- 107 - Aus der Mappe eines Vielgereisten. von K a r l M a y . [- 107 li -] Nr. 2. Old Firehand. ---------- »Mein Frühling ging zur Rüste, Ich weiß gar wohl warum: Die Lippe, die mich küßte, Ist worden kühl und stumm.« So klang es über die weite Ebene hin, und Swallow, mein wackerer Mustang, spitzte die kleinen Ohren, schnaubte freudig durch die Nüstern und hob graziös die feinen Hufe wie zum Menuett. Warum grad' dieses Lied, welches ich zuletzt vor drei Monaten in Cincinnati von einer Tyroler Gesellschaft gehört hatte, mir über die Lippen tönte, ich weiß es nicht. Noch hatte mich kein Mund geküßt, und mein Frühling konnte also wohl beginnen, doch beileibe nicht schon zu Ende sein; aber das Leben war mir bisher Nichts gewesen als ein Kampf mit Hindernissen und Schwierigkeiten; ich war einsam und allein meinen Weg gegangen, unbeachtet, unverstanden und ungeliebt, und bei dieser Abgeschiedenheit hatte sich eine Art Weltschmerz in mir entwickelt, zu welchem der klagende Inhalt dieser Strophen recht gut paßte. Schon neigte sich die Sonne demjenigen Theile der Rocky-Mountains, welcher die Grenze zwischen Nebraska und Oregon bildet, zu, und noch immer ließ sich keine Senkung der mit gelbblühenden Helianthus übersäeten Ebene wahrnehmen. Das Pferd bedurfte der Ruhe; ich selbst war müde, und so sehnte ich mich je länger desto mehr nach New-Venango, wo ich mich von langer Wanderung einmal einen ganzen Tag lang gehörig ausruhen und die ziemlich alle gewordene Munition wieder ergänzen wollte. Plötzlich hob Swallow das Köpfchen seitwärts und stieß den dampfenden Athem mit jenem eigenthümlichen Laute aus, durch welchen das ächte Prairiepferd das Nahen eines lebenden Wesens signalisirt. Mit einem leisen Rucke war es zum Stehen gebracht, und ich wandte mich auf seinem Rücken, um den Horizont abzusuchen. Da, seitwärts von meinem Standorte, nahte ein Reiter, welcher grad' auf mich zuhielt und sein Pferd weit ausgreifen ließ, und da die Entfernung zu groß war, um genau unterscheiden zu können, so griff ich zum Fernrohre und gewahrte zu meiner nicht geringen Verwunderung, daß dieser Reiter nicht ein Mann, sondern ein Frauenzimmer sei. »Alle Teufel, eine Dame, hier im "far West", mitten in der Prairie, und gar mit Reitkleid und wehendem Schleier!« fuhr es mir über die Lippen, und erwartungsvoll schob ich Revolver und Bowiemesser, welche ich vorsichtig gelockert hatte, wieder zurück. »Oder ist's gar der "flatsghost", der Geist der Ebene, welcher auf feurigem Rosse über die Woodlands fliegen soll, um die weißen Menschen von den Jagdgründen ihrer "rothen Brüder" zu vertreiben!« ------------------------------------------------------------------------ [- 107 re -] Mit einigem Bedenken musterte ich meinen äußeren Adam, welcher mir allerdings nicht sehr courfähig erschien. Die Moccassins waren mit der Zeit höchst offenherzig geworden; die Leggins glänzten, da ich sie bei der Tafel als Serviette zu gebrauchen pflegte, vor Fett; das sackähnliche, lederne Jagdhemde verlieh mir den würdevollen Anstand einer von Wind und Wetter maltraitirten Krautscheuche, und die Bibermütze, welche mein Haupt bedeckte, hatte einen guten Theil ihrer Haare verloren und schien zu ihrem Nachtheile mit den verschiedenen Lagerfeuern intime Bekanntschaft gepflogen zu haben. Aber ich befand mich ja nicht im Parkete eines Opernhauses, sondern zwischen den Black-Hills und dem Felsengebirge und hatte auch gar keine Zeit, mich zu ärgern, denn, noch war ich mit meiner Selbstinspektion nicht fertig, so hielt die Reiterin schon vor mir, hob den Griff ihrer Reitpeitsche grüßend in die Höhe und rief mit tiefer, reiner und sonorer Stimme: »Good day, Sir! Was wollt Ihr finden, daß Ihr so an Euch herumsucht?« »Your servant, Mistreß! Ich knöpfte mein Panzerhemd zu, um unter dem forschenden Blicke Eures schönen Auges nicht etwa Schaden zu leiden.« »So darf man Euch wohl nicht ansehen?« »Doch, doch, wenn mir die Erlaubniß zur Gegenbetrachtung wird.« »Die sollt Ihr haben.« »Danke; so wollen wir uns denn einmal nach Herzenslust begucken, wobei ich natürlich besser wegkomme als Ihr.« Und meinen Mustang auf den Hinterbeinen herumdrehend, setzte ich hinzu: »So, da habt Ihr mich von allen Seiten, zu Pferde und in Lebensgröße! Wie gefalle ich Euch?« »Wartet ein Wenig und seht auch mich erst an!« erwiederte [erwiderte] sie lachend, zog ihre Stute vorn in die Höhe und präsentirte sich durch eine kühe [kühne] Wendung in derselben Weise, wie ich es gethan hatte. »Jetzt ist die Vorstellung eine vollständige, und nun sagt erst Ihr, wie ich Euch gefalle.« »Hm, nicht übel, wenigstens scheint Ihr mir gut genug für diesen Ort hier. Und ich?« »So la la! An dem ganzen Manne ist das Pferd das beste.« »Ihr seid eine Dame, folglich habt Ihr Recht. Ueberhaupt hat mich Eure Gegenwart hier mitten in der Prairie so perplex gemacht, daß ich nicht die nöthigen Worte finde, um Euch einen bessern Begriff von meiner Schönheit beizubringen.« »Mitten in der Prairie? So seid Ihr wohl fremd hier?« »Welche Frage - in der Wildniß!« »Folgt mir, so sollt Ihr sehen, wie groß diese Wildniß ist.« Sie wandte sich der Richtung zu, welche ich verfolgt hatte[,] und ließ ihr Pferd vom langsamen Schritt durch alle ------------------------------------------------------------------------ - 108 - Gangarten bis zum gestreckten Galoppe übergehen. Swallow folgte mit Leichtigkeit, trotzdem wir vom grauenden Morgen an unterwegs gewesen waren. Ja, das brave Thier schien zu bemerken, daß es sich hier um eine kleine Probe handle und griff ganz freiwillig in der Weise aus, daß die Reiterin zuletzt nicht mehr zu folgen vermochte und mit einem Ausrufe der Bewunderung ihr Thier parirte. »Ihr seid außerordentlich gut beritten, Sir. Ist Euch der Hengst feil?« »Um keinen Preis, Mistreß.« »Laßt das "Mistreß" fort.« »Dann Miß, ganz wie es Euch beliebt. Das Pferd hat mich aus so mancher Gefahr hinweggetragen, so daß ich ihm mehr als einmal mein Leben verdanke und es mir also unmöglich feil sein kann.« »Es hat indianische Dressur,« sagte sie mit scharfen [scharfem] Kennerblicke. »Wo habt Ihr es her?« »Ich erhielt es von Winnetou, einem Apachenhäuptling, mit welchem ich am Rio Suanca ein Weniges zusammenkam, zum Geschenke.« »Von Winnetou? Das ist ja der berühmteste und gefürchtetste Indianer zwischen Sonora und Columbien! Ihr seht gar nicht nach einer solchen Bekanntschaft aus, Sir?« »Warum, Miß?« fragte ich mit offenem Lächeln. »Ich hielt Euch für einen Surveyor (Feldmesser) oder etwas Derartiges, und diese Leute sind zwar oft recht gute Schützen, aber sich mitten zwischen Apachen, Nijoras und Navajoas hineinzuwagen, dazu gehört schon ein Wenig mehr. Eure blanken Revolver, das zierliche Messer da im Gürtel und die Weihnachtsbüchse dort am Sattelriemen oder gar noch Eure Paradehaltung auf dem Pferde stimmen wenig mit Dem überein, was man an einem ächten und rechten Trapper oder Scatter zu bemerken pflegt.« »Ihr sollt wieder Recht haben, und ich gestehe offen, daß ich auch nur so eine Art Sonntagsjäger bin; aber die Waffen sind nicht ganz schlecht. Ich habe sie in Front-Street, St. Louis gekauft, und wenn Ihr auf diesem Felde so zu Hause seid, wie es scheint, so müßt Ihr auch wissen, daß man dort für gute Preise auch gute Waare bekommt.« »Diese Waare aber zeigt ihre Güte erst beim rechten Gebrauche. Was sagt Ihr zu dieser Pistole?« Sie zog bei diesen Worten ein altes, verrostetes Schießinstrument aus der Satteltasche und hielt es mir zur Besichtigung hin. »Hm, das Ding stammt jedenfalls noch von Anno Poccahontas her; aber es kann doch gut sein. Ich habe Indianer oft mit dem miserabelsten Schießzeuge zum Verwundern umgehen sehen.« »Haben sie auch Das fertig gebracht?« Sie warf das Pferd zur Seite, schlug im raschen Trabe einen Kreis um mich, hob den Arm und drückte auf mich los, ehe ich nur eine Ahnung von ihrer Absicht haben konnte. Ich fühlte einen leisen Ruck an meiner Kopfbedeckung und sah zu gleicher Zeit die Helianthusblüthen, welche ich mir an die Mütze gesteckt hatte, vor mir niederfliegen. Es schien mir ganz, als wolle die sichere Schützin sich darüber informiren, was von meiner Sonntagsjägerei zu halten sei, und ich antwortete also auf die ausgesprochene Frage kaltblütig: »So etwas bringt Jeder fertig; aber ich bitte denn ------------------------------------------------------------------------ [- 108 re -] doch ganz höflich, Miß, die Mütze von jetzt an in Ruhe zu lassen, da zufälliger Weise mein Kopf drinnen steckt.« Sie lachte laut und hielt sich wieder an meine Seite. Die ganze Begegnung kam mir wie ein Traum vor, und hätte ich früher vielleicht etwas Aehnliches in irgend einem Romane gelesen, so wäre der Verfasser ganz gewiß in den Verdacht gekommen, Unmögliches als möglich darzustellen. Jedenfalls, das war klar, mußte eine Ansiedelung in der Nähe sein, und da seit längerer Zeit der Kriegspfad keines der wilden Stämme in diese Gegend geführt hatte, so konnte es selbst eine Dame immerhin wagen, ein Stückchen in die Ebene hinein zu reiten. Nicht so klar war es mir, was ich eigentlich aus meiner Begleiterin machen sollte. Ihre ganze Erscheinung deutete auf den Salon, und doch verrieth sie eine Kenntniß des Westens und eine Uebung in den hier nothwendigen Fertigkeiten, die auf ganz besondere Verhältnisse schließen ließ. Deßhalb war es wohl kein Wunder, daß mein Auge mit dem größten Interesse auf ihr ruhte. Sie ritt jetzt eine halbe Pferdelänge vor, und der goldene Sonnenstrahl umfluthete ihre tadellose, vollendete Gestalt. »Bräunlich und schön«, wie die Bibel von David erzählt, zeigten die eigenartigen Züge trotz ihrer mädchenhaften Weichheit eine Festigkeit des Ausdruckes, welche auf geistige Ueberlegenheit und Energie des Willens schließen ließ, und in der ganzen Haltung, in jeder einzelnen Bewegung des bezaubernden Wesens sprach sich eine Selbstständigkeit und Sicherheit aus, welche neben der freiwilligen Bewunderung unbedingte Achtung forderte. Ich gestand mir offen, noch nie ein Mädchen von solcher Schönheit gesehen zu haben und wunderte mich über mich selbst, daß ich trotz meiner gewöhnlichen Zaghaftigkeit im Umgange mit dem andern Geschlechte bei der heutigen Begegnung so - so unverfroren hatte sein können. Freilich war auch ihre Art und Weise ganz geeignet gewesen, diese Zaghaftigkeit nicht aufkommen zu lassen; aber jetzt beim näheren Anschauen konnte ich doch einer leisen Bedrückung nicht so ganz Herr werden. Oft schon hatte ich von der Wirkung gehört, welche der Klang einer Frauenstimme selbst auf den sonst verschlossenen Mann auszuüben vermöge, an mir selbst jedoch noch keinerlei Erfahrung darüber gemacht. Jetzt aber fühlte ich mit Einemmale diese Wirkung, und es war mir, als sei mir etwas in's einsame Herz gedrungen, was die Oede und Leere desselben auszufüllen und mich mit all' dem Vergangenen zu versöhnen vermöge. Plötzlich zog sie die Zügel an. »Ihr seid ein Deutscher?« »Ja. Spreche ich das Englische mit so bösem Accent, daß Ihr meine Abstammung so genau bestimmen könnt?« »Nein, Sir. Euer Englisch ist rein; aber Euer Verhalten ist ächt deutsch. Erst laut, munter und gemüthlich und jetzt still, nachdenklich und grübelnd. Wenn es Euch recht ist, wollen wir uns unserer Muttersprache bedienen?« »Wie? Auch Ihr habt die gleiche Heimath?« »Vater ist ein Deutscher, geboren bin ich am Quicourt. Meine Mutter war eine Indianerin vom Stamme der Assineboins. Eine Amerikanerin wäre Euch wohl in anderer Weise begegnet.« Jetzt war mir der eigenthümliche Schnitt ihres Gesichtes und der tiefere Schatten des Teints erklärlich. Ihre Mutter war also todt, und der Vater lebte noch. Hier ------------------------------------------------------------------------ - 109 - stieß ich jedenfalls auf außergewöhnliche Verhältnisse, und es war mehr als bloße Neugierde, welche ich jetzt für dieselben empfand. »Seht da hinüber!« belehrte sie mich mit erhobenem Arme. »Seht Ihr den Rauch wie aus dem Boden aufsteigen?« »Ah, das ist der Bluff, welchen ich schon längst suchte, und in dessen Senkung New-Venango liegt. Kennt Ihr Emery Forster, den Oelprinzen?« »Ein Wenig. Er ist der Vater von meines Bruders Frau, welche mit ihrem Manne in Omaha lebt. Ich komme von daher, um den Vater zu sehen und habe hier Absteigequartier genommen. Habt Ihr mit Forster zu tun, Sir?« »Nein, ich habe im Store (Laden) zu thun, um mich mit Einigem zu versorgen und fragte nur, weil er als einer der bedeutendsten Oelprinzen bekannt ist.« »Könnte Euch auch nicht viel an ihm empfehlen. Ihr wißt ja, wie diese Leute sind. Doch, laßt uns ausgreifen, es wird Abend.« Nach kurzer Zeit hielten wir am Rande der Schlucht und blickten auf die kleine Niederlassung, deren Häuserzahl wenigstens ich mir höher vorgestellt hatte. Das vor uns liegende Thal bildete eine schmale Pfanne, welche, rings von steil ansteigenden Felsen umschlossen, in ihrer Mitte von einem ansehnlichen Flusse durchströmt wurde, der sich zwischen nahe zusammentretendem Gestein unten einen Ausweg suchte. Das ganze unter uns liegende Terrain war mit Anlagen, wie sie die Petroleumerzeugung erfordert, bedeckt; oben, ganz nahe am Wasser, sah ich einen Erdbohrer in voller Thätigkeit; am mittleren Laufe stand etwas vor den eigentlichen Fabrikräumlichkeiten ein trotz des Interims doch ganz stattliches Wohngebäude, und wo das Auge nur hinblickte, waren Dauben, Böden und fertige Fässer, theils leer, meist aber mit dem vielbegehrten Brennstoff gefüllt, zu sehen. »Da drüben seht Ihr den Store, Sir, zugleich Restauration und alles sonst noch Mögliche, und hier führt der Weg hinab, ein Wenig steil, so daß wir absteigen müssen, aber doch immer noch ohne Lebensgefahr zu passiren. Wollt Ihr mitkommen?« Rasch schnellte ich mich aus dem Sattel, um ihr beim Absteigen behülflich zu sein. Aber ich kam zu spät; denn schon stand sie mit aufgenommenem Kleide vor mir und rief mit goldenem Lachen: »Danke! Man gewöhnt sich hier, dergleichen Aufmerksamkeiten nicht zu beanspruchen. Nehmt Euer Thier an die Hand.« »Swallow kommt von selbst nach, Miß; erlaubt mir das Eurige.« Ich ergriff die Zügel der Stute, und während mein Mustang ohne besondere Aufforderung nachfolgte, hatte ich Gelegenheit, an der Vorangehenden die Gewandtheit und Sicherheit des Schrittes zu bewundern. Diese Uebung hatte sie sich ganz bestimmt nicht im Institute aneignen können, und mein Interesse an dem wundervollen Wesen wuchs von Minute zu Minute. Auf der Sohle des Thales angekommen, bestiegen wir die Pferde wieder und hielten in raschem Tempo auf den Store zu. »Forster steht unter der Thür, er wird mich wohl nicht vorüberlassen.« ------------------------------------------------------------------------ [- 109 re -] Der Bezeichnete war eine lange, hagere Gestalt mit ächter Yankeephysiognomie. »Stop, Ellen; hier wird abgestiegen! In welche Gesellschaft bist Du denn da geraten?« Es lag in Ton und Wort nicht die mindeste Höflichkeit für mich, und ebenso bekümmerte er sich nicht im mindesten um das Mädchen, sondern trat sofort zu meinem Pferde. »Hm - hm - hab's gleich von weitem bemerkt - hm - hm - das Thier muß man kaufen - was meint Ihr, Fenders?« Der Angeredete war ein Mann mit vertrunkenen Gesichtszügen und jedenfalls ein Irländer. Ich vermuthete den Wirth in ihm, schritt aber, ohne die Beiden weiter zu beachten, dem Mädchen nach, welches in den Boarraum [Boardraum / Boardingroom ???] gegangen war. Sie empfing mich mit den Worten: »Wenn Ihr das Pferd ja verkauft, so laßt es mir; ich zahle Euch dasselbe wie Forster.« »Welches Pferd?« riefen einige Leute, welche am Tische standen[,] und traten, nachdem sie einen Blick durch das Fenster geworfen hatten, hinaus, worauf sich ein lebhafter Wortwechsel draußen erhob, am Schlusse dessen Forster Miene machte, das Thier zur Probe zu besteigen. Ich öffnete das Fenster. »Swallow!« Das folgsame Thier schüttelte den Zudringlichen mit einem jähen Seitensprunge ab und kam herbei. Ich band die Zügel an das Fensterkreuz. »Glaubt Ihr, das [daß] ich Euch das Pferd stehlen will, Herr?« fuhr mich der Abgeworfene an. »Ich werde es kaufen und kann also wohl auch erst einmal aufsitzen. Gebt her!« »Ich denke, es Euch noch nicht angeboten zu haben, Sir. Der Hengst ist müde; laßt ihn in Ruhe!« »Oho! Ihr scheint ja ein ganz resoluter Junge zu sein. Man muß Euch wirklich einmal näher ansehen!« Er wandte sich nach der Thür und trat an der Spitze der Uebrigen in das Zimmer. Nach einem kurzen Blick auf mich meinte er mit geringschätzendem Schütteln des Kopfes: »Würde Euch auch besser stehen, hübsch artig zu sein! Scheint mir ganz, als ob Ihr ein gutes Handgeld gebrauchen könntet.« »Ist nicht Eure Sache, Mann, sondern die meinige. Werde mit meinen Angelegenheiten schon selbst fertig!« »Good lack, kingt [klingt] das wichtig! Doch will ich verständig sein und Euch hundertfünfzig Dollars bieten.« »Ist mir nicht feil, das Pferd.« »Hundert fünfundsiebenzig!« »Ist mir nicht feil!« »Zwei Hundert, aber nicht fünf Cents mehr.« »Ist mir nicht feil, zum dritten Male; und nun laßt mich in Ruhe!« »Ihr seid ein Grobian, der froh sein sollte, wenn ein Gentlemen [Gentleman] ihm zu einem ganzen Zeuge verhilft. Wißt Ihr das?« »Pah!« Ich begnügte mich, diesen einen Laut auszusprechen, trotzdem ein Anderer jedenfalls zur Waffe gegriffen hätte. (Fortsetzung folgt.) ------------------------------------------------------------------------ - 123 - Aus der Mappe eines Vielgereisten. von K a r l M a y . ------------------------------------------------------------------------ [- 123 li -] Nr. 2. Old Firehand. (Fortsetzung.) Meine Meinung über das Duell, über Beleidigung und Genugthuung waren eben nicht die landläufigen, und wer daheim ein Paar arme, alte Eltern hat, welche ihre ganze Hoffnung allein nur auf ihn gesetzt haben, der setzt sein Leben nur dann ein, wenn es sich um Würdigeres als die Fausthöflichkeit eines Hinterwäldlers handelt. Freilich mußte mich diese Selbstbeherrschung in den Verdacht eines Feiglings bringen; aber das Urtheil dieser Leute konnte mir ja sehr gleichgültig sein. Ein Wesen gab es allerdings, dessen Meinung mich nicht empfindungslos lassen konnte, und das war Ellen, wie sie von Forster genannt worden war. Sie hatte unserem kurzen Wortwechsel eine gespannte Aufmerksamkeit gewidmet und jedenfalls ganz bestimmt erwartet, daß ich losbrechen werde. Als das aber nicht geschah, sah ich einen Zug der Enttäuschung über ihr schönes Angesicht gehen, und es lag eine sichtbare Zustimmung in ihrem Blicke, als Forster, verächtlich die Achsel zuckend, meinte: »Ein Coyote (Schakal), mehr nicht. Laßt ihn stehen, Leute.« Trotz dieser neuen und größeren Beleidigung hielt ich an mich, und nun war es wirklich die ausgesprochenste Verachtung, mit welcher sich das Mädchen zur Seite wandte und ihren Verwandten zum Aufbruche mahnte. Mein Auge folgte ihr, bis die letzte Falte ihres Kleides verschwunden war, und dann überkam mich eine Bitterkeit, wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nicht empfunden hatte. Ganz gewiß war nur ich allein Schuld an der Unbill, die mir widerfahren; aber warum war ich doch nur so besonnen und überlegsam! Ein Wenig Jähzorn, ein Wenig Leichtsinn ist oft nicht so ganz am unrechten Platze. So dachte ich in meinem Unmuthe und erhob mich endlich, um denselben im Handel vielleicht zu vergessen. Als ich mich mit dem Nöthigen versehen hatte und dem Wirthe die geforderte Summe vorzählte, fragte er: »Wollt Ihr für diese Nacht nicht dableiben? Man wird bei mir gut bedient.« »Danke; schwärme nicht für Eure Bude.« »Könntet aber doch dableiben, Mann, nicht blos für heute, sondern für morgen und übermorgen und immer. Ich brauche einen Boardkeeper, der nicht gleich d'reinspringt, wenn er einen Tritt bekommt oder zwei. In unserem Geschäfte ist die Ambition oft ein recht überflüssiges und schädliches Ding. Wie gesagt, Ihr könntet hier bleiben, denn ich meine, Ihr seid der beste Mann dazu.« Eigentlich hätte ich den scharfsinnigen Landlord (Gastwirth) par figura belehren sollen, daß er sich sehr in mir ------------------------------------------------------------------------ [- 123 re -] geirrt habe; doch war die Offerte wirklich mehr lächerlich als ärgerlich, und so ließ ich ihn ruhig stehen und trat in's Freie, wo Swallow immer noch meiner wartete. Der Abend hatte sich mittlerweile über das Thal gebreitet, und es war ziemlich dunkel geworden. Mir war die Lust vergangen, an meiner ursprünglichen Absicht, zu bleiben, festzuhalten. Pferd und Reiter hatten sich ausgeruht, und so konnte es heute noch ein Stück in die offene Prairie hineingehen, wo es sich jedenfalls angenehmer schlafen ließ als in dem nach Petroleum duftendem [duftenden] Thale. Zuvor aber trieb es mich die kurze Strecke abwärts, nach dem Wohngebäude zu, welches ich am Nachmittage von der Höhe aus gesehen. Der Weg führte dem Flusse [den Fluß] entlang, und was ich vorher nicht bemerkt, das fiel mir jetzt, wo meine Aufmerksamkeit nicht von der schönen Begleiterin in Anspruch genommen wurde, sofort auf, nämlich daß in der Nähe des Wassers sich der Oelgeruch verstärkte und der Fluß also eine nicht unbedeutende Quantität des Brennstoffes mit sich führen müsse. Der Gebäudecomplex lag vollständig schwarz vor mir, aber als ich eine leichte Krümmung des Weges hinter mir hatte und nun das Herrenhaus von vorn nehmen konnte, fiel heller Lichtesglanz von der Veranda herüber, und ich sah, daß dort eine kleine Gesellschat [Gesellschaft] versammelt sei. Ich sprang vom Pferde, welches ich an eine Fenzstange band[,] und schlich mich leise über die dunklen Stellen des Vorplatzes bis an das niedere Mauerwerk, in welches die Träger der leichten Ueberdachung befestigt waren. Noch nie in meinen [meinem] Leben hatte ich den Lauscher gemacht; aber heute trieb mich ein unbestimmtes und bisher ungekanntes Etwas zum unerlaubten Beobachten, und mit Genugthuung bemerkte ich die Gesuchte, welche, von einem leichten Hauskleide umflossen, in einer der Hängematten lag. Eben war sie im Begriff, dem in ihrer Nähe sitzenden Forster eine Auseinandersetzung zu machen. »Es ist ein unnützes und lästerliches Unternehmen, dear uncle, und Du hast Dir die Sache wohl nicht richtig berechnet.« »Lerne [Lehre] uns doch das Calculiren nicht, Mädchen. Die Preise sind nur deßhalb so gedrückt, weil die Quellen zu viel liefern. Wenn wir also, Einer wie der Andere, das Oel so einen Monat lang ablaufen lassen, so muß es dann wieder theuer werden[,] und wir machen Geschäfte, gute Geschäfte, sage ich Dir. Und diesen Coup werden wir ausführen, es ist so beschlossen, und ein Jeder wird sein Versprechen halten.« »Mir scheint nur, Ihr habt die Quellen drüben im alten Lande und sonst wo noch dabei außer Acht gelassen. Euer Verhalten wird die dortige Concurrenz sofort zur äußersten Anstrengung anspornen, und Ihr selbst gebt also dem jetzt noch schlafenden Gegner die Waffen in die Hand. Uebrigens sind auch hier in den Staaten die aufgestapelten Vorräthe so groß, daß sie für sehr geraume Zeit zureichen.« ------------------------------------------------------------------------ - 124 - »Du kennst den Bedarf nicht und hast also auch kein Urtheil, wie Ihr Frauen ja überhaupt gar nicht denken solltet. Denn so oft Ihr's thut, gerathet Ihr auf Irrwege.« »Das müßte denn doch sehr bewiesen werden, und ich glaube grad -« »Der Beweis liegt nahe,« unterbrach er sie. »Hast Du nicht vorhin erst gestanden, daß Du Dich in dem Woodsman oder was der Mensch eigentlich war, getäuscht hast? Hätte mir nie gedacht, daß es Dir in solcher Gesellschaft gefallen könne!« Ich sah sie tief erröthen; aber sie antwortete schnell: »Von einer Täuschung ist keine Rede; denn ich sagte nur, daß er mir erst anders g e s c h i e n e n habe, und zwischen Schein und bewiesener Wirklichkeit pflege ich einen Unterschied zu machen.« Forster wollte Etwas erwiedern [erwidern], kam aber nicht dazu; denn in demselben Augenblicke geschah ein Donnerschlag, als sei die Erde unter uns mitten auseinander geborsten. Der Boden erzitterte, und als ich das Auge erschrocken seitwärts wandte, sah ich im obern Theile des Thales, da, wo der Bohrer thätig gewesen sein mußte, einen glühenden Feuerstrom fast fünfzig Fuß in die Höhe steigen, welcher flackernd oben breit auseinanderfloß und, wieder zur Erde niedersinkend, mit reißender Schnelligkeit das abfallende Terrain überschwemmte. Zugleich drang ein scharfer, stechender, gasartiger Geruch in die Athmungswerkzeuge, und die Luft schien von leichtflüssigem, ätherischem Feuer erfüllt zu sein. Ich kannte dieses furchtbare Phänomen; denn ich hatte es im Kanawhathale in seiner ganzen Schrecklichkeit gesehen und stand mit einem einzigen Sprunge mitten unter der vor Schreck fast todesstarren Gesellschaft. »Lichter aus, Lichter aus! Der Bohrer ist auf Oel getroffen, und Ihr habt beim Aufsteigen des Strahles Feuer in der Nähe gehabt. Lichter aus, sonst brennt in zwei Minuten das ganze Thal!« Ich sprang von einem der brennenden Armleuchter zum andern; aber da oben im Zimmer brannten die Lampen auch, und drüben vom Store her sah ich ebenfalls Lichtschimmer. Dazu hatte die Fluth des hochaufsprühenden Oeles, welches sich mit unglaublicher Raschheit über das ganze obere Thal ausbreitete, jetzt den Fluß erreicht, und nun galt es, Alles einzusetzen für das nackte, bloße Leben. - »Rettet euch! Lauft, lauft um Gottes Willen! Sucht die Höhen zu gewinnen!« Mich um weiter Niemand kümmernd, riß ich Ellen empor in meine Arme und saß im nächsten Augenblicke mit ihr im Sattel. Das Mädchen, die Größe der Gefahr nicht erkennend, sträubte sich mit Aufbietung aller Kräfte gegen die Umschlingung; aber wie man in solchen Augenblicken stets Riesenkraft besitzt, so verschwand auch diese Anstrengung fast ganz unter der Stärke, mit welcher ich sie festhielt, und in rasendem Laufe trug Swallow, dessen Instinct die Führung des Zügels oder den Gebrauch der Sporen überflüssig machte, uns stromabwärts. Der Bergpfad, welcher mich nach New-Venango geführt hatte, war uns verschlossen; denn der Gluthstrom war schon an ihm vorübergefluthet. Nur abwärts konnten wir Rettung finden; aber ich hatte am Tage Nichts einer Straße Aehnliches bemerkt und im Gegentheile gesehen, daß die Fels- ------------------------------------------------------------------------ [- 124 re -] wände [Felswände] so eng zusammentraten, daß sich der Fluß nur schäumend den Ausweg erzwingen konnte. »Sagt, Miß,« rief ich in ängstlicher Hast, »giebt es einen Weg, welcher hier unten aus dem Thale führt?« »Nein, nein!« stöhnte sie unter der krampfhaften Anstrengung, von mir loszukommen. »Laßt mich fahren, sage ich Euch, laßt mich fahren.« Ich konnte natürlich auf ihre Worte nicht hören und musterte mit Aufmerksamkeit den nahe zusammentretenden Horizont, welchen die beiden schroff aufstrebenden Höhenzüge bildeten. Da fühlte ich einen Druck in der Gürtelgegend, und zugleich rief das Mädchen: »Laßt mich los! Gebt mich frei, oder ich stoße Euch Euer eigenes Messer in den Leib!« Sie hatte das Bowiemesser an sich gerissen. Aber ich hatte keine Zeit zu einer langen Auseinandersetzung, sondern vereinte mit einem raschen Griffe ihre beiden Handgelenke in meiner Rechten, während ich mit dem linken Arme sie immer fester umschloß. Die Gefahr wuchs mit jeder Secunde. Der glühende Strom hatte Lagerräume erreicht, und nun sprangen die Fässer mit Kanonenschuß ähnlichem Knalle und ergossen ihren sofort in heller Lohe brennenden Inhalt in das auf diese Weise immer mehr anwachsende und immer rascher vorwärtsschreitende Feuermeer. Die Atmosphäre war zum Ersticken heiß; ich hatte das Gefühl, als koche ich in einem Topfe siedenden Wassers, und doch wuchsen Hitze und Trockenheit mit solcher Rapidität, daß ich innerlich zu brennen vermeinte. Fast wollten mir die Sinne schwinden; aber es galt nicht blos mein Leben, sondern noch viel mehr dasjenige meiner kostbaren Bürde. Es war mir in diesen entsetzlichen Augenblicken zu Muthe, als habe ich das herrlichste Gut der ganzen, weiten Schöpfung, den größten Schatz des Himmels und der Erde dem flammenden Orkus entführt und müsse nun meinen herrlichen Raub schützen und bergen vor den nachsprühenden Blitzen und Gluthen der Unterwelt. Trotzdem ich kaum noch eines Gedankens mächtig war[,] durchzuckte mich doch die Erkenntniß der ersten, allgewaltigen Liebe, und Rettung, Rettung mußte ich finden für sie[,] und sollte ich selbst zehnmal, nein, tausendmal dabei zu Grunde gehen! »Swallow, voran, voran, Swall -!« Ich konnte nicht weiter sprechen, und das brave Thier raste ja auch mit fast unmöglicher Geschwindigkeit dahin. Soviel sah ich; diesseits des Flusses war kein Ausweg. Die Flammen beleuchteten die Felswände ja hell genug, um sehen zu können, daß dieselben nicht zu erklimmen seien; deßhalb in's Wasser, in's Wasser - hinüber auf die andere Seite! Ein leiser Schenkeldruck - ein Sprung des gehorsamen Mustangs, und hochauf schlugen die Wellen über uns zusammen. Ich fühlte neue Kraft, neues Leben durch die Adern pulsiren, aber das Pferd war unter mir verschwunden. Doch das war jetzt gleich; nur hinüber - immer hinüber! Ich schwamm wie noch nie, nie in meinem ganzen Leben - mit einer Angst, so furchtbar - so furchtbar, nicht für mich, sondern für sie - sie - sie - - -. Da schnaufte es hinter mir - - »Swallow, Du treuer, wackerer, bist Du's? - Hier ist das Ufer - wieder auf's Pferd - fort - fort!« So ging es weiter. Fast wahnsinnig vor Aufregung und Ueberanstrengung ritt[,] sprang, lief und kletterte ich, ------------------------------------------------------------------------ - 125 - ohne mehr zu wissen, was ich tat; aber endlich - endlich war's erreicht, und ich sank mit meiner Bürde nieder. Nach einigen Augenblicken der dringendsten Erholung trug ich sie mehrere hundert Schritte weiter in die sichere Nacht hinein. Der Himmel glänzte blutig roth, und der Brodem des entfesselten Elementes cumulirte in dichten, schwarzen, von purpurnen Lichtern durchbrochenen Ballen über dem Heerde der Verwüstung. Aber ich hatte keine Zeit zu diesen Betrachtungen; denn vor mir lag, das Messer noch krampfhaft festhaltend, das Mädchen, so bleich, so kalt und starr, daß ich sie todt glaubte, ertrunken im Wasser, während ich sie den Flammen entreißen wollte. Das leichte Gewand war durchnäßt und legte sich eng an die wunderbar schöne Gestalt; auf dem bewegungslosen Angesichte spielten die düstern Reflexe der über den Rand der Ebene emporsprühenden Feuerstrahlen; der Mund, welcher am Tage so herzlich gelacht, war geschlossen; das Auge, dessen großer, voller Blick mir so tief in die Seele gedrungen, lag verborgen unter den gesunkenen Lidern; die reine, klangvolle Stimme - doch nein und abermals nein, sie konnte, sie durfte nicht gestorben sein. Ich nahm sie in die Arme, strich ihr das lange, reiche, aufgelöste Haar aus der Stirn, rieb ihr die zarten Schläfe [Schläfen], legte, um der regungslosen Brust Athem zu geben, meinen Mund auf ihre Lippen, rief sie bei den zärtlichsten Namen, die ich jemals gehört, und - da ging ein Zittern über ihren Körper, erst leise, dann immer bemerkbarer; ich fühlte das Klopfen ihres Herzens, trank den Hauch ihres Athems, sah die langen, seidenen Wimpern sich öffnen - sie lebte, sie erwachte, sie war dem Tode entgangen. Ich drückte sie an das Herz und küßte vor seliger, unendlicher Freude die sich mehr und mehr erwärmenden Lippen. Da mit einem Male öffnete sie weit, weit das Auge und starrte mir mit unbeschreiblichem Ausdrucke in das Angesicht; dann belebte sich der wiederkehrende Blick, und mit einem lauten Schrei des Entsetzens wand sie sich los und sprang empor. »Wo bin ich? Wer seid Ihr? Was ist mit mir geschehen?« rief sie. »Ihr seid gerettet, Miß, aus der Gluth da unten.« Beim Klange meiner Stimme und dem Anblicke des noch immer hochlodernden Brandes kehrte ihr die Besinnung zurück. - »Herr, ich verachte Euch!« Ich konnte nicht sofort eine Antwort finden, so unerwartet kamen mir diese Worte, und nur nach einigem Zögern erwiederte [erwiderte] ich: »Ich verstehe Euch nicht!« »Das begreife ich. Wer keine Ehre hat, wird Rücksicht nie verständlich finden. Und es ist nicht blos Das, sondern Ihr seid auch feig!« »Das verstehe ich noch weniger.« »Ist's etwa nicht feig, eine wehrlose Dame -« Sie stockte; tiefes Roth bedeckte ihr Gesicht bis zum Nacken herab, und mit einer Miene der Entrüstung, vor welcher ich fast zurückweichen konnte, trat sie hart an mich heran und rief: »Wärt Ihr ein Mann, so würde ich Genugthuung von Euch verlangen, blutige Genugthuung; aber Ihr fürchtet die Streiche wie ein Schulknabe, und so mögt Ihr gehen. Aber nehmt Euch in acht, mir einmal vor den Lauf meiner Büchse zu kommen; denn dann halte ich Euch für das, für ------------------------------------------------------------------------ [- 125 re -] was Euch Forster erklärt hat - einen Coyote [Coyoten] [.] - Mein Gott, Forster - und ich stehe hier!« Jetzt erst kam ihr die vollständige Erinnerung und mit einem kreischenden Weherufe stürzte sie fort, dem Felsenabsturze zu. Mit einigen raschen Sprüngen hatte ich sie erreicht und faßte sie bei beiden Händen. »Bleibt, Miß, bei Allem, was Euch heilig ist. Ihr seid verloren, wenn Ihr Euch in dieses Feuermeer wagt!« »Laßt mich, Elender. Ihr habt die Gefahr gekannt; Ihr konntet sie retten, Alle, Alle, und habt es nicht gethan. Laßt fahren, oder Ihr schmeckt Euern eigenen Stahl!« Noch immer war das Messer in ihrer Hand geblieben. Sie merkte es erst jetzt, da ich sie bei derselben gefaßt hielt[,] und wandte alle Kraft auf, um sich los zu machen. Wollte ich ihr die Hand nicht brechen, so mußte ich nachgeben. Die Rechte frei bekommend, entriß sie auch die Linke meinem Griffe, und ich fühlte einen kleinen Gegenstand zwischen meinen Fingern. Sie merkte den Verlust nicht und eilte längs des Bergrandes von dannen. Schon wollte ich ihr folgen, da ertönte aus einiger Entfernung leichter Hufschlag. Ich blieb stehen und lauschte. »Swallow!« Ein lautes, freudiges Wiehern antwortete, und im nächsten Augenblicke stand das treue Pferd, das Köpfchen liebkosend an meiner Schulter reibend, vor mir. »Swallow, mein lieber, lieber Swallow,« rief ich, das Thier vor Freude umarmend, »auch Du bist gerettet? Du kommst zurück, trotzdem ich Dich verlassen habe im Augenblicke der Gefahr, und die, an der ich fast über menschliches Vermögen gethan habe, sie nennt mich feig und ehrlos, droht mir mit der Waffe und flieht mich wie einen schmutzigen Yambarico. Und doch wollen wir diesen Ring, den ich ihr gegen meinen Willen abgestreift habe, aufbewahren, Swallow. Wir müssen sie wiederfinden, und dann wird sich's vielleicht entscheiden lassen, ob Dein Herr Nichts weiter ist als ein verächtlicher - - Coyote.« ---------- »Uff!« rief mein Begleiter; »mein weißer Bruder hat Recht. Hier ist der rothe Mann geritten. Laß uns sehen, was er hier gewollt hat.« »Winnetou, der große Häuptling,« erwiederte [erwiderte] ich, »ist weise und hat das Auge des großen Geistes. Er sieht sehr wohl, was sein böser Bruder hier gewollt hat; aber er versucht, mich auf die Probe zu stellen.« Ueber das scharfgezeichnete Angesicht des Indianers glitt ein flüchtiges Lächeln, als er, noch immer auf die Spur gebückt, antwortete: »Und was denkt der weiße Freund von dieser Fährte?« »Der Mann, welcher hier geritten ist, hat seine Gefährten gesucht. Auf jedem Hügel hat er sein Pferd angehalten, um sich nach ihnen umzusehen, und wir müssen also vorsichtig sein, wenn wir nicht unsere Skalps verlieren wollen.« Winnetou - denn dieser, von welchem ich Swallow erhalten hatte, war es - richtete sich empor und maß mich mit einem langen, verwunderten Blicke. (Fortsetzung folgt.) ------------------------------------------------------------------------ - 139 - Aus der Mappe eines Vielgereisten. von K a r l M a y . ------------------------------------------------------------------------ [- 139 li-] Nr. 2. Old Firehand. (Fortsetzung.) »Mein bleicher Bruder kennt mich. Er hat mit mir den Lasso um die Hörner des Büffels geworfen und den Bär des Gebirges in der Höhle getödtet; er ist an meiner Seite gestanden gegen die Uebermacht der Arrapahu's und hat die Mandans im Blute zu meinen Füßen gesehen; er zählte die Scalps an den Wänden meines Wigwams und sieht die Locken meiner Feinde an meinem Gürtel hangen. Winnetou hat seinen Stamm verlassen, um die großen Hütten der Weißen zu sehen, ihre Feuerrosse und ihre Dampfcanoes, von denen ihm der Freund erzählt hat; aber sein Haupt wird von keinem Messer berührt werden.« »Der große Häuptling der Apachen hat Recht,« nickte ich ihm zu und fuhr, auf die Spuren deutend, fort: »Aber hat er auch bemerkt, daß dieses Pferd hier müde gewesen ist?« Statt aller Antwort folgte er, sein Thier am Lasso führend, der Fährte weiter und blieb endlich, auf den Boden zeigend, stehen. »Hier hat er ausgeruht,« und mit gespannter Miene setzte er hinzu: »Wird mein Bruder sehen, auf welchem Pfade er sich befindet?« Ich untersuchte den Boden sorgfältig. Das Pferd war angepflockt gewesen und hatte die halbdürren Büschel des Prairiegrases abgefressen; der Reiter hatte am Boden gelegen und mit dem Köcher gespielt. Dabei war ihm der Schaft eines Pfeiles zerbrochen, und er hatte die beiden Bruchstücke ganz gegen die gewöhnliche Vorsichtigkeit der Indianer liegen gelassen. Ich hob sie auf, um sie zu betrachten. Es war kein Jagd- sondern ein Kriegspfeil gewesen. »Er befindet sich auf dem Kriegspfade; aber er ist noch jung und unerfahren; denn sonst hätte er die verrätherischen Stücke versteckt, und die Spuren seines Fußes sind nicht die eines erwachsenen Mannes.« Winnetou gab durch einen beifälligen Laut seine Zufriedenheit kund. Bei unsrer ersten Begegnung war er mir so zu sagen Lehrer gewesen und hatte mich gewöhnt, auf die unscheinbarste Kleinigkeit zu achten, da dies bei den vielfältigen Gefahren der Prairie unumgänglich nothwendig ist. Jetzt nun benutzte er jede Gelegenheit, um zu erfahren, ob seine Lehren von Erfolg gewesen seien. Ein Blick auf die weiterlaufenden Eindrücke genügte, uns zu zeigen, daß der Mann erst vor Kurzem den Platz wieder verlassen habe; denn die Kanten derselben waren noch scharf, und die gestreiften oder zerdrückten Halme hatten sich noch nicht vollständig wieder erhoben. Winnetou breitete seine Decke aus und streckte sich, nachdem er das Pferd gefesselt hatte, auf dieselbe nieder. ------------------------------------------------------------------------ [- 139 re -] Ich folgte ihm und zog zwei Cigarren aus der Seitentasche meines Jagdhemdes. Es waren die letzten von einigen Dutzend, welche ich vor mehreren Wochen in Provo mitgenommen hatte. Sie waren für eine besondere Gelegenheit stecken geblieben; da sich aber nichts Dergleichen einzustellen schien, so konnten sie ebensogut auch jetzt verraucht werden. Mit sichtbarer Begierde griff der brave Indianer zu, als ich ihm Eine derselben hinreichte, und wer die Enthaltsamkeit kennt, welche der Westen einem Jeden auferlegt, der wird ahnen, mit welcher Wonne wir uns dem seltenen Genusse hingaben, ich, die blauen Ringeln mit innigem Behagen ausblasend, Winnetou aber, den Rauch nach Indianerweise erst hinunterschluckend und dann durch die Nase von sich gebend. So verging eine geraume Zeit, während welcher kein Wort gewechselt wurde. Schweigsamkeit gehört selbst unter Gefährten zur Haupttugend, und ich beabsichtigte keineswegs, mir durch unzeitige Sprachseligkeit die Freundschaft und Achtung meines Begleiters zu verscherzen. Endlich, nachdem die Cigarre längst verraucht und der letzte Rest derselben dann hinter den Lippen des Indianers verschwunden war, erhob er sich, und in kurzer Zeit ritten wir wieder, den Körper tief herabgebeugt und das forschende Auge am Boden, neben einander her. Unsre Schatten wurden länger und länger; der Abend begann zu dunkeln und wir waren nun gezwungen, abzusteigen, wenn wir die Fährte nicht verlieren wollten. Aber ehe ich vom Pferde stieg, griff ich zum Fernrohre, um die Ebene vorher noch einmal abzusuchen. Wir hielten grad auf einer der zahlreichen wellenförmigen Erhebungen, welche sich in jenem Theile der Prairie wie die Wogen eines erstarrten Meeres an einander legen, und es war mir deßhalb ein ziemlich freier Ausblick gestattet. Kaum hatte ich das Glas am Auge, so fiel mir eine lange, grade Linie auf, welche sich von Osten her längs des nördlichen Horizontes bis zum entferntesten westlichen Punkte hinzog. Voll Freuden gab ich Winnetou das Rohr und zeigte ihm die Richtung an, in welche er es zu führen hatte. Nachdem er einige Zeit hindurchgesehen, zog er es mit einem neugierigen »Uff« wieder wieder [fehlerhafte Dopplung] ab und blickte mich mit fragendem Ausdrucke an. »Weiß mein Bruder, was für ein Pfad das ist? Es ist nicht der Weg des Buffalo, auch hat ihn nicht der Fuß des rothen Mannes ausgetreten.« »Ich weiß es. Kein Büffel kann die Strecke laufen, welche dieser Pfad durchführt, und kein Indsman (Indianer) vermag, ihn durch die Prairie zu ziehen. Es ist der Pfad des Feuerrosses, welches mein Bruder heut' noch sehen wird.« Rasch hob er das Rohr wieder empor und betrachtete mit regem Interesse den durch die Linsen nahegerückten Schienenstrang. Plötzlich aber sah ich einen Zug der Ueberraschung über sein ausgewettertes Gesicht gehen, und im ------------------------------------------------------------------------ - 140 - nächsten Augenblicke war er abgesessen und zog sein Pferd raschen Laufes hinunter in das Wellenthal. Natürlich mußte dieses Beginnen einen sehr triftigen Grund haben, und ich ahmte deßhalb sein Verhalten ohne Verzug nach. »Da drüben am Pfade des Feuerrosses liegen die rothen Männer,« rief er. »Sie stecken hinter dem Rücken der Erhebung, aber ich sah eins ihrer Pferde.« Er hatte wohlgethan, unsern erhöhten Standpunkt sofort zu verlassen, da wir auf demselben leicht bemerkt werden konnten. Zwar war die Entfernung selbst für das scharfe Gesicht eines Indianers eine sehr bedeutende; aber ich hatte während meiner Streifereien mehrere Male in den Händen dieser Leute Fernrohre gesehen. Die Cultur schreitet eben unaufhaltsam vorwärts, und indem sie den Wilden immer weiter zurückdrängt, bietet sie ihm doch die Mittel, sich bis zum letzten Manne gegen ihre Gewalt zu vertheidigen. »Was sagt mein Freund zu der Absicht dieser Leute?« fragte ich. Er schwieg. Augenscheinlich fiel es ihm schwer, sich ihr Verhalten zu erklären. Sie befanden sich auf dem Kriegspfade und hatten doch keine Wache aufgestellt. Sie mußten also wissen, daß in ziemlichem Umkreise kein Feind vorhanden sei, und da sie bei ihrer jedenfalls nicht bedeutenden Anzahl einen weiten Zug nicht vorhaben konnten, so wußte er mir keine Antwort zu geben. Mir hingegen schien ihr Vorhaben unschwer zu errathen, und, das Rohr aus seiner Hand nehmend, forderte ich ihn auf, mich hier zu erwarten[,] und schlich mich vorsichtig vorwärts. Obgleich ich fast überzeugt sein konnte, daß sie von unsrer Nähe keine Ahnung hatten, suchte ich so viel wie möglich Deckung zu behalten und gelangte dadurch so weit an sie heran, daß ich, am Boden liegend, sie zählen und beobachten konnte. Es waren ihrer drei und sechzig, sämmtlich mit den Kriegsfarben bemalt und sowohl mit Pfeilen als auch mit Feuerwaffen bewehrt. Die Zahl der angepflöckten Pferde war bedeutend höher, und dieser Umstand bekräftigte meine Ansicht. - Da hörte ich einen leisen Athemzug hinter mir. Rasch das Messer ziehend, drehte ich mich um. Es war Winnetou, den es nicht bei den Pferden gelitten hatte. »Uff!« klang es von seinen Lippen. »Mein Bruder ist sehr kühn, soweit vorzugehen. Es sind Ogellalla's, der kühnste Stamm der Sioux, und dort liegt Parranoh, der weiße Häuptling.« Erstaunt sah ich ihn an. »Der weiße Häuptling?« »Hat mein Freund noch Nichts gehört von Parranoh, dem grausamen Häuptling der Athabaskah? Niemand weiß, wo er hergekommen; aber er ist ein gewaltiger Krieger und im Rathe des Stammes unter die rothen Männer aufgenommen worden. Als die grauen Häupter alle zu Manitou, dem großen Geiste gegangen, hat er das Calummet erhalten und viele Scalps gesammelt. Dann ist er aber von dem bösen Geiste verblendet worden, hat seine Krieger für Niggers gehalten und fliehen müssen. Jetzt wohnt er im Rathe der Ogellalla's und wird sie zu großen Thaten führen.« »Kennt mein Bruder sein Angesicht?« »Winnetou hat seinen Tomahawk mit ihm gemessen; aber der Weiße ist voller Tücke; er kämpft nicht ehrlich.« ------------------------------------------------------------------------ [- 140 re -] »Er ist ein Verräther; ich sehe es. Er will das Feuerroß anhalten und meine Brüder tödten und berauben.« »Die weißen Männer?« fragte er erstaunt. »Er trägt doch ihre Farbe! Kann er das Roß halten?« »Nein, und wenn er alle Indsmen, die einen Lasso schwingen können, zusammenbrächte, so könnten sie doch den Lauf desselben nicht hemmen. Aber wenn man seinen Pfad zerstört, so muß es stehen bleiben und wird seine eigenen Reiter tödten.« Das Erstaunen des Häuptlings wuchs. Er hatte keinen Begriff von dem Wesen der Locomotive und konnte meine Worte also auch nicht begreifen. Nach einer Weile des Schweigens, während welcher wir, wie überhaupt bisher, die vor uns lagernden Krieger scharf beobachtet [hatten], fragte er: »Was wird mein Freund thun?« »Er wird warten und sehen, ob Parranoh den Pfad des eisernen Rosses zerstört, und dann seinen Brüdern entgegenreiten, um sie zu warnen.« Er nickte. »Winnetou wird ihm helfen. Wie viele Männer werden auf dem Rosse sitzen?« »Ich weiß es nicht.« »Werden sie dem Vater der Apachen freundlich gesinnt sein?« »Sie werden meinem Freunde die Hände drücken, die große Pfeife mit ihm rauchen und ihm Pulver, Blei und Tabak geben, soviel er will.« Sein Angesicht glänzte vor Freunde, und mit einem verächtlichen Neigen seines Kopfes meinte er: »Wenn der Brüder meines Freundes halb so viele sind wie der Hundefresser dort, so werden wir diese voranschicken in die ewigen Jagdgründe.« Das Dunkel des Abends senkte sich immer tiefer herab, so daß es immer schwieriger wurde, die feindlichen Gestalten im Auge zu behalten. Ich mußte über das Thun der Indianer genau unterrichtet sein und bat Winnetou, zu den Pferden zurückzukehren und dort auf mich zu warten. Er konnte mir Nichts nützen, da er die Beschaffenheit der Bahn nicht kannte[,] und fügte sich, wenn auch widerwillig, meinem Verlangen. »Wenn mein Bruder in Gefahr ist, so mag er den Schrei des Prairiehuhnes ausstoßen. Ich werde dann kommen, ihm zu helfen.« Er bewegte sich rückwärts, und ich schlug, immer am Boden kriechend und aufmerksam jedes Geräusch beachtend, eine schräge Richtung nach dem Bahnkörper ein. Lange dauerte es, ehe ich ihn erreichte. Dann aber überkroch ich ihn und hielt auf seiner andern Seite mit verdoppelter Vorsicht auf die Stelle zu, an welcher ich die Ogellalla's gesehen. Da drang ein leise klingender Ton an mein Ohr. Ich horchte. Es war der Schall eines regelmäßig wiederkehrenden Schlages, und als ich die Ausschüttung erklomm und das Ohr an eine der Schienen legte, hörte ich ein so deutliches Hämmern und Klopfen, daß mir kein Zweifel übrig blieb. - Hier war nicht die mindeste Zeit zu versäumen, und nachdem ich nur eine kurze Strecke rückwärts geschlichen, erhob ich mich und sprang den Weg zurück, welchen ich gekommen war. Ich kannte den Punkt der Bahnstrecke nicht, an welchem wir uns befanden[,] und wußte ebenso wenig die Zeit, in welcher ein Zug vorüberkommen mußte[.] ------------------------------------------------------------------------ - 141 - Das konnte aller Augenblicke geschehen, und zur Warnung war ein bedeutender Vorsprung nöthig. Ich befand mich in einer nicht unbedeutenden Aufregung und wäre von Winnetou, an welchen ich fast anrannte, beinahe verkannt und niedergestochen worden. Nach einigen Worten der Verständigung saßen wir zu Pferde und bewegten uns in scharfem Trabe längs des Schienengleises nach Osten zu. Ein Wenig Mondenschein wäre uns jetzt zwar willkommen gewesen, aber der klare Schimmer der Sterne genügte ja auch so ziemlich, uns die Strecke erkennen zu lassen. Eine Viertelstunde verging und noch eine. Gefahr für den herannahenden Zug war also nicht mehr zu befürchten, sobald es nur gelang, uns bemerklich zu machen. Aber besser noch war es, wenn dies ohne Wissen der Indianer geschehen konnte, und bei dem platten Terrain war das durchdringende Licht, wie es die amerikanischen Maschinen bei sich führen, auf mehrere Meilen weit bemerklich. Also ließen wir die Pferde laufen und legten so, wortlos neben einander haltend, noch eine ansehnliche Strecke zurück. Jetzt endlich schien es mir Zeit. Ich hielt an und sprang vom Pferde. Winnetou that dasselbe. Nachdem die Thiere gehörig gefesselt waren, sammelte ich einen Haufen ausgedorrten Grases, dessen trockensten Theile ich zu einer Art Fackel zusammendrehte. Mit Hülfe einigen aufgestreuten Pulvers war dieselbe leicht in Brand zu stecken, und nun konnten wir das Kommende ruhig erwarten. Auf unsre Decken gelagert, lauschten wir in die Nacht hinein und verwandten fast kein Auge von der Richtung, aus welcher der Zug zu erwarten war. Winnetou sprach kein Wort; er verstand von dem, was ich vorhatte, Wenig oder gar Nichts und ließ mich ruhig gewähren. Außer dem Geräusche, welches die grasenden Pferde verursachten, war kein Laut zu hören als höchstens das leise Knispern eines auf Raub ausgehenden Käfers, und die Minuten dehnten sich zu einer immer peinlicher werdenden Länge. Da, nach einer kleinen Ewigkeit, blitzte in weiter, weiter Ferne ein Licht auf, erst klein und kaum wahrnehmbar, aber nach und nach immer größer werdend. »Der große Häuptling der Apachen wird jetzt das Feuerroß sehen. Es kommt.« Winnetou erhob sich. Kein Laut seines Mundes gab Zeugniß von der Spannung, in welcher er sich befand. Ich nahm die Lunte zur Hand und schüttete Pulver auf. Jetzt machte sich das Nahen der Wagen durch ein immer vernehmlicher werdendes Rollen bemerklich, welches nach und nach zu einem Geräusche anwuchs, das dem Grollen eines entfernten Donners glich. »Das eiserne Roß hat eine böse Stimme,« sprach Winnetou. »Wie sind seine Gedanken über den Stamm der Apachen?« Er fühlte also doch eine Besorgniß um seine Sicherheit. Dem Feinde, selbst dem überlegenen gegenüber wäre ihm nicht das mindeste Bangen angekommen; die unbekannte und sich auf so schreckliche Weise ankündigende Macht des Dampfes aber störte doch seine Gemüthsruhe. »Das ist nicht die Stimme des Feuerrosses, sondern das Zittern des Pfades, über welchen es daherfliegt.« »Da muß das Wiehern seines Mundes noch fürchterlicher sein. Mein Bruder wird Winnetou nicht verlassen!« Ich konnte nur ein kurzes Wort der Beruhigung aussprechen; denn der Augenblick war gekommen. Einen ------------------------------------------------------------------------ [- 141 re -] blendenden Lichtkeul vor sich herwerfend, braußte der Zug heran. Ich zog den Revolver und drückte los. Im Nu flammte das Pulver auf und brachte das dürre Gras in glimmenden Brand. Die Lunte schwingend, versetzte ich sie in helle Flamme und gab mit dem andern Arme das Zeichen zum Halten. Der Maschinist mußte das Zeichen durch die Glastafeln des Wetterschutzes sofort bemerkt haben; denn schon nach den ersten Schwingungen des Brandes ertönte ein sich rasch und scharf wiederholender Pfiff, fast in demselben Augenblicke wurden die Bremsen angezogen und mit donnerndem Dröhnen flog die Wagenreihe an uns vorüber. »Uff, Uff, Uff!« rief voller Schrecken Winnetou; aber ich hatte nicht Zeit, auf sein ängstliches Erstaunen zu achten, sondern gab ihm nur ein kurzes Zeichen, mir zu folgen und sprang dem seine Geschwindigkeit zusehens verringernden Zuge nach. Endlich hielt er. Ohne zunächst die sich von ihren erhöhten Plätzen herabbeugenden Beamten zu beachten, eilte ich an den Wagen vorüber bis vor die Locomotive und warf die Decke, welche ich vorsorglich von der Erde gerafft hatte, über den Reflector und rief zu gleicher Zeit mit möglichst lauter Stimme: »Lichter aus!« Sofort verschwanden die Laternen. Die Angestellten der Pacificbahn sind ein geistesgegenwärtiges und schnell gefaßtes Völkchen. »'s death!« rief es von der Maschine herab; »warum verdeckt Ihr unsre Flamme, Mann? Ich hoffe nicht, daß da vorn irgend Etwas los ist!« »Wir müssen im Finstern sein, Sir,« antwortete ich; »es sind Indianer vor uns, und ich glaube sehr, daß sie die Schienen aufgerissen haben!« »Alle Teufel! Wenn das so ist, so seid Ihr der bravste Kerl, der jemals durch dieses verfluchte Land stolperte.« Und zur Erde herabspringend, drückte er mir die Hand, daß ich hätte aufschreien mögen. In einigen Augenblicken waren wir von Neugierigen umringt, und ich mußte mich fast wundern über die bedeutende Anzahl von Leuten, die sich da aus den verschiedenen Wagen hervorpaddelten. »Was ist's, was giebt's, warum halten wir?« rief es rund im Kreise. Mit kurzen Worten erklärte ich ihnen die Verhältnisse und brachte dadurch eine nicht geringe Aufregung unter den Männern hervor. »Gut, sehr gut!« rief der Ingenieur. »Zwar bringt das eine Störung im Betriebe hervor; aber das hat Nichts zu sagen gegen die prächtige Gelegenheit, den rothen Hallunken einmal Eins auf's Fell zu brennen. Das ist in kurzer Zeit das dritte Mal, daß sie es wagen, Züge zu überfallen und auszurauben; aber heut sollen sie sich geirrt haben und den Dank gleich in Summa bekommen. Jedenfalls haben sie geglaubt, daß dieser Zug Güter und wie gewöhnlich nur fünf bis sechs Leute bei sich habe. Glücklicher Weise aber haben wir einige Hundert Arbeiter geladen, und da diese Leute sämmtlich bewaffnet sind, so wird uns die Sache nur Spaß machen! Aber was steht denn da drüben für ein Mann? Bei Gott, eine Rothhaut!« (Fortsetzung folgt.) ------------------------------------------------------------------------ - 155 - Aus der Mappe eines Vielgereisten. von K a r l M a y . ------------------------------------------------------------------------ [- 155 li -] Nr. 2. Old Firehand. (Fortsetzung.) Er griff in den Gürtel und wollte sich auf Winnetou stürzen, welcher mir gefolgt war und nun in aufrechter, zuwartender Stellung seitwärts im Halbdunkel hielt. »Bleibt ruhig hier, Sir! Es ist mein Jagdgenosse, der sich freuen wird, die kühnen Reiter des Feuerrosses kennen zu lernen.« »Das ist was Anderes. Ruft den Mann her.« Ich winkte dem Häuptlinge, und er trat langsamen Schrittes herzu, fuhr aber mit einem lauten Ausrufe des Schreckens wieder zurück; denn der Ingenieur war wieder auf den Wagen gestiegen, um die Dämpfe abzulassen, welche mit gellendem Zischen den Ventilen entströmten und die Umgebung der Maschine in eine weiße Wolke hüllten. »Uff, Uff! Warum ruft mein Bruder Winnetou, wenn das Roß zornig ist?« »Winnetou?« rief es da laut im Hintergrunde, und ein Mann drängte sich hastig durch die Umstehenden. »Winnetou, der große Häuptling der Apachen, ist er hier?« Es war ein Mann von wahrhaft riesigen Körperformen, wie ich in der Dunkelheit erkennen konnte; auch schien er mir nicht die Kleidung der ihm rasch Platz machenden Arbeiter, sondern das Gewand eines Präriejägers zu tragen. Er stellte sich vor den Häuptling auf und fragte mit hörbar freudigem Tone: »Hat Winnetou die Gestalt und die Stimme seines Freundes vergessen?« »Uff!« antwortete mit ebensolcher Freude der Gefragte. »Wie kann Winnetou vergessen Old Firehand, den größten unter den weißen Jägern, obgleich er ihn seit vielen Sonnen nicht gesehen!« »Glaub's, glaub's, alter Scalper, - geht mir mit Dir ja ebenso; aber -« »Old Firehand?« rief's, ihn unterbrechend, rund im Kreise, und fast ehrerbietig traten die Anwesenden einen Schritt von dem Genannten zurück. Auch mir war der Name dieses berühmtesten unter den Indianerfeinden bekannt, an dessen Person sich Erzählungen von fast unglaublichen Kühnheiten knüpften, so daß ihn der Aberglaube der Prairiejäger mit einem durch immer neue Berichte wachsenden Nimbus umgab. »Old Firehand?« rief auch der Ingenieur. »Warum habt Ihr mir Euren Namen nicht genannt, als Ihr aufstieget, Mann? Ich hätte Euch einen bessern Platz angewiesen als jedem Andern, den man aus Gefälligkeit ein Stück mit in den Westen hineinnimmt!« »Danke, Sir; war gut genug! Aber laßt uns die ------------------------------------------------------------------------ [- 155 re -] kostbare Zeit nicht verschwatzen, sondern berathen, was wir gegen die Indsmen vorzunehmen haben.« Sofort gruppirte sich Alles, als wäre er selbstverständlich Derjenige, dessen Ansicht die beste sei, um ihn, und ich mußte meinen Bericht eingehender wiederholen. »So seid Ihr also Winnetou's Freund?« fragte er, als ich geendet hatte. »Ich mag so leicht nicht von Jemandem 'was wissen; aber wem Der seine Achtung schenkt, der kann auch auf mich rechnen. Hier habt Ihr meine Hand! Und nun laßt Euch meine Meinung sagen, Ihr Leute: Wir bilden zwei Abtheilungen, welche zu beiden Seiten der Bahn sich an die Indianer schleichen. Zwei Führer haben wir ja, so daß wir uns nicht irren können. Während die Eine dieser Abtheilungen die Indsmen vorsichtig in einem Halbkreis umfängt und über die Schienen treibt, nimmt die Andere den Feind auf, so daß er in die Mitte kommt und vollständig aufgerieben wird. Aber nehmt Euch in Acht, daß wir nicht vor der Zeit bemerkt werden. Der Zug bleibt natürlich hier halten, und wem es nicht behagt, mit zu kommen, der bleibt bei ihm zurück.« »Well, Sir, ich stimme bei!« rief der Ingenieur. »Aber obgleich ich eigentlich meinen Posten nicht verlassen darf, will ich doch nicht umsonst ein Paar gesunde Fäuste besitzen. Ich würde es auf dem alten Feuerkasten nicht aushalten können, sobald ich Eure Büchse knallen hörte[,] und gehe also mit.« Und sich zu seinem Personale wendend, fuhr er fort: »Ihr Andern bleibt bei den Wagen und gebt gut Acht; man weiß zuweilen nicht, was passiren kann. - Tom!« »Sir!« antwortete der Feuermann. »Du verstehst so ziemlich, mit der Maschine umzugehen. Damit wir nicht erst wieder zurück zu gehen brauchen, kommst Du mit den Wagen nach, sobald Du ein Feuerzeichen erblickst. Aber langsam, so langsam wie möglich. Es wird jedenfalls am Traçé auszubessern geben.« - In kurzer Zeit lag tiefe Stille über der Gegend, und nicht das leiseste Geräusch verrieth, daß der auf der weiten Ebene ruhende scheinbare Frieden die Vorbereitung einer blutigen Katastrophe in sich berge. Zunächst hatten wir eine ansehnliche Strecke in aufrechter Stellung zurückgelegt; jetzt aber, nachdem wir die Nähe des muthmaßlichen Kampfplatzes erreicht hatten, legten wir uns nieder und krochen, Einer hinter dem Andern, auf Händen und Füßen die Böschung entlang. Der Mond war mittlerweile aufgegangen und warf ein ruhiges, klares Licht über die Gegend, sodaß es möglich war, in sehr geraume Entfernung zu blicken. Diese Helligkeit erschwerte zwar das Anschleichen, war uns aber in anderer Beziehung wieder von Vortheil. Bei der Gleichheit der Hebungen und Senkungen des Bodens wäre es uns im Dunkel nicht leicht geworden, den Ort genau zu bestimmen, an welchem wir die Ogellalla's gesehen hatten, und möglicher Weise konnten wir also ganz unversehens auf sie stoßen; das war aber jetzt nicht zu befürchten. ------------------------------------------------------------------------ - 156 - Von Zeit zu Zeit im Vorwärtsdringen einen Augenblick innehaltend und mich vorsichtig erhebend, warf ich einen forschenden Blick über den Damm hinaus und gewahrte jetzt auf der seitwärts liegenden Erhöhung eine Gestalt, welche sich leicht kenntlich am Horizonte abzeichnete. Man hatte also jetzt eine Wache ausgestellt, und wenn der Mann sein Augenmerk nicht blos in die Ferne auf den von ihm erwarteten Bahnzug sondern auch auf die nähere Umgebung richtete, so mußte er unbedingt die Abtheilung von uns, welche sich auf der andern Seite des Schienenstranges fortbewegte, bemerken. Doch vertraute ich der Klugheit des Apachenhäuptling's, welcher mir schon öfters eine gradezu erstaunenswerthe Meisterschaft im Beschleichen gezeigt hatte. Nach wenigen Minuten konnten wir die Uebrigen sehen, welche bewegungslos am Boden lagen. Eine kurze Strecke hinter ihnen hielten die angekoppelten Pferde, ein Umstand, der einen plötzlichen Ueberfall sehr erschwerte, da die Thiere leicht zu Verräthern werden konnten. Zu gleicher Zeit erblickte ich die Vorrichtung, welche die Indianer getroffen hatten, um den Zug aufzuhalten. Es waren mehrere Schienen ausgebrochen und mit den ausgehobenen Schwellen quer über das Gleis gelegt worden, und mit Schaudern dachte ich an das Schicksal, welches die Insassen der Wagen hätte treffen müssen, wenn das Vorhaben der Wilden nicht von uns bemerkt worden wäre. Wir setzten unsre Bewegung so lange fort, bis wir uns der Truppe grad gegenüber befanden[,] und blieben nun, die Waffen zum sofortigen Gebrauche bereit haltend, erwartungsvoll liegen. Besser wäre es gewesen, den Angriff von unserer Seite aus zu übernehmen; aber die Disposition war nun einmal getroffen, und so mußten wir uns gedulden. Die Hauptaufgabe unserer Verbündeten war, zunächst den Posten unschädlich zu machen, ein Vornehmen, welches ich kaum einem Andern als Winnetou zutraute. Der Mann konnte im hellen Mondenschein die geringste Kleinigkeit seiner Umgebung genau erkennen und mußte bei der ringsum herrschenden Ruhe das leiseste Geräusch bemerken. Und selbst wenn es gelang, ihn zu überraschen, so war es doch, um ihn durch einen gutgeführten Messerstich unschädlich zu machen, nothwendig, aufzuspringen, und dann mußte man ja sofort von den Andern gesehen werden. Mit mir zu Rathe gehend, wie diesem Uebelstande abzuhelfen sei, sah ich ihn plötzlich wie in den Boden hinein verschwinden, im nächsten Augenblicke aber schon wieder in seiner früheren geraden Haltung aufrecht stehen. Nur einen einzigen, blitzesschnellen Moment hatte diese Bewegung in Anspruch genommen; aber ich wußte sogleich, was sie zu bedeuten hatte. Der jetzt scheinbar Wache Haltende war nicht mehr der Ogellalla, sondern Winnetou. Er mußte sich mit noch Einem bis unmittelbar an den Posten geschlichen haben und war in demselben Augenblicke, an welchem Letzterer von dem Anderen bei den Füßen niedergerissen und sofort eines Lautes unfähig gemacht wurde, kerzengrad in die Höhe gefahren. Das war wieder eins seiner bewundernswerthen Indianerstücke, bei welchem ihm sicher nur Old Firehand geholfen haben konnte. Niemand weiter von uns hatte den Vorgang bemerkt, und da die Feinde in ihrer Unbeweglichkeit verharrten, so mußte er auch ihnen entgangen sein. Das Schwerste war somit glücklich vollbracht, und nun konnten wir in kürzester Zeit den Angriff erwarten. ------------------------------------------------------------------------ [- 156 re -] Wirklich gewahrte ich auch nur kurze Zeit später eine Reihe dunkler Punkte, welche sich in einiger Entfernung hinter den Pferden immer weiter vorschob und das Bestreben zeigte, sich zu einem Halbkreise zu verengen. Ungesehen von den Indianern rückte sie näher und immer näher, und schon schien mir die vollständige Ueberrumpelung des Feindes sicher, da - zuckte ein flüchtiges Leuchten drüben auf, welchem ein lauter Knall folgte - es war irgend Einem das Gewehr losgegangen. Sofort standen die Ogellalla's auf den Füßen, und kaum hatten sie die rasch heranstürmenden Gegner bemerkt, so saßen sie mit Gedankenschnelle im Sattel, warfen die Pferde herum und stürmten im Galopp auf den Bahndamm zu. Sie waren eines Ueberfalles nicht gewärtig gewesen und hatten also auch für den Fall eines solchen keine Verhaltungsmaßregeln besprochen. Deßhalb suchten sie, da sie die Ueberzahl der Weißen erkannten, zunächst aus der Nähe derselben zu kommen, um dann in einer sicheren Stellung einen Entschluß zu fassen. Daß auf der andern Seite des Dammes ein Hinterhalt liege, konnten sie nicht wissen, und es kam nun darauf an, ihre Flucht aufzuhalten. »Have care (Achtung)!« rief ich, als sie nur noch einige Pferdelängen von uns entfernt waren. »Zielt auf die Pferde und dann drauf!« Ich hatte einen Henrystutzen mit fünf und zwanzig Kugeln im Kolben, gegen Reiter eine fürchterliche Waffe, die ich auch nach Kräften gebrauchte. Schon bei unsrer ersten Salve bildeten die Indsmen einen Kneuel, auf welchen sich die Andern alle stürzten, während ich einstweilen meinen Standpunkt beibehielt, um Kugel auf Kugel aus dem sichern Laufe zu entsenden. Der Kampf wüthete mit tödtlicher Erbitterung. Zwar war es einer kleinen Anzahl gelungen, unsre Linie zu durchbrechen und das Weite zu gewinnen; aber die bei weitem Meisten waren entweder von ihren verwundeten Pferden abgeworfen oder von unsrer Uebermacht am Ausbrechen verhindert worden, und wenn sie auch wie die Teufel kämpften, so war es doch augenscheinlich, daß sie dem Untergange gewidmet waren. Die ursprüngliche Verwirrung des Handgemenges lößte allmälich [allmählich] sich in einen besser zu übersehenden Einzelkampf auf, welcher einem nicht betheiligten Zuschauer Gelegenheit gegeben hätte, Thaten zu beobachten, für welche der civilisirte Boden kaum einen Platz haben dürfte. Die Schaar der Bahnarbeiter bestand begreiflicher Weise zwar meist aus Leuten, welche in den Stürmen des Lebens ihre Kräfte geübt hatten; aber der Kampfart der Indianer war wohl Keiner von ihnen gewachsen, und wo nicht Mehrere von ihnen gegen einen Indsman standen, behielt dieser gewiß die Oberhand, und die Stätte bedeckte sich immer mehr mit den unter dem wuchtigen Hiebe des Tomahawk Gefallenen. Nur Drei von uns, Old Firehand, Winnetou und ich waren mit dieser Waffe versehen, und es zeigte sich allerdings, daß bei gleichen Waffen der intelligentere Europäer meist im Vortheile steht. Ich hatte das Gewehr längst aus der Hand gelegt und mich am Handgemenge betheiligt. Je geringer die Zahl der Feinde wurde, desto mehr glaubten die Arbeiter, ihre Pflicht gethan zu haben[,] und traten beiseite, um sich zu erholen; um so mehr aber waren wir Andern engagirt und hatten wirklich vollauf zu thun, um den Rest der Feinde zu bemeistern. ------------------------------------------------------------------------ - 157 - Winnetou kannte ich genugsam und ließ ihn also unbeachtet; mit Gewalt dagegen drängte es mich in die Nähe von Old Firehand, dessen Anblick mich an jene alten Recken mahnte, von denen ich als Knabe so oft und mit Begeisterung gelesen. Mit auseinander gespreizten Beinen stand er grad und aufrecht da und ließ sich von den Andern die Indianer in das Schlachtbeil treiben, welches, von seiner riesenstarken Faust geführt, bei jedem Schlage zerschmetternd auf die Köpfe der Feinde sank. Die langen, weißen, mähnenartigen Haare wehten ihm um's entblößte Haupt und in seinem vom Monde hell beschienenen Angesichte sprach sich ein Gefühl der Wonne aus, welche den Zügen einen gradezu befremdenden Ausdruck gab. Seitwärts von ihm und mir kämpfte ein Indianer, welcher seinen Gegnern sehr zu schaffen machte, so daß es ihm endlich doch gelang, sich einen Weg zu bahnen, um dem Schicksale der Uebrigen zu entgehen. Eben stieß er den letzten im Wege Stehenden weit ab von sich und wollte das Weite suchen, als sich ihm ganz unerwartet ein neuer Feind entgegenstellte. Es war Winnetou, der bei dem Anblicke des Wilden sofort herbeigesprungen kam, noch ehe ich die gleiche Absicht ausgeführt hatte. »Parranoh!« rief er, der sonst nach Indianersitte während des Kampfes den Mund nicht öffnete. »Will der Hund von Athabaskah laufen vor Winnetou, dem Häuptling der Apachen? Der Mund der Erde soll sein Blut trinken und die Kralle des Geiers soll zerreißen den Leib des Verräthers; aber sein Scalp wird zieren den Gürtel des Apachen.« Er warf den Tomahawk weit von sich, riß das Messer aus dem mit Kopfhäuten geschmückten Gürtel und packte den weißen Häuptling bei der Kehle. Aber er wurde von dem tödtlichen Stiche abgehalten. Als er gegen seine sonstige Gewohnheit sich mit so lautem Rufe auf den Ogellalla stürzte, hatte Old Firehand einen raschen Blick herüber geworfen, welcher das Gesicht des Feindes streifte. Trotz der Flüchtigkeit dieses Blickes aber hatte er doch ein Gesicht gesehen, welches er haßte mit der tiefsten Faser seines Innern, welches er lange, lange Jahre mit fürchterlicher Anstrengung, aber vergebens gesucht, und das ihm nun so unerwartet an diesem Orte vor die Augen kam. »Tim Finnetey,« schrie er, schlug mit den Armen die Indianer wie Grashalme auseinander und sprang mitten durch sie hindurch auf Winnetou zu, dessen soeben zum Stoße erhobene Hand er packte. »Halt, Bruder, dieser Mann gehört mir!« Vor Schrecken starr stand Parranoh, als er seinen eigentlichen Namen rufen hörte; kaum aber hatte er einen Blick in das Angesicht Old Firehand's geworfen, so riß er sich von der Hand Winnetou's, der seine Aufmerksamkeit getheilt hatte, los und stürmte wie von der Sehne geschnellt von dannen. Im Augenblicke machte auch ich mich von dem Indianer, mit welchem ich während dieser Scene im Kampfe stand, los und setzte dem Fliehenden nach. Zwar hatte ich für meine Person keinerlei Abrechnung mit ihm zu halten, aber selbst wenn er auch nicht als der eigentliche Urheber des beabsichtigten Ueberfalles Anrecht auf eine Kugel gehabt hätte, so wußte ich doch, daß er ein Todfeind Winnetou's sei[,] und ebenso hatten mich die letzten Augenblicke belehrt, daß Old Firehand an der Habhaftwerdung seiner Person gelegen sein müsse. ------------------------------------------------------------------------ [- 157 re -] Beide hatten sich ebenfalls augenblicklich zur Verfolgung in Bewegung gesetzt; aber ich wußte, daß sie den Vorsprung, welchen ich vor ihnen hatte, nicht verringern würden und mußte freilich auch zu gleicher Zeit bemerken, daß ich es mit einem außerordentlich guten Läufer zu thun hatte. Obgleich Old Firehand nach Dem, was ich von ihm gehört hatte, ein Meister in allen Fertigkeiten, welche das Leben im Westen verlangt, sein mußte, so befand er sich doch schon längst nicht mehr in den Jahren, welche einen Wettlauf auf Tod und Leben begünstigen, und Winnetou hatte mir schon öfters eingestanden, daß er mich nicht einzuholen vermöge. Zu meiner Genugthuung bemerkte ich, daß Parranoh den Fehler beging, ohne seine Kräfte gehörig abzumessen, Hals über Kopf immer gradaus zu rennen[,] und in seiner Bestürzung die gewöhnliche Taktik der Indianer, im Zickzack zu fliehen, nicht befolgte, während ich den Odem zu sparen suchte und in vollständiger Berechnung meiner Kräfte und der möglichen Ausdauer die Anstrengung des Laufes abwechselnd von einem Beine auf das andere legte, eine Vorsicht, welche mir stets von Vortheil gewesen war. Die beiden Anderen blieben immer weiter zurück, so daß ich das Geräusch ihres Athems, welches ich erst dicht hinter mir gehört hatte, nicht mehr vernahm, und jetzt erscholl auch aus schon ziemlicher Entfernung die Stimme Winnetou's: »Old Firehand mag stehen bleiben! Mein junger, weißer Bruder wird die Kröte von Atbabaskah fangen und tödten! Er hat die Füße des Sturmes, und Niemand vermag, ihm zu entkommen.« So schmeichelhaft dieser Ruf für mich klang, ich konnte mich doch nicht umsehen, um zu gewahren, ob der grimme Jäger ihm auch Folge leiste. Zwar schien der Mond, aber bei der Trüglichkeit seines Schimmers mußte ich den Flüchtling immer fest im Auge behalten. Bisher war ich ihm noch um keinen Schritt näher gerückt; aber als ich jetzt bemerkte, daß seine Geschwindigkeit im Abnehmen begriffen sei, holte ich weiter aus, und in kurzer Zeit flog ich so nahe hinter ihm her, daß ich sein keuchendes Schnaufen vernahm. Ich hatte keine andere Waffe bei mir, als die beiden abgeschossenen Revolver und das Bowiemesser, welches ich jetzt zog. Das Beil hätte mich am Laufe gehindert und war deßhalb schon nach den ersten Schritten von mir weggeworfen worden. Da plötzlich sprang er zur Seite, um mich im vollen Jagen an sich vorüberschießen zu lassen und dann von hinten an mich zu kommen; aber ich war natürlich auf dieses Manöver gefaßt und bog in eben demselben Momente seitwärts, so daß wir mit voller Gewalt zusammenprallten und ihm dabei mein Messer bis an den Griff in den Leib fuhr.- Der Zusammenstoß war so kräftig, daß wir beide zur Erde stürzten, von welcher er sich allerdings nicht wieder erhob, während ich mich augenblicklich zusammenraffte, da ich nicht wissen konnte, ob er tödtlich getroffen sei. Aber er bewegte kein Glied, und tief Athem holend, zog ich das Messer zurück. (Fortsetzung folgt.) ------------------------------------------------------------------------ - 173 - Aus der Mappe eines Vielgereisten. von K a r l M a y . ------------------------------------------------------------------------ [- 173 li -] Nr. 2. Old Firehand. (Fortsetzung.) Es war nicht der erste Feind, welchen ich niedergestreckt, und mein Körper zeigte manches Andenken an nicht immer glücklich bestandene Recontres mit den kampfgewandten Bewohnern der amerikanischen Steppen; aber hier lag ein Weißer vor mir, der von meiner Waffe gestorben, und ich konnte mich eines beengenden Gefühles nicht erwehren. Doch hatte er den Tod jedenfalls verdient und war des Bedauerns also nicht werth. ------------------------------------------------------------------------ [- 173 re -] Noch mit mir zu Rathe gehend, welches Zeichen meines Sieges ich mit mir nehmen solle, hörte ich hinter mir den eiligen Lauf eines Menschen. Rasch warf ich mich nieder; aber ich hatte Nichts zu befürchten; denn es war Winnetou, welcher mir in freundschaftlicher Besorgniß doch gefolgt war und jetzt an meiner Seite hielt. »Mein Bruder ist schnell wie der Pfeil des Apachen, und sein Messer trifft sicher das Ziel.« »Wo ist Old Firehand?« »Er ist stark wie der Bär zur Zeit des Schneefalles; aber sein Fuß wird gehalten von der Hand der Jahre. Will mein Bruder sich nicht schmücken mit der Scalplocke des Athabaskah?« »Ich schenke sie meinem rothen Freunde!« Mit drei Schnitten war die Kopfhaut des Gefallenen ------------------------------------------------------------------------ - 174 - vom Schädel gelößt. Ich hatte mich, um von dieser Prozedur nicht berührt zu werden, abgewandt, da war es mir, als bewegten sich einige dunkle Punkte langsam auf uns zu. »Winnetou mag sich zur Erde strecken, er wird den Scalp des weißen Häuptlings vertheidigen müssen!« Die Kommenden nahten sich mit sichtbarer Vorsicht; es war ungefähr ein halbes Dutzend Ogellalla's, augenscheinlich von Denen, welche uns entkommen waren, und kehrten zurück, jedenfalls um zu recognosciren und etwa versprengte Ihrige aufzusuchen. Der Apache kroch, tief zur Erde gedrückt, seitwärts, und ich folgte, seine Absicht errathend. Längst schon hätte Old Firehand bei uns sein müssen; aber vermuthlich hatte er, sobald Winnetou ihm aus den Augen gerathen war, eine falsche Richtung eingeschlagen. Jetzt bemerkten wir, daß die Nahenden Pferde bei sich hatten, welche sie am Zügel nachführten; auf diese Weise waren sie für alle Fälle zur schnellen Flucht bereit; uns aber konnte dieser Umstand gefährlich werden[,] und wir mußten uns deßhalb in den Besitz der Thiere setzen. Wir schlugen daher einen Bogen ein, eine Bewegung, welche uns in ihren Rücken und die Pferde zwischen uns und sie bringen mußte. In dieser Entfernung vom eigentlichen Kampfplatze hatten sie natürlich keinen Totden vermuthet und stießen ein verwundertes »Hugh!« aus, als sie einen regungslosen menschlichen Körper vor sich erblickten. Hätten sie vermuthet, daß er hier getroffen sei, so wären sie gewiß mit weniger Eile auf ihn zugeschritten; sie schienen aber anzunehmen, daß er sich verwundet aus dem Handgemenge bis hierher geschleppt habe, bückten sich unverzüglich auf ihn nieder und stießen, als sie ihn und seine Entstellung erkannten, ein unterdrücktes Wuthgeheul aus. Das war der geeignete Augenblick für uns. Im Nu hatten wir sämmtliche Pferde, welche sie im Schrecken losgelassen hatten, bei den Riemen, saßen auf und jagten im Calopp [Galopp] den Unsrigen zu. An einem Kampfe konnte uns Nichts gelegen sein; es war genug, daß wir, fast waffenlos, wie wir waren, den dreifach Ueberlegenen entkamen und außer dem Scalpe des feindlichen Anführers noch eine Anzahl Pferde mitbrachten. Mit sehr verzeihlichem Vergnügen dachte ich an die verdutzten Gesichter, welche die Betrogenen uns jedenfalls nachschnitten, und selbst der so ernste Winnetou konnte ein lachendes »Uff« nicht unterdrücken. Zugleich aber war eine kleine Sorge um Old Firehand sicher gerechtfertigt, da er ebenso gut wie wir mit einer Truppe der Verschlagenen zusammengetroffen sein konnte. Und diese Sorge erwies sich als gerechtfertigt; denn wir fanden ihn bei unsrer Rückkehr zu dem Platze des Ueberfalles nicht vor, trotzdem seit unserer Entfernung eine geraume Zeit vergangen sein mußte. Der Kampf war beendet; man befand sich beim Verbinden der Verwundeten und trug die Gefallenen zusammen. In der Nähe derjenigen Stelle, an welcher die ausgerissenen Schienen lagen, brannten zwei hochlodernde Feuer, welche die nöthige Helle verbreiteten und zugleich dem Zugpersonale als Signal dienten. »Da seid Ihr ja wieder!« rief uns der Ingenieur entgegen, welcher ein Tuch um den verletzten Arm trug und die unbeschädigte Rechte zum Gruße hinstreckte. »Habt Euch brav gehalten, Alter; hätte einem Indsman so Etwas ------------------------------------------------------------------------ [- 174 re -] gar nicht zugetraut; werde es zu berichten wissen! Wohin führt Euch Euer Pfad?« »Winnetou geht, zu sehen das mächtige Volk der Bleichgesichter,« antwortete der Gefragte. »Dann vergeßt ja nicht, nach Washington zu gehen, zur Stadt des großen Vaters, dem ich schreiben werde von dem tapfern und guten Häuptlinge der Apachen.« »Winnetou wird ihn sehen und ihm sagen die Wünsche der rothen Männer.« »Er wird die Worte unsers Bruders hören und mit Weisheit und Güte beantworten. Aber wo ist Old Firehand, den ich Euch nachjagen sah?« »Mein weißer Bruder hat verloren die Fährte des rothen Mannes und ist auf einen neuen Feind gestoßen. Der Apache wird mit seinem jungen Freunde gehen, ihn zu suchen.« Auch ich hegte diese Ansicht, da er längst wieder da sein mußte, wenn ihm Nichts begegnet gewesen wäre. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schloß ich mich deßhalb dem Indianer, nachdem wir uns unsre Waffen wieder angeeignet, sie in den gehörigen Zustand gesetzt und die erbeuteten Pferde in Sicherheit gebracht hatten, an und schritt mit ihm der Richtung zu, aus welcher wir soeben gekommen waren. - Der Mond warf sein falbes, zweifelhaftes Licht über die vor uns ausgebreitete Weite; hinter uns flammten die beiden Feuerzungen empor, und am östlichen Punkte des Gesichtskreises wurde nun auch das scharfe Licht der nahenden Maschine sichtbar. Der Knoten, welcher uns für wenige Viertelstunden mit der Civilisation verband, war nur leicht geschlungen; vielleicht lößte er sich schon in dem gegenwärtigen Augenblicke, welcher uns in die ungewisse und gefahrvolle Nacht hinausführte. ---------- Eine Reihe von Tagen war vergangen. Unser glücklich zurückgelegter Weg hatte uns mitten durch das Gebiet feindlicher Stämme geführt, und jetzt nun, wo die uns dabei drohenden Gefahren hinter uns lagen, konnten wir uns einmal nach Herzenslust ausruhen und pflegen. Unsre Büchsen waren in den letzten Tagen, um durch den Knall derselben nicht die Rothhäute auf uns aufmerksam zu machen, stumm geblieben; aber trotzdem hatten wir, da wir an der Station der Bahnarbeiter mit hinreichendem Proviant und manchem Andern reichlich versehen worden waren, nicht Mangel gelitten[,] und auch jetzt eben ließ Old Firehand den letzten Inhalt einer mitgenommenen Rumflasche in das heiße Wasser laufen und kostete mit sichtbarem Wohlbehagen den in diesen Breiten so seltenen Trank. Winnetou hatte die Wache und trat, von einem seiner Rundgänge zurückgekehrt, zum Feuer. Old Firehand bot ihm den dampfenden Becher. »Will mein Bruder sich nicht an's Feuer setzen? Der Pfad des Rapaho führt nicht an diese Stelle.« »Das Auge des Apachen steht immer offen; er traut nicht der Nacht; denn sie ist ein Weib.« Nachdem er einen langen, behaglich schlürfenden Schluck gethan hatte, schritt er wieder in das Dunkel zurück. »Er haßt die Frauen,« warf ich hin, um den Anfang zu geben zu einer jener traulichen Unterhaltungen, welche, ------------------------------------------------------------------------ - 175 - geführt unter ruhig flimmernden Sternen, für lange Jahre in der Erinnerung bleiben. Old Firehand öffnete das an seinem Halse hangende Futteral und entnahm demselben die sorglich darin verwahrte kurze Pfeife, welche er gemächlich stopfte und dann in Brand steckte. »Meint Ihr? Vielleicht auch nicht.« »Seine Worte schienen es zu sagen.« »Schienen,« nickte der alte Jäger; »aber es ist nicht so. Es gab einmal Eine, um deren Besitz er mit Mensch und Teufel gekämpft hätte, und seit jener Zeit ist ihm das Wort "Squaw" (Frau) entfallen.« »Warum führte er sie nicht in seine Hütte?« »Sie liebte einen Andern!« »Darnach pflegt ein Indianer nicht zu fragen.« »Aber dieser Andere war sein Freund.« »Und der Name dieses Freundes?« »Ist jetzt Old Firehand.« Ich blickte überrascht empor. Hier stand ich vor einer jener Katastrophen, an denen der Westen so reich ist und welche seinen Gestalten und Ereignissen jenen energischen Charakter geben, durch welchen sie sich kräftig auszeichnen. Natürlich hatte ich kein Recht, weiter zu fragen; aber das Verlangen nach weiterem mußte sich deutlich in meinen Mienen aussprechen; denn er fuhr nach einer Pause fort: »Laßt die Vergangenheit ruhen, Mann. Wollte ich von ihr sprechen, wahrhaftig, Ihr wärt trotz Eurer Jugend der Einzige, zu dem ich es thäte; denn ich habe Euch lieb gewonnen in der kurzen Zeit, die wir nun beisammen sind.« »Danke, Sir! Kann Euch offen sagen, daß auch ich nicht ganz empfindungslos bin.« »Weiß es, weiß es; Ihr habt's ja reichlich bewiesen, und ohne Eure Hülfe wäre ich in jener Nacht verloren gewesen. Ich hatte in der Hitze, in welche mich der Anblick Tim Finnetey's brachte, Eure Spur, welcher ich nicht schnell genug folgen konnte, weil mir vor kurzer Zeit ein Pfeil durch's Bein gedrungen war, aus dem Auge gelassen und gerieth, nur mit dem Messer bewaffnet, zwischen eine Truppe der herumschleichenden Ogellalla's, der sich dann noch Diejenigen zugesellten, welchen Ihr mit den Pferden davongegangen wart. Ich hatte einen teufelsmäßig harten Stand und blutete wie ein vielangeschossener Büffel, als Ihr endlich kamet.« »Das muß gesagt sein, Sir, einer andern Mutter Sohn wäre in Eurer Lage der Muth in die Beine gefahren, und an der Ehre, lebendig davon zu kommen, hätte er vollkommen genug gehabt.« »Pah, es hat noch nie eine Rothhaut sagen können, daß Old Firehand ihr den Rücken gekehrt habe. Es war nur ärgerlich, daß ich meine Rechnung mit Tim Finnetey nicht selbst ausgleichen konnte, und ich gäbe auf der Stelle diese meine Hand darum, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, dem Hallunken mein eigenes Eisen zu schmecken zu geben.« Bei diesen Worten zuckte eine ingrimmige Erbitterung über das sonst so ruhige und offene Gesicht des Sprechenden, und wie er mit wuthblitzenden Augen und festgeballten Fäusten mir so gegenüber lag, konnte ich nicht anders denken, als daß die erwähnte Rechnung mit diesem Parranoh oder Finnetey eine ganz außerordentliche gewesen sein müsse. Ich gestehe gern, daß meine Wißbegierde immer größer ------------------------------------------------------------------------ [- 175 re -] wurde, und bei jedem Andern an meiner Stelle wäre es ebenso gewesen; aber ich mußte mich gedulden, was mir auch gar nicht schwer fiel, da ich von der Zukunft ganz sichere Aufklärung erwarten konnte. Als ich ihn in der Nacht des Ueberfalles mit Winnetou aufsuchte, fanden wir ihn im Kampfe mit einer überlegenen Anzahl Indsmen, und die dabei erhaltenen Wunden hätten bei dem Mangel an Pflege in der Prairie in kurzer Zeit seinen Tod herbeigeführt. Glücklicher Weise aber bot sich uns in dem anwesenden Bahnzuge ein willkommenes Rettungsmittel, und mit Freude folgten wir der vom Ingenieur ausgesprochenen Einladung, bis an den nächsten und zugleich auch am Weitesten vorgeschobenen Verwaltungspunkt der damals noch im Baue begriffenen Bahn mit zu fahren und dort die Genesung des Verwundeten abzuwarten. Diese Genesung war schneller vorgeschritten, als wir erwartet hatten, und so brachen wir nach verhältnißmäßig kurzer Zeit auf, um unsre unterbrochene Wanderung fortzusetzen und zunächst durch das Land der Rapaho's und Pawnee's bis an den Mankizila vorzudringen, an dessen Ufer Old Firehand seine »Festung« hatte, wie er sich ausdrückte, die wir vielleicht in kurzer Zeit erreichen konnten, da wir schon vorgestern den Kehupahan überschwommen hatten. - Dort wollten wir einige Tage Rast halten und dann über Dakotah und die Hundeprairie die See'n zu gewinnen suchen. Während dieses Aufenthaltes bot sich hoffentlich Gelegenheit, einen Einblick in die Vergangenheit Old Firehands zu thun, und so verharrte ich jetzt schweigend in meiner Stellung, die ich nur zuweilen veränderte, um das Feuer zu schüren und ihm neue Nahrung zu geben. Bei einer dieser Bewegungen funkelte der an meinem Finger steckende Ring im Strahle der Flamme. Old Firehand's scharfes Auge hatte trotz der Schnelligkeit dieses Leuchtens den kleinen, goldenen Gegenstand genau erfaßt, und er fuhr mit betretener Miene aus seiner bequemen Lage empor. »Was ist das für ein Ring, den Ihr hier tragt, Sir?« »Es ist das Andenken an eine der schrecklichsten Stunden meines Lebens.« »Wollt Ihr ihn mir einmal zur Betrachtung geben?« Ich erfüllte seinen Wunsch. Mit sichtbarer Hast griff er zu, und kaum hatte er einen näheren Blick auf den Ring geworfen, so erklang die Frage: »Von wem habt Ihr ihn?« Es war eine unbeschreibliche Aufregung, die sich seiner bemächtigt hatte, und auf meine Antwort »Ich erhielt ihn von einer jungen Dame in New-Venango,« stieß er hervor: »In New-Venango? Wart Ihr bei Forster? Habt Ihr Ellen gesehen? Ihr spracht von einer schrecklichen Stunde, von einem Unglücke?« »Ein Abenteuer, bei welchem ich mit meinem braven Swallow in Gefahr kam, bei lebendigem Leibe gebraten zu werden,« erwiederte [erwiderte] ich, die Hand nach dem Ringe ausstreckend. »Laßt das!« wehrte er ab. »Ich muß wissen, wie dieser Reif in Euren Besitz gekommen ist. Ich habe ein heiliges Anrecht auf ihn, heiliger und größer als irgend ein andres Menschenkind!« »Laßt Euch ruhig nieder, Sir. Verweigerte mir ein Anderer die Zurückgabe, so würde ich ihn dazu zu zwingen ------------------------------------------------------------------------ - 176 - wisse [wissen]. Euch aber will ich das Nähere berichten, und Ihr werdet dann mir wohl auch Euer Anrecht beweisen können.« »Sprecht; aber wißt auch Ihr, daß dieser Ring in der Hand eines Mannes, dem ich weniger vertraute als Euch, sehr leicht sein Todesurtheil werden könnte. Also erzählt, erzählt!« Er kannte Ellen, er kannte auch Forster, und die Erregung, in welcher er sich befand, zeigte von dem großen Interesse, welches er an diesen Personen nahm. Ich hatte hundert Fragen auf der Zunge; aber ich drängte sie zurück und begann meinen Bericht von der Begegnung mit dem wunderbaren und räthselhaften Mädchen, dessen Bild sich meiner Erinnerung so fest eingedrückt hatte, daß ich den Gedanken an sie nur auf kurze Unterbrechungen von mir zu weisen vermochte. Auf den einen Ellbogen gestützt, lag er, das Feuer zwischen uns, mir gegenüber, und in jedem einzelnen seiner Züge sprach sich die Spannung aus, mit welcher er dem Laufe meiner Erzählung folgte. Von Wort zu Wort wuchs seine Aufmerksamkeit, und als ich zu dem Augenblicke kam, an welchem ich sie vor mir auf das Pferd gerissen hatte, sprang er auf und rief: »Mann, das war das Einzige, sie zu retten! Ich zittre für ihr Leben; rasch, rasch, sprecht weiter!« Auch ich hatte mich in dem Wiederfühlen jener furchtbaren Aufregung erhoben und fuhr in meiner Schilderung fort. Er trat mir näher und immer näher; seine Lippen öffneten sich, als wolle er jedes einzelne meiner Worte trinken; sein Auge hing, weit aufgerissen, an meinem Munde, und sein Körper bog sich in eine Stellung, als säße er selbst auf dem dahinbraußenden Swallow, stürze sich selbst mit in die hochaufschäumenden Fluthen des Flusses und strebe selbst in fürchterlicher Angst um das holde Wesen die steile, zackige Felswand empor. Längst schon hatte er meinen Arm erfaßt, den er unbewußt drückte, daß ich hätte die Zähne zusammenpressen mögen, und laut und ächzend drängte sich der Athem aus seiner von fürchterlicher Besorgniß zusammengepreßten Brust. - »Heavens!« rief er mit einem tiefen, tiefen Athemzuge, als er hörte, daß ich glücklich mit ihr über den Rand der Schlucht gekommen sei und sie also in Sicherheit gebracht habe. »Das war entsetzlich - fürchterlich! Ich habe eine Angst ausgestanden, als ob mein eigener Körper in den Flammen stäke, und doch wußte ich vorher, daß Euch die Rettung gelungen sei, denn sonst hätte sie Euch ja den Ring nicht geben können!« »Sie hat es auch nicht gethan; ich streifte ihn wider Willen von ihrem Finger, und sie hat den Verlust gar nicht bemerkt.« »So mußtet Ihr das fremde Eigentum der Besitzerin unbedingt zurückstellen.« »Ich wollte es; doch sie floh mich. Zwar folgte ich ihr, doch sah ich sie erst am andern Morgen in Gesellschaft einer Familie wieder, welche dem Tode entgangen war, weil ihre Wohnung im obersten Winkel des Thales lag und der Brand seine Richtung abwärts genommen hatte.« »Und da spracht Ihr von dem Ringe?« »Nein, sie ließ mich gar nicht vor, und ich bin dann natürlich meines Weges fortgeritten.« ------------------------------------------------------------------------ [- 176 re -] »So ist sie, ja, so ist sie! Sie haßt Nichts mehr als Feigheit und hat Euch für muthlos gehalten. Was ist aus Forster geworden?« »Ich habe gehört, daß nur allein jene Familie davongekommen sei. Das Gluthmeer, von welchem der Thalkessel erfüllt war, hat Alles verschlungen, was in seinen Bereich gekommen ist.« »Es ist schrecklich und eine zu furchtbare Strafe für das allerdings unnützes [unnütze] und lächerliches [lächerliche] Vorhaben, das Oel fortlaufen zu lassen, um den Preis desselben in die Höhe zu bringen!« »Auch Ihr habt ihn gekannt, Sir?« fragte ich jetzt. »Ich war einige Male bei ihm in New-Venango. Er war ein stolzer, geldprotziger Mann, der wohl Ursache gehabt hätte, wenigstens mit mir etwas manierlicher umzuspringen.« »Und Ellen habt Ihr bei ihm gesehen?« »Ellen?« sagte er mit einem eigenthümlichen Lächeln in seinem jetzt wieder ruhigen Angesichte. »Ja, bei ihm und in Omaha, wo sie einen Bruder hat - vielleicht auch noch sonst irgendwo.« »Ihr könntet mir wohl Etwas über das Mädchen mittheilen!« »Möglich, aber jetzt nicht, jetzt nicht! Eure Erzählung hat mich so mitgenommen, daß ich keine rechte Sammlung zu einer solchen Unterhaltung verspüre; aber zu gelegener Zeit sollt Ihr mehr über sie erfahren, das heißt natürlich, soviel ich selbst von ihr weiß. Hat sie Euch nicht gesagt, was sie in Venango wollte?« »Doch! Sie wollte ihren Vater sehen und hatte dort nur Absteigequartier genommen.« »So, so; das thut sie alle Jahre. Also Ihr behauptet, daß sie der Gefahr dort wirklich und ganz bestimmt entgangen sei?« »Ganz sicher.« »Und schießen habt Ihr sie auch sehen?« »Wie ich Euch sagte, und zwar ganz vorzüglich. Sie muß eine sehr ungewöhnliche Erziehung genossen haben.« »Das ist so. Ihr Vater ist ein alter Scalper, der keine einzige Kugel gießt, die nicht ihren Weg zwischen die bewußten zwei Indianerrippen fände. Von ihm hat sie das Zielen gelernt, und wenn Ihr etwa glaubt, daß sie es nicht zur rechten Zeit und am richtigen Orte anzuwenden verstehe[,] so irrt Ihr Euch ganz gewaltig.« »Wo ist dieser Vater?« »Er ist bald da, bald dort zu finden, und ich darf wohl sagen, daß wir einander so ziemlich kennen gelernt haben. Es ist möglich, daß ich Euch helfe, ihn einmal zu sehen.« »Wenn Ihr das könntet, Sir!« rief ich aufspringend. »Werden ja sehen, Mann; habt es an der Tochter verdient, daß Euch der Vater Dank sage.« »O, das ist's nicht, was ich meine.« (Fortsetzung folgt.) ------------------------------------------------------------------------ - 188 - Aus der Mappe eines Vielgereisten. von K a r l M a y . ------------------------------------------------------------------------ [- 188 li -] Nr. 2. Old Firehand. (Fortsetzung.) »Versteht sich, versteht sich, kenne Euch gut genug; aber hier habt Ihr Euren Ring. Werdet später erst sehen, was es heißt, daß ich ihn Euch wieder zustelle. Für jetzt aber will ich Euch den Apachen schicken; seine Wache ist um. Legt Euch auf's Ohr, damit Ihr früh am Tage munter seid. Wir werden morgen einmal unsre Gäule drannehmen und zwei Tagereisen erzwingen müssen.« »Zwei? Wollten wir morgen nicht blos bis zum Green-park?« »Habe mich anders besonnen; good night!« »Good guard; vergeßt nicht, mich zu wecken, wenn ich Euch abzulösen habe!« »Schlaft nur zu! Kann's auch 'mal für Euch thun, die Augen offen halten; habt für mich genug gethan.« Mir war ganz wunderbar zu Muthe. Ich wußte nicht, was ich von der Unterredung denken sollte, und als ich nun so allein dalag, gingen mir tausenderlei Vermuthungen durch den Kopf, von denen ich nicht eine einzige stichhaltig fand. Lange noch, nachdem Winnetou zurückgekehrt war und sich zum Schlafen in seine Decke gewickelt hatte, warf ich mich ruhelos von einer Seite auf die andere. Die Erzählung hatte mich aufgeregt; jener fürchterliche Abend ging mit allen seinen Einzelheiten immer von Neuem an meiner Seele vorüber; zwischen seinen grausigen Gestaltungen tauchte immer und immer wieder Old Firehand empor, und noch im letzten Ringen zwischen Wachen und Träumen klangen mir die Worte in's Ohr: »Schlaft nur zu; habt genug für mich getan!« - - Als ich am andern Morgen erwachte, fand ich mich allein am Feuer; doch konnten die beiden Andern nicht weit entfernt sein, denn der kleine, blecherne Kessel hing mit dem kochenden Wasser über der Flamme[,] und neben dem Stücke Bärenzunge, welches gestern Abend übrig geblieben war, lag der offene Mehlbeutel. Ich wickelte mich aus meiner Umhüllung und schritt, um mich zu waschen, nach dem Wasser. Dort standen, im eifrigen Gespräche begriffen, die Gefährten, und ihre Bewegungen, als sie mich erblickten, sagten mir, daß ich der Gegenstand ihrer Unterhaltung gewesen sei. Kurze Zeit später waren wir zum Aufbruche bereit und schlugen eine Richtung ein, welche uns in einer Entfernung von vielleicht zwanzig Meilen vom Missouci [Missouri] parallel mit diesem Flusse auf das Thal des Mankizila zuführte. Der Tag war kühl. Wir waren gut beritten, und da wir unsre Thiere während der letzten Tour geschont und ------------------------------------------------------------------------ [- 188 re -] immer gut gepflegt hatten, so legten wir nach und nach ein tüchtiges Stück grünes Land hinter uns. Eigenthümlich war die Veränderung, welche ich heut in dem Verhalten meiner Gefährten zu mir bemerkte. Bisher hatten sich Beide zu mir gestellt wie alte, erfahrene Gönner zu einem wenn auch gelehrigen, aber doch noch unkundigen Schützlinge; jetzt aber lag eine deutlich erkennbare Rücksicht, ich möchte sagen Achtung in ihrem ganzen Benehmen, und es war mir ganz so, als ob in dem Blicke, den der Eine oder Andere zuweilen über mich gleiten ließ, etwas einer zurückgehaltenen Zärtlichkeit Aehnliches liege. - Es war überhaupt augenfällig, welch' beinahe liebevolle Aufmerksamkeit und Ergebenheit die zwei Leute gegen einander zeigten. Zwei Brüder, die sich durch die Bande des Blutes mit jeder Faser des Innern an einander gefesselt fühlen, hätten nicht besorgter für einander sein können, und es dünkte mir, als begegne sich diese beiderseitige Fürsorge jetzt in meiner Person. Als wir um die Mittagszeit Halt machten und Old Firehand sich entfernte, um die Umgebung des Lagerplatzes zu recognosciren, streckte sich, während ich den Proviant hervorholte, Winnetou an meiner Seite nieder und meinte: »Mein Bruder ist kühn wie die große Katze des Waldes und stumm wie der Mund des Felsens.« Ich schwieg zu dieser sonderbaren Einleitung. »Er hat die Blume der Savanne aus dem Feuer gerissen und nicht davon gesprochen zu Winnetou, seinem Freunde.« »Die Zunge des Mannes,« antwortete ich, »ist wie das Messer in der Scheide. Es ist scharf und spitz und taugt nicht zum Spiele.« »Mein Bruder ist weise und hat Recht; aber Winnetou ist betrübt, wenn das Herz seines jungen Freundes sich ihm verschließt wie der Stein, in dessen Schooße die Körner des Goldes verborgen liegen.« »Ist das Herz Winnetou's geöffnet gewesen dem Ohre seines Freundes?« »Hat er ihm nicht gesagt alle Geheimnisse der Prairie? Hat er ihm nicht gezeigt und gelehrt die Spur zu sehen, den Lasso zu werfen, den Scalp zu lösen und Alles zu thun, was ein großer Krieger können muß?« »Winnetou hat es gethan; aber hat er auch gesprochen von Old Firehand, der seine Seele besitzt, und von dem Weibe, dessen Andenken nicht gestorben ist in seinem Herzen?« »Winnetou hat sie geliebt, und die Liebe wohnt nicht in seinem Munde.« »Nun weiß wohl auch der Apache, warum sein Bruder nicht gesprochen hat von der Jungfrau, welche er genannt hat die Blume der Savanne!« »Hat er ihr geschenkt seine Liebe?« »Winnetou sagt es.« »Sie sind würdig, mit einander zu wohnen im Wigwam, und der Apache wird ihnen geben eine große Medizin, ------------------------------------------------------------------------ - 189 - welche glücklich macht und ein Schutz ist gegen jede Gefahr und die Angriffe des bösen Geistes.« »Hat mein Bruder die Blume gesehen?« »Er hat sie getragen auf seinen Armen; er hat ihr gezeigt die Blumen des Feldes, die Bäume des Waldes, die Fische des Wassers und die Sterne des Himmels; er hat ihr [sie] gelehrt, den Pfeil vom Bogen schießen und das wilde Roß besteigen; er hat ihr geschenkt die Sprachen der rothen Männer und ihr zuletzt gegeben das Feuergewehr, dessen Kugel getödtet hat Ribanna, die Tochter der Assineboins.« Erstaunt blickte ich ihn an. Es dämmerte eine Ahnung in mir auf, der ich kaum Worte zu geben wagte, und doch hätte ich es vielleicht gethan, wenn nicht gerade jetzt Old Firehand zurückgekehrt wäre und unsre Aufmerksamkeit auf das Mahl gerichtet hätte. Aber während desselben mußte ich immerfort an die Worte Winnetou's denken, aus denen in Verbindung mit Dem, was Ellen mir gesagt hatte, fast hervorging, daß Old Firehand ihr Vater sei. Das Benehmen desselben bei meiner Erzählung am gestrigen Abende stimmte allerdings mit dieser Vermuthung überein; aber er hatte von diesem Vater als von einem Dritten gesprochen und Nichts gesagt, was meine Vermuthung zu einer festen Ueberzeugung machen konnte. Nach einigen Stunden der Ruhe brachen wir wieder auf. Als ob unsre Thiere wüßten, daß ein Ort mehrtägiger Erholung vor ihnen liege, trabten sie munter dahin, und wir hatten eine ziemliche Strecke zurückgelegt, als mit der hereinbrechenden Dämmerung der Höhenzug, hinter welchem das Thal des Mankizila liegt, uns so nahe getreten war, daß das Terrain sich zu erheben begann und wir uns durch eine Schlucht bewegten, welche, wie es schien, uns senkrecht auf den Lauf des Flusses führen mußte. »Halt!« tönte es da plötzlich aus den zur Seite stehenden Cattonsträuchern [Cottonsträuchern/Baumwollsträuchern] hervor, und zu gleicher Zeit ward zwischen den Zweigen der Lauf einer auf uns gerichteten Büchse sichtbar. »Wie heißt das Wort?« »Tapfer!« »Und?« »Verschwiegen,« gab Old Firehand die Parole, indem er mit scharfem Blicke das Gesträuch zu durchdringen suchte. Bei dem letzten Worte theilte sich dasselbe und ließ einen Mann hindurch, bei dessem Anblicke ich mich eines leisen Lächelns nicht erwehren konnte. Unter der wehmüthig herabhängenden Krämpe eines Filzhutes, dessen Alter, Farbe und Gestalt selbst dem schärfsten Denker einiges Kopfzerbrechen verursacht haben würde, blickte zwischen einem Walde von verworrenen, schwarzgrauen Barthaaren eine Nase hervor, welche fast von erschreckenden Dimensionen war und jeder beliebigen Sonnenuhr als Schattenwerfer hätte dienen können. In Folge des gewaltigen Bartwuchses waren außer diesem so verschwenderisch ausgestatteten Riechorgane von den übrigen Gesichtstheilen nur die zwei kleinen, klugen Augen zu bemerken, welche mit einer außerordentlichen Beweglichkeit begabt zu sein schienen und mit einem Ausdrucke von schalkhafter List von Einem zum Andern von uns Dreien sprangen. Diese Oberparthie ruhte auf einem Körper, welcher uns bis auf das Knie herab vollständig unsichtbar blieb und in einem alten, bockledernen Jagdrocke stak, welcher augenscheinlich für eine bedeutend stärkere Person angefertigt worden war und dem kleinen Mann vor uns das Aussehen eines Kindes gab, welches sich zum Vergnügen einmal in ------------------------------------------------------------------------ [- 189 re -] den Schlafrock des Großvaters gesteckt hat. Aus dieser mehr als zulänglichen Umhüllung guckten zwei dürre, sichelkrumme Beine hervor, welche in ausgefransten Leggins staken, die so hochbetagt waren, daß sie das Männchen schon vor einem Jahrzehnt ausgewachsen haben mußte und dabei einen umfassenden Blick auf ein Paar Indianerstiefel gestatteten, in welche zur Noth der Besitzer in voller Person hätte Platz finden können. In der Hand trug der Mann eine alte Rifle, die ich nur mit der äußersten Vorsicht angefaßt hätte, und als er sich so mit einer gewissen Würde auf uns zu bewegte, konnte ich mir keine größere Carricetur [Carricatur] eines Prairiejägers denken, als ihn. - »Sam Hawkens!« rief Old Firehand. »Sind Deine Aeuglein blöde geworden, so daß Du mir die Parole abverlangst?« »Meine es nicht, Sir! Halte aber dafür, daß ein Mann auf Posten auch zuweilen zeigen muß, daß er die Losung nicht vergessen hat. Willkommen im Bajou, Mesch'schurs! Wird Freude geben, große Freude.« »Wer von den Männern ist vorhanden?« fragte unser Anführer, indem er ihm vom Pferde herab die Hand schüttelte. »Alle, außer Bill Bulcher, Dick Stone und Harris, meine ich, die fort sind, um "Fleisch zu machen". Die kleine Lady ist auch gekommen[,] und wenn ich recht gesehen habe, ein Wenig groß geworden. » »Weiß es, weiß es, daß sie da ist. Wie ist's sonst gegangen? Gab's Rothhäute?« »Danke, danke, Sir; könnte mich nicht besinnen, welche gesehen zu haben, obgleich« - setzte er, auf sein Schießinstrument deutend, hinzu - »Liddy Hochzeitsgedanken hat.« »Und die Fallen?« »Haben gute Erndte gehabt, sehr gute, wenn ich mich nicht irre. Könnts selbst sehen, Sir; werdet wenig Wasser im Thore finden, meine ich.« Er drehte sich um und schritt, während wir weiter ritten, seinem Verstecke wieder zu. Die kleine Scene hatte mir gezeigt, daß wir in der Nähe der »Festung« angekommen seien; denn Sam Hawkens stand jedenfalls als Sicherheitswache in kurzer Entfernung vom Zugange zu derselben, und mit Aufmerksamkeit musterte ich die Umgebung, um denselben zu entdecken. Jetzt öffnete sich links eine enge Kluft, welche von so nahe an einandertretendem und oben von Brombeerranken überdachtem Gestein gebildet wurde, daß man beide Seitenwände mit den ausgespreizten Händen erreichen konnte. Die ganze Breite des Bodens nahm ein Bach ein, dessen hartes, felsiges Bette nicht die geringste Spur eines Fußes wiedergeben konnte und sein klares, durchsichtiges Wasser in das Flüßchen leitete, an dessen Rande wir in das Thal emporgeritten waren. Old Firehand bog hier ein, und wir folgten, langsam gegen den Lauf des Wassers reitend. Jetzt verstand ich auch die Worte des Postens, daß wir wenig Wasser im Thore finden würden. Kurze Zeit nur hatten wir die Richtung eingeschlagen, als die Felsen zusammen rückten und uns in so geschlossener Masse entgegen traten, daß der Weg hier zu Ende zu sein schien. Aber zu meinem Erstaunen ritt Old Firehand immerzu[,] und ich sah ihn mitten durch die Mauer verschwinden. Winnetou folgte, und als ich die räthselhafte Stelle erreichte, bemerkte ich nun allerdings, daß die dichten, von ------------------------------------------------------------------------ - 190 - oben herabhängenden, wilden Epheuranken nicht eine Bekleidung des Steines, sondern einen Vorhang bildeten, hinter welchem die Oeffnung tunnelartig fortlief und in dichte Finsterniß führte. Lange, lange Zeit und in verschiedenen Krümmungen folgte ich den beiden Voranreitenden durch das Dunkel, bis endlich wieder ein matter Tagesschein vor mir auftauchte und wir in eine ähnliche Kluft kamen wie diejenige, durch welche wir uns vorhin gewunden hatten. Als dieselbe sich öffnete, blieb ich überrascht halten, und auch Winnetou ließ ein erstaunendes »Uff« hören. Wir befanden uns nämlich am Eingange eines mächtigen und weit ausgedehnten Thalkessels, welcher rings von ungangbaren Felswänden umschlossen war. Ein blätterreicher Saum von Büschen umrahmte die mit lockigem Grase bestandene, fast kreisrunde Fläche, auf welcher mehrere Trupps von Pferden und Maulthieren weideten, zwischen denen sich zahlreichen [zahlreiche] Hunde herumtrieben, die theils jener woflsähnlichen [wolfsähnlichen] Race, welche den Indianern ihre Wacht- und Lastthiere liefert, theils aber auch den kleinen, schnell fett werdenden Bastardarten angehörten, deren Fleisch nächst dem des Panthers als der größte Leckerbissen gilt. »Da habt Ihr meine Burg,« wandte sich Old Firehand an uns, »in welcher es sich sicherer noch wohnen läßt als selbst in Abrahams Schooße.« »Giebt es eine Oeffnung dort in den Bergen?« fragte ich. »Nicht soviel, daß ein "Stunck" hindurchschlüpfen könnte, und von Außen ist es fast unmöglich, die Höhen zu erklimmen. Es ist wohl schon manche Rothhaut da draußen vorübergeschlichen, ohne zu ahnen, daß diese schroffen Felsenzacken nicht eine compacte Masse bilden, sondern ein so allerliebstes Thal umschließen.« »Aber wie habt Ihr diesen köstlichen Ort entdeckt?« »Ich verfolgte einen Racoon (Waschbär) in die Spalte, welche damals noch nicht vom Epheu verdeckt wurde[,] und habe natürlich sofort Besitz von dem Platze ergriffen.« »Allein?« »Erst, ja, und hundert Mal bin ich dem Tode entronnen, weil ich vor den Verfolgungen der rothhäutigen Hallunken hier ein sicheres und untrügliches Versteck fand. Später aber habe ich meine "Jungens" mit hergenommen, wo wir nun unsre Häute sammeln und dem Schrecken des Winters trotzen können.« Noch während der letzten Worte tönte ein gellender Pfiff weit über den grünenden Plan, und kaum war er erklungen, so öffneten sich an verschiedenen Stellen ringsum die Büsche, und es kamen eine Anzahl Gestalten zum Vorschein, denen man das Bürgerrecht des Westens auf mehrere Tausend Schritte anzusehen vermochte. Wir trabten der Mitte des Platzes zu und waren bald von den Leuten umringt, welche ihre Freude über die Ankunft Old Firehands in den kernigsten Ausdrücken kund gaben. Mitten in dem Lärmen [Lärm], der allerdings nur in dieser vollständigen Abgeschlossenheit erlaubt sein konnte, sah ich Winnetou beschäftigt, sein Pferd, von welchem er gestiegen war, abzusatteln. Als dies geschehen war, gab er dem Thiere mit einem leichten Schlage die Weisung, sich um das Abendbrod zu kümmern, nahm Sattel, Zaum und Decke auf die Schulter und schritt davon, ohne die Umstehenden eines Blickes zu würdigen. Ich folgte, da unser Anführer zu sehr in Anspruch ge- ------------------------------------------------------------------------ [- 190 re -] nommen [genommen] war, um sich jetzt viel mit uns beschäftigen zu können, seinem Beispiele, machte den braven Swallow vollständig frei und unternahm, die neugierigen Frager kurz abfertigend, eine Recognition des Platzes. Wie eine riesenhafte Seifenblase waren die Gesteinsmassen bei der Bildung des Gebirges von den plutonischen Gewalten emporgetrieben worden und hatten bei ihrem Zerplatzen eine hohle, nach oben offene und von außen unzugängliche Halbkugel gebildet, welche dem eingesunkenen Krater eines ungeheuren Vulkans glich. Luft und Licht, Wind und Wetter waren dann beschäftigt gewesen, den harten Boden zu zersetzen und der Vegetation zugänglich zu machen, und die angesammelten Wassermengen hatten sich nach und nach durch die eine Seite der Felswand gebohrt und den Bach gebildet, welcher heut unser Führer gewesen war. - Ich wählte zu meinem Gange den äußersten Saum des Thales und schritt zwischen dem Gebüsch und der meist senkrecht aufsteigenden, oft sogar überhängenden Felswand entlang. In derselben bemerkt [bemerkte] ich zahlreiche mit Thürfellen [Thierfellen/Fellthüren] verschlossene Oeffnungen, welche jedenfalls zu Wohnungen oder Lagerräumen führten, deren die Jägerkolonie ja nothwendig bedurfte. Jedenfalls bestand dieselbe aus mehreren Personen, als sich uns bei dem Empfange gezeigt hatten, wenigstens konnte ich das aus der Anzahl der Squaws schließen, welche ich während meines Ganges erblickte; aber die Meisten waren jedenfalls auf Jagdzügen abwesend und kehrten erst bei Beginn des Winters, dessen Nahen allerdings in nicht mehr langer Zeit zu erwarten war, zurück. Während ich so dahin schlenderte, bemerkte ich auf einer der wie es schien unbesteigbaren Klippen eine kleine, aus knorrigen Aesten aufgeführte Hütte. Von ihr aus mußte das ganze Thal mit allen seinen Einzelheiten vollständig zu überschauen sein[,] und ich beschloß, hinaufzusteigen. Bald fand ich, wenn auch keinen Pfad, so doch die Spuren von Fußtritten, die sich da hinaufgearbeitet hatten, und folgte ihnen empor. Nur noch eine kurze Strecke hatte ich zurückzulegen, da sah ich aus der schmalen und niedern Thüre einen Mann schlüpfen, welcher wohl kaum durch mein Kommen gestört worden sein konnte; denn er bemerkte mich gar nicht und trat, den Rücken mir zugewendet, an den Rand des Felsens und warf, das Auge mit der erhobenen Hand beschattend, einen Blick hinunter in die Tiefe. Er trug ein buntes, starkstoffiges Jagdhemde, an der äußern Nath [Naht] von der Hüfte bis zum Knöchel mit Fransen verzierte Leggins (Lederbeinkleider)[,] und die kleinen Moccassins waren reich mit Glasperlen und Stachelschweinsporsten besetzt. Um den Kopf war turbanartig ein rothes Tuch geschlungen, und eine ebenso gefärbte Schärpe vertrat die Stelle des gewöhnlicheren Gürtels. Als ich den Fuß auf die kleine Plattform setzte, vernahm er das Geräusch meiner Schritte und wandte sich schnell um. War es Wahrheit oder Täuschung? Vor mir stand das Bild meiner Träume, der stetige Gegenstand meines Sinnens und Denkens, das Ziel aller meiner Wünsche und Hoffnungen, und in hellem, rückhaltslosem Jubel rief ich aus: »Ellen! Ist's möglich?« und trat mit rascher Bewegung auf sie zu. Aber ernst und kalt blickte ihr Auge, stolz und unbeweglich stand ihre der Männerkleidung jedenfalls nicht ------------------------------------------------------------------------ - 191 - ungewohnte Gestalt[,] und kein Zug ihres jetzt tief gebräunten Angesichtes verrieth auch nur die leiseste freundliche Regung über mein Kommen. »Wenn es nicht möglich wäre, würdet Ihr mich nicht hier treffen, Sir. Aber die Berechtigung zur Frage ist wohl mehr an mir als an Euch. Welche Ursache gab Euch die Erlaubnis, Euern Weg in unser Lager zu nehmen?« Wie ein Strom eiskalten Wassers auf einen erhitzten Körper, so wirkten diese Worte auf mein Entzücken, das wunderbare Mädchen wiederzusehen, und kälter und gemessener als sie erwiderte ich nur das eine Wort: »Pshaw!« (Pah) und glitt, ihr den Rücken wendend, vorsichtigen Fußes wieder hinab. Ich hatte in der Ueberraschung die reinsten und heiligsten Gefühle meines Herzens blosgegeben und eine Demüthigung erlitten, die mich tiefer traf, als es der Pfeil eines Indianers thun konnte, und die Bitterkeit, welche ich jetzt empfand, war eine ganz andere als diejenige, welche ich gefühlt hatte, als sie mich an jenem Abende so energisch von sich wies. Es war also doch so, wie ich vermuthet hatte, daß sie die Tochter Old Firehands sei, und nun war mir auch das Andere so ziemlich klar. Nie hatte ich es für möglich gehalten, daß ein Weib, ein so zartes und schönes Wesen wie sie, die den Genüssen und Ansprüchen des civilisirten Lebens ganz gewiß nicht fremd geblieben war, dieses Leben mit den Gefahren und Entbehrungen der Wildniß vertauschen könne. Daß es doch so geschehen war, mußte ganz besondere Gründe haben, und es schien mir nicht schwer, aus den einzelnen Mittheilungen, die mir gemacht worden waren, das Ganze zusammenzusetzen. Schwieriger aber konnte ich die so deutlich gezeigte Abneigung begreifen, welche sie mir, ganz entgegengesetzt den ersten Augenblicken unserer Bekanntschaft, später an den Tag gelegt hatte. Die Behauptung Old Firehands, daß sie mich für feig gehalten habe, stimmte allerdings vollständig mit ihrer eigenen damaligen Aeußerung überein; aber es war mir absolut unmöglich, zu sagen, worin diese Feigheit denn eigentlich bestanden habe. Ein besserer Menschenkenner, als ich damals war, würde die Motive ihres Verhaltens ohne Zweifel an einem ganz andern Orte gesucht haben; doch ich war mit den Unwägbarkeiten eines Frauenherzens zu wenig bekannt, als daß ich das Richtige hätte treffen können. - Es war Abend geworden. In der Mitte des weiten Thalkessels brannte ein hoch emporzüngelndes Feuer, um welches sämmtliche anwesende Bewohner des Lagers sich versammelt hatten. Ellen, welche, wie ich bald bemerkte, den Männern in jeder Beziehung gleichberechtigt war, hatte mitten unter den Jägern Platz genommen; doch dünkte es mich, daß sie von der Erzählung all der Abenteuer, welche in rascher Folge vorgetragen wurden, wenig berührt werde. Träumerisch suchten ihre Augen das Weite, und wenn sie zurückkehrten, so ruhte ihr Blick mit einem eigenthümlichen Ausdrucke auf meinem Angesichte, so daß auch mein Auge immer wieder zu ihr hinüber gezogen wurde. Auch ich hörte nur mit halben Ohre auf die Worte der Erzählenden. Ich konnte die Empfindung nicht los werden, als sei ich der Held eines jener phantastischen Märchen, welche ihre Gestalten der Einbildungskraft des Dichters entnehmen und grad desto interessanter sind, je unmöglicher die Ereignisse genannt werden müssen, welche sie ------------------------------------------------------------------------ [- 191 re -] erzählen. Wie eine der verzauberten Prinzessinnen, welche, verfolgt von dem Fluche einer bösen Fee, herabsteigen mußten von blinkender Höhe, um in unscheinbarer Gestalt des Erretters zu warten, lag sie vor mir, und ich fühlte in diesem Augenblicke, daß ich für sie zu jeder Anstrengung, zu Allem, Allem fähig sei, was ein Mann nur zu thun vermag für das Weib, dem jeder Pulsschlag seines Herzens gewidmet ist. Aber was half mir diese Liebe einem Wesen gegenüber, welches eine so in die Augen fallende Abneigung für mich an den Tag legte? Ich stand auf und schritt in das Dunkel hinaus, über welches sich der klare, sternenvolle Himmel ausbreitete. Ein leises, freudiges Wiehern am Saume des Gebüsches, welches den Bach berandete, rief mich zu Swallow, welcher mich erkannt hatte und nun den Kopf zärtlich an meiner Schulter rieb. Er war mir doppelt lieb geworden, seit er sie durch Gluth und Fluth getragen, und liebkosend drückte ich meine Wange an seinen schlanken, weichen Hals. Ein kurzes Schnaufen seiner Nüstern, welches mir als Warnungszeichen bekannt war, ließ mich zur Seite blicken. Eine männliche Gestalt kam auf uns zugeschritten[,] und ich sah den Zipfel des um den Kopf geschlungenen Tuches sich bewegen. Es war Ellen. »Verzeiht, wenn ich störe,« klang ihre tiefe, jetzt etwas unsichere Stimme. »Ich dachte an Euren Swallow, welchem ich das Leben zu danken habe, und wollte das brave Thier gerne begrüßen.« »Hier steht es, Miß. Ich werde die Herzlichkeit dieser Begrüßung nicht durch meine Gegenwart beeinträchtigen. Good night!« Ich wandte mich zum Gehen, hatte aber kaum ein Dutzend Schritte gethan, als ich ihren halblauten Ruf vernahm. »Sir!« Ich blieb stehen. Zögernden Fußes kam sie mir nach, und das eigenthümliche Vibriren ihrer Stimme verrieth die Verlegenheit, welche sie nicht so schnell überwinden konnte. »Ich habe Euch beleidigt!« »Beleidigt?« erwiderte ich kühl und ruhig; »Ihr irrt, Miß. Der Mann kann einer Dame gegenüber wohl Nachsicht, nie aber das Gefühl des Beleidigtseins empfinden.« Es dauerte eine Minute, ehe sie eine Antwort auf diese vielleicht unerwarteten Worte fand. »Dann verzeiht meinen Irrthum.« »Gern; ich bin an ihn gewöhnt.« »Eure Nachsicht werde ich wohl nicht wieder in Anspruch nehmen.« »Sie steht Euch trotzdem zu jeder Zeit zur Verfügung.« Schon wollte ich mich wieder abwenden, als sie mir mit einem schnellen Schritte nahe trat und die Hand auf den Arm legte. »Lassen wir Persönlichkeiten jetzt unberührt. Ihr habt mit der größten Gefahr für Euer eigenes Leben mir dasjenige meines Vaters an einem Abende zweimal erhalten; ich muß Euch danken[,] und wenn Ihr noch so böse und abstoßende Worte sprecht.« Warm und weich legten sich ihre Finger um meine Hand[,] und der Hauch ihres Athems berührte mein Gesicht. Ihre großen, offenen Augen blickten voll und forschend in die Meinigen; je länger dieser magische Blick auf mir ruhte, desto näher zog er mich zu ihr, und ich mußte mich bezwingen, ------------------------------------------------------------------------ - 192 - um nicht meine Arme um sie zu legen und denselben Fehler zu begehen, der sie in New-Venango von mir gescheucht hatte. »Jeder "Westmann" ist zu Dem bereit, was ich gethan habe, und es geschehen noch ganz andere Dinge als Das ist, was Ihr da erwähnt. Was der Eine für den Andern thut, ist ihm von noch Anderen vielleicht schon zehnfach geschehen und kaum der Rede werth. Ihr dürft nicht nach dem Maaßstabe urtheilen, welchen Eure Kindesliebe Euch in die Hand giebt.« »Erst war ich es, jetzt aber seid Ihr's, der ungerecht gegen Euch selbst ist. Wollt Ihr's auch gegen mich sein?« »Nein!« Nur dies eine Wort vermochte ich auszusprechen, so voll war mein Inneres von der Wirkung dieser Stimme, deren Modulation mich mit süßer Wonne durchbebte. Wie scharf und abweisend hatte sie da droben beim Felsenhäuschen geklungen, und mit welchem fesselnden Wohllaute legte sie sich jetzt so lind und beruhigend auf die Bitterkeit, welche sie mir vorher im Herzen erweckt hatte! »Dann darf ich wohl eine Bitte sagen?« »Sprecht, Miß!« »Zürnt mir, Sir, seid bös auf mich, so sehr Ihr es nur immer könnt, wenn ich nicht recht thue, aber sprecht nicht wieder von Nachsicht? Wollt Ihr?« »Ich will!« »Danke. Und nun kehrt mit zum Feuer zurück, um den Andern gute Nacht zu sagen. Ich werde Euch Euren Schlafraum anweisen, und wir müssen bald die Ruhe suchen, da es morgen einen zeitigen Aufbruch geben wird.« »Aus welchem Grunde?« »Ich habe am Bee-fork meine Fallen gestellt, und Ihr sollt mit mir gehen, nach dem Fange zu sehen.« Einige Minuten später standen wir vor einer der erwähnten Fellthüren, welche sie zurückschlug, um mich in einen dunklen Raum zu führen, der indeß bald durch eine primitive und mit Hilfe des »Punks« (Prairiefeuerzeug) entzündete Hirschtalgkerze erleuchtet wurde. »Hier ist Euer bed-room (Schlafzimmer), Sir. Die Companymänner pflegen sich in diese Räume zurückzuziehen, wenn sie unter freiem Himmel einen Rheumatismus befürchten.« »Und Ihr meint, daß dieser schlimme Gesell auch mir nicht unbekannt sei?« »Will Euch das Gegentheil wünschen; aber das Thal ist feucht, da die rundum liegenden Berge dem Winde den Zutritt verwehren, und Vorsicht ist zu allen Dingen nütze, wie man drüben in der Heimath sagt. Schlaft wohl!« Sie bot mir die Hand und schritt dann mit freundlichem Kopfnicken hinaus. Als ich allein war, blickte ich mich in der kleinen Klause um. Sie war nicht eine natürliche Höhle, sondern durch menschliche Hand in das Gestein gehauen worden. Den felsigen Fußboden hatte man mit gegerbten Häuten belegt; ebenso waren die Wände mit denselben behangen, und an der hintern Wand stand die Lagerstätte, bestehend aus einer allerdings nur aus glatten Kirschbaumstämmchen zusammengesetzten Bettstelle, über welche sich auf einer dicken Lage weicher Yutafelle eine sehr hinreichende Anzahl ächter Navajodecken breitete. Mehrere in die Ritzen eingeschlagene Holzpflöcke trugen ------------------------------------------------------------------------ [- 192 re -] Gegenstände, welche zur weiblichen Toilette gehörten, und eine sorgfältigere Umschau brachte mich bald zu der Ueberzeugung, daß Ellen mir ihr eigenes Cabinet abgetreten habe. Einzig und allein nur dieser Umstand vermochte mich, in dem engen, abgeschlossenen Raume zu bleiben [halten]; denn wer seine Nächte in der Unendlichkeit der freien, offenen Prairie zugebracht hat, kann sich nur schwer entschließen, sich zur Benutzung desjenigen Gefängnisses zu bequemen, welches der civilisirte Mensch eine »Wohnung« nennt. Aber nie hatte ich mich mit herzlicherer Befriedigung zur Ruhe gelegt, als an diesem Abende. Ihr Sträuben gegen meine »Nachsicht« machte ja Alles wieder gut, und genau genommen trug nur ich die Schuld an Dem, was sich zwischen uns gelegt hatte. Die Abgeschlossenheit meines »Boudoirs« mochte doch wohl schuld sein, daß mich der Schlaf etwas fester als gewöhnlich in seine Arme nahm; denn noch hatte ich mich nicht erhoben, als ich durch eine weckende Stimme wach gerufen wurde. »Pooh! (Hoho!) Mann, ich glaube gar, Ihr seid noch nicht ganz fertig, die Decken zu messen, meine ich. Streckt Euch noch ein Wenig, aber nicht in die Länge, sondern in die Höhe, das wird gut sein, wie mir scheint!« Ich sprang empor und sah mir den Störenfried, welcher unter der zurückgeschlagenen Thür stand, an. Es war Sam Hawkens. Während er gestern nur mit der Rifle versehen gewesen war, sah ich ihn jetzt in vollständiger Trapperausrüstung meiner warten, ein Beweis, daß er uns begleiten werde. - »Bin gleich fertig, Mann.« »Hoffe es, Sir; die kleine Miß steht, denke ich, schon am hole (Loch, Thür).« »Ihr geht mit?« »Scheint so, wenn ich mich nicht irre. Die kleine Miß - aber gewachsen hat [ist] sie doch einen »Haufen« - die kleine Miß also wollte ich sagen, soll doch das "Gerät["] nicht etwa tragen, und Ihr« - und dabei flimmerten die kleinen Augen höchst ehrenrührig aus dem Bartwalde hervor - »na, ich meine, daß Ihr auch noch keinen Truthahnbussard geschluckt haben werdet, Sir!« »Möglich; werde es aber lernen.« »Gut, hoffe es; scheint mir sonst kein so unrechter new-man, habe schon manchem noch Grüneren die Rifle halten gelehrt! Na, da seid Ihr ja fertig, denke ich. Kommt!« Ich war innerlich belustigt über die Ansicht, welche der alte Waschbär über mich hegte. Allerdings war meine äußere Erscheinung wohl nicht ganz genau diejenige eines ächten, verwitterten Gebirgsmannes, und meine immer sorgfältig blank gehaltenen Waffen mochten wohl für das Auge eines solchen ein etwas spielzeugartiges Aussehen haben, aber ich war dieser Ansicht schon so oft begegnet, daß ich mich an sie gewöhnt hatte und unmöglich durch sie gekränkt werden konnte. (Fortsetzung folgt.) ------------------------------------------------------------------------ - 204 - Aus der Mappe eines Vielgereisten. von K a r l M a y . ------------------------------------------------------------------------ [- 204 li -] Nr. 2. Old Firehand. (Fortsetzung.) Vor die Thür tretend, bemerkte ich Ellen, welche am Eingange der Schlucht unsrer wartete. Sam nahm einige zusammengebundene Fallen auf, warf sie über die Achsel und schritt, ohne sich zu überzeugen, daß ich ihm auch nachfolge, auf die unsrer Harrende zu. »Lassen wir die Pferde hier?« »Meine nicht, daß Euer Thier gelernt hat, ein regelrechtes Eisen zu legen oder einen Dickschwanz (Biber) vom Grunde des Flusses herauf zu angeln. Wir müssen die Beine auseinander nehmen, wenn wir zu rechter Zeit fertig sein wollen. Kommt also!« »Muß doch erst nach dem Pferde sehen, Alter!« »Ist nicht nothwendig, Sir! Die kleine Miß hat's schon gethan, wenn ich nicht irre.« Ohne daß er es wußte, sagte er mir mit den letzten Worten etwas höchst Erfreuliches. Sie hatte sich also schon bei grauendem Tage um Swallow bekümmert, ein Zeichen, daß sie auch an seinen Herrn gedacht habe. Jedenfalls hatte ihr Vater von mir gesprochen und den Anstoß zur Aenderung ihrer Meinung gegeben. Eben wollte es mich wundern, daß er, der Wachsame, noch nicht zu sehen sei, als er mit Winnetou und einem der Jäger durch den Bach gewaden [gewatet] kam. »Good morning, Sir!« grüßte er, mir die Hand bietend. »Habe mich draußen umgesehen und die Wache abgelöst. Seid Ihr schon 'mal mit auf Biber gewesen?« »Nein.« »So, da giebts also doch noch 'was Neues für Euch. Werdet aber nicht ohne Lehrmeister sein; das "Blitzmädel" weiß die Dämme zu säubern.« Es war das erste Mal, daß er ein deutsches Wort zu mir sprach. Ellen hatte ihn also auf meine Nationalität aufmerksam gemacht. Auch Winnetou grüßte mich mit einem in seiner Art freundlichen »Howgh!« und machte dann Ellen sein indianisches Compliment: »Die Tochter Ribanna's ist schön wie das erröthende Gebirge und stark wie die Krieger vom Ufer des Gila. Ihr Auge wird viele Biber sehen und ihre Hand nicht tragen können die große Zahl der Felle.« Und den Blick bemerkend, welchen ich, nach Swallow suchend, über das Thal warf, meinte er beruhigend: »Mein guter Bruder kann gehen, sein Freund wird sorgen für das Roß, welches auch besitzt die Liebe des Apachen.« Nachdem wir durch die Kluft gegangen waren, wandten wir uns, der Richtung, aus welcher wir gestern kamen, entgegengesetzt, nach links und schritten den Lauf des Wassers ------------------------------------------------------------------------ [- 204 re -] abwärts, bis wir an die Stelle gelangten, an welcher es sich in den Mankizila ergoß. Dichtes, fast undurchdringliches Gestrüpp bestand die Ufer des Flusses, und die Ranken des wilden Weines kletterten an den engstehenden Stämmen empor, liefen von Zweig zu Zweig, ließen sich, fest in einander geschlungen, von oben hernieder, stiegen am nächsten Baume wieder in die Höhe und bildeten so ein Wirrwarr, in welches man sich nur mit Hülfe des Messers Eingang zu verschaffen vermochte. Sam der Kleine war immer vor uns hergegangen, und seine vollbepackte Gestalt erinnerte mich lebhaft an die slowakischen Mausefallenhändler, welche sich drüben in meinem freundlichen Heimathsstädtchen von Zeit zu Zeit sehen ließen. Trotzdem in der Nähe kein feindliches Wesen zu vermuthen war, vermied sein großbeschuhter Fuß mit bewundernswerther Behendigkeit jeden Punkt, welcher eine Spur seines leisen Trittes zurückbehalten konnte, und die kleinen Aeuglein streiften mit ununterbrochener Beweglichkeit bald rechts[,] bald links über die reiche Vegetation, welche trotz der späten Jahreszeit mit der Ueppigkeit zu wetteifern vermochte, welche die jungfräulichen Bottoms des Mississippithales hervorbringen. Jetzt hob er einige Ranken in die Höhe und kroch, sich bückend, unter ihnen hindurch. »Kommt, Sir,« forderte Ellen, ihm folgend, mich auf. »Hier zweigt unser Biberpfad ab.« Wirklich zog sich hinter dem grünen Vorhange eine schmale, offene Linie durch das Dickicht[,] und wir schlüpften, immer parallel mit dem Flusse, eine ansehnliche Weile zwischen dem Baum- und Strauchgewirr hindurch, bis Sam bei einem halb knurrenden, halb pfeifenden Laute, welcher vom Wasser her vernehmlich wurde, innehielt und, sich zu uns wendend, die Hand an den Mund legte. »Wir sind da,« flüsterte Ellen, »und die Wache hat Verdacht geschöpft.« Nach einer Weile, während welcher die tiefste Stille in der Umgebung herrschte, schlichen wir wieder vorwärts und gelangten an eine Biegung des Flusses, welche uns Gelegenheit bot, eine ansehnliche Biberkolonie zu beobachten. Ein breiter, für einen vorsichtigen menschlichen Fuß gangbarer Damm war weit in das Wasser hinein gebaut, und die vierfüßigen Bewohner desselben waren eifrig beschäftigt, ihn zu befestigen und zu vergrößern. Drüben am andern Ufer sah ich eine Anzahl der fleißigen Thiere bemüht, vermittelst ihrer scharfen Zähne schlanke Stämmchen so zu durchnagen, daß sie in das Wasser fallen mußten; andere waren mit dem Transporte dieser Bäume beschäftigt, die sie schwimmend vor sich herschoben, und noch andere beklebten den Bau mit fettem Erdreiche, welches sie vom Ufer herbeibrachten und vermittelst der Füsse und des breiten, als Kelle gebrauchten Schwanzes an das Holz- und Strauchwerk befestigten. Mit regem Interesse betrachtete ich das Treiben des regsamen Völkchens und hatte ganz besonders meine Auf- ------------------------------------------------------------------------ - 205 - merksamkeit [Aufmerksamkeit] auf ein ungewöhnlich großes Exemplar gerichtet, welches in wachsamer Haltung auf dem Damme saß und allem Augenscheine nach als Sicherheitsposten fungirte. Da plötzlich spitzte der dicke Kerl die kurzen Ohren, machte eine halbe Drehung um seine eigene Achse, stieß den schon erwähnten Warnungsruf aus und war im nächsten Augenblicke unter dem Wasser verschwunden. Im Nu folgten die Andern nach, und es war höchst posierlich zu sehen, wie sie beim Untertauchen den Hinterkörper in die Höhe warfen und der Wasserfläche mit dem platten Schwanze einen Schlag versetzten, daß es weithin schallte und das Wasser hoch in die Höhe spritzte. Freilich war es nicht Zeit, sich humoristischen Betrachtungen hinzugeben; denn diese unerwartete Störung konnte blos durch