ist. Merk dir das." Zäzilie ringt mit allen Menschen-Waffen ... Doch Ähnlichkeit mit Luft ist nicht zu schaffen. Zuletzt ermannt sie sich mit einem Schrei - und schlägt die Fenster allesamt entzwei! Dann säubert sie die Rahmen von den Resten, und ohne Zweifel ist es so am besten. Sogar die Dame spricht zunächst verdutzt: "So hat Zäzilie ja noch nie geputzt" Doch alsobald ersieht man, was geschehn, und sagt einstimmig: "Diese Magd muß gehn!" (1912) Zukunftssorgen Korf, den Ahnung leicht erschreckt, sieht den Himmel schon bedeckt von Ballonen jeder Größe und verfertigt ganze Stöße von Entwürfen zu Statuten eines Klubs zur resoluten Wahrung der gedachten Zone vor der Willkür der Ballone. Doch er ahnt schon, ach, beim Schreiben seinen Klub im Rückstand bleiben: Dämmrig, dünkt ihn, wird die Luft und die Landschaft Grab und Gruft. Er begibt sich drum der Feder, steckt das Licht an (wie dann jeder), tritt damit bei Palmström ein, und so sitzen sie zu zwein. Endlich, nach vier langen Stunden, ist der Alpdruck überwunden. Palmström bricht zuerst den Bann: "Korf", so spricht er, "sei ein Mann! Du vergreifst dich im Jahrzehnt: Noch wird all das erst ersehnt, was, vom Geist dir vorgegaukelt, heut dein Haupt schon überschaukelt." Korf entrafft sich dem Gesicht. Niemand fliegt im goldnen Licht! Er verlöscht die Kerze schweigend. Doch dann, auf die Sonne zeigend, spricht er: "Wenn nicht jetzt, so einst - kommt es, daß du nicht mehr scheinst, wenigstens nicht uns, den - grausend sag ichs -: unteren Zehntausend!" . . . Wieder sitzt v. Korf danach stumm in seinem Schreibgemach und entwirft Statuten eines Klubs zum Schutz des Sonnenscheines.