Projekt Sozialistische Klassiker Online "Der Kampf für Sozialistische Weltrevolution" Debatte: Spartacist League kontra Ernest Mandel aus: Spartacist (Deutsche Ausgabe) Nr. 17/Frühjahr 1996 Nachstehend veröffentlichen wir die Referate und Schlußworte von Ernest Mandel, Führer des Vereinigten Sekretariats der Vierten Internationale (VS), und Joseph Seymour von der Internationalen Kommunistischen Liga (IKL), die auf einer Diskussionsveranstaltung am 11. November 1994 in New York City gehalten wurden. Zusätzlich drucken wir Auszüge aus der Diskussion ab. Zu dieser Debatte über den "Kampf für sozialistische Weltrevolution heute" kamen etwa 400 Leute - für eine Versammlung vorgeblich marxistischer Revolutionäre in den 90er Jahren in New York City ein großes Publikum. Das Interesse, das dieses Ereignis in der Linken hervorrief, erinnert an andere historische Debatten von Linken in New York: 1500 Leute kamen im März 1934, um zu hören, wie der Begründer des amerikanischen Trotzkismus, James P. Cannon, mit dem 1929 aus der stalinistischen Workers (Communist) Party ausgeschlossenen und späteren Bucharin-Anhänger Jay Lovestone debattierte; im März 1950 nahmen etwa 1200 Leute an der Diskussion zwischen Max Shachtman, der sich 1940 von der trotzkistischen Socialist Workers Party abgespalten hatte in Opposition zur Position der Verteidigung der Sowjetunion, und dem KP-Führer Earl Browder teil. Tonbandaufnahmen der Debatte zwischen Seymour und Mandel wurden von uns in der Prometheus Research Library hinterlegt, dem Archiv und der Bibliothek des Zentralkomitees der Spartacist League/U.S. Ein Bericht über die Debatte mit Mandel wurde von der Internationalen Kommunistischen Liga in der Zeitung unserer amerikanischen Sektion, Workers Vanguard (Nr.611, 25. November 1994), veröffentlicht sowie eine Kurzfassung in Spartakist Nr. 116 (Januar/Februar 1995). Mandels Anhänger gaben ebenfalls einen Bericht heraus, geschrieben von Paul Le Blanc, einem Mitglied des Redaktionskomitees des Bulletin in Defense of Marxism (BIDOM), der bei der Debatte gemeinsam mit Frank Hicks von der IKL den Vor sitz hatte. Le Blancs Artikel wurde "aus Platzgründen" nicht im BJDOM veröffentlicht. Statt dessen wurde er an diejenigen "informell verbreitet", die eine Kopie wünschten. Man kann sich vorstellen warum, wenn man Mandels Stellungnahme sieht, die als Anhang zu Le Blancs Artikel erschien. Sie verdient, zitiert zu werden: "Die Wahrheit ist, daß ich viele Male vollständig klar gemacht habe, daß ich nicht die Absicht habe, mit den Spartakisten zu debattieren oder unsere US-Genossen eine gemeinsame Veranstaltung mit ihnen organisieren zu lassen. Als Revanche für den Arger, den sie uns bei einigen unserer öffentlichen Veranstaltungen in Europa (und zweimal in Mexiko) bereiteten, forderte ich sie heraus, mich vor ihrem Publikum sprechen zu lassen. Sie nahmen die Herausforderung an. Sie allein riefen zur Veranstaltung auf; wir machten keinerlei öffentlichen Aufruf dafür. Wir haben auch nicht dafür mobilisiert." Tatsächlich kam die Debatte nicht leicht zustande. Genossen der Spartacist-Tendenz sind seit zwei Jahrzehnten bei Mandels öffentlichen Veranstaltungen überall auf der Welt aufgetreten, nicht nur in Europa und Mexiko, sondern auch in Nordamerika und Australien. Schließlich antwortete Mandel bei einem öffentlichen Seminar in New York City im Februar 1993 auf Interventionen unserer Genossen, daß er kommen würde, um mit uns zu debattieren, wenn wir eine Veranstaltung organisierten. Wir akzeptierten das An gebot sofort, aber wegen seines schlechten Gesundheitszustands konnte Mandel erst im November 1994 wieder nach New York reisen. Mandels Erklärung macht klar, daß er eine einseitige "Debatte" wollte - eine Veranstaltung, wo er Gelegenheit bekommen würde, seine Auffassungen vor den Spartakist Mitgliedern darzulegen, ohne aber seine eigenen Unterstützer zu mobilisieren, um unsere Seite zu hören! Trotz Mandels Absicht war die Veranstaltung im November eine wirkliche Debatte, wo jede Seite die gleiche Zeit für Präsentation und Erwiderung bekam. Die Veranstaltung wurde zwar aus schließlich von der IKL aufgebaut und angekündigt, aber viele amerikanische Anhänger von Mandel, die um BIDOM gruppiert sind, nahmen teil. Während der Diskussionsperiode sprachen abwechselnd Anhänger des VS, der IKL sowie Redner, die keine Seite unterstützten. Unter anderen beteiligten sich die Freedom Socialist Party, die League for a Revolutionary Party, die Bolshevik Tendency und die International Trotskyist Opposition an der Debatte. In der BIDOM-Ausgabe von Mai/Juni 1995 veröffentlichte Mandel eine stark erweiterte Fassung seines Referats auf der Veranstaltung - ein Weg, das letzte Wort zu haben. Mit 24 Seiten in sehr kleiner Druckschrift ist dies der längste Artikel, der je in einer einzelnen Nummer von BIDOM er schienen ist (in diesem Fall eine Doppelnummer). Bestimmt hätte es sich Mandel nicht so gewünscht, aber es scheint, daß diese Erweiterung seiner Präsentation, die einen sehr seltsamen Charakter hat - weitschweifig, äußerst eklektisch, sogar verzweifelt -, der letzte größere Artikel war, der zu Mandels Lebzeiten erschienen ist. Wir beabsichtigen, ihn als Teil unserer englischsprachigen Bulletinserie "Hate Trotskyism, Hate the Spartacist League" [Den Trotzkismus hassen, die Spartacist League hassen] zugänglich zu machen, wo wir wichtigere Polemiken unserer Opponenten gegen die Spartakisten veröffentlichen. Die Abschriften der Debatte wurden zur besseren Lesbarkeit stilistisch leicht überarbeitet. Einfügungen in eckigen Klammern stammen von Spartacist. Referat von Ernest Mandel Der Geburtsakt des Marxismus ist die 11. Feuerbach- These: "Die Philosophen haben die Welt nur interpretiert. Es kommt darauf an, sie zu verändern." Ein korrektes theoretisches Verständnis des Kapitalismus ist zwar für seinen Sturz unabdingbar, reicht aber dazu nicht aus. Diese Aufgabe muß in die Praxis umgesetzt werden. Nur die Arbeiterklasse - wie im ersten, von Lenin und Plechanow verfaßten Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands definiert, nämlich all diejenigen, die unter dem ökonomischen Zwang stehen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen - nur die Arbeiterklasse ist in der Lage, die Verfügungsgewalt der Bourgeoisie über die hauptsächlichen Produktions- und Tauschmittel zu brechen. Ohne die Zerstörung der bürgerlichen Staatsmaschinerie und deren Ersetzung durch einen Arbeiterstaat, durch die Diktatur des Proletariats, können diese Enteignungen keinen Erfolg haben. Der Arbeiterstaat ist ein Staat besonderen Typus, wie in Lenins klassischer Schrift zu diesem Thema, Staat und Revolution, beschrieben. Gleich von Anfang an beginnt er abzusterben. Das Tempo dieses Absterbens wird jedoch durch die existierende internationale Bedrohung dieser Arbeiterstaaten bestimmt, durch die Tatsache, daß der kapitalistische Weltmarkt immer noch vorherrschend bleibt, unabhängig von allen noch eindeutigeren materiellen militärischen Drohungen. Das bedeutet, daß der Prozeß des Absterbens begrenzt und weniger präzise ist, als Lenin es vorausgesagt hat. Der Aufbau des Sozialismus ist ein Prozeß von Versuch und Irrtum, wie es Rosa Luxemburg 1918 in ihren Schriften so klar präzisiert und Trotzki zudem in seinen Polemiken gegen Stalin und die Stalinisten während des ersten Fünfjahresplans klargemacht hat. Der Prozeß der Weltrevolution ist vom Gesetz der ungleichmäßigen und kombinierten Entwicklung beherrscht worden, dessen Entdeckung einer der maßgeblichen Beiträge Trotzkis zur marxistischen Theorie ist. Angefangen mit der Russischen Revolution 1905 ist dieser Prozeß bis heute durch einen international entsynchronisierten Ablauf gekennzeichnet. Es sind keine Revolutionen simultan in allen Ländern der Welt ausgebrochen; das wird höchstwahrscheinlich nie passieren. Die Schlüsselaufgabe für revolutionäre Marxisten besteht deshalb zu einem großen Teil darin, in weltweitem Maßstab eine wach sende Einheit und Solidarität der Arbeiterklasse zu schmieden. Ein weiterer grundlegender theoretischer Schritt nach vorne, der von Karl Marx gemacht wurde, war die Definition von sozialen Klassen als objektiven Realitäten, unabhängig davon, wie diese Klassen sich selbst sehen. Sklaven waren eine soziale Klasse, auch wenn so was wie eine "Sklavenideologie" gar nicht existierte. Amerikanische Arbeiter gehören zur Arbeiterklasse, weil ihre Existenz auf Lohnarbeit basiert, auch wenn viele von ihnen sich als "Mittelklasse" verstehen. Um den Kapitalismus zu stürzen, reicht es nicht, ein korrektes Programm zu haben; man braucht außerdem noch eine hinreichende organisatorische Stärke, eine hinreichen de Verwurzelung in der Arbeiterklasse und anderen Massenbewegungen. Wir wollen diese These durch eine Bilanz der politischen Geschichte Trotzkis seit 1930 veranschaulichen. Es ist eine großartige Leistung. Trotzki hatte 100 Prozent recht in seinem Kampf gegen den sowjetischen Thermidor, gegen die Usurpation der Macht in der UdSSR durch eine arbeiterfeindliche bürokratische Kaste. Er hatte 100 Prozent recht in seinem Kampf gegen den Aufstieg des Faschismus in Deutschland und die furchtbaren Gefahren, denen die europäische Arbeiterklasse und die UdSSR selbst dadurch ausgesetzt wurden. Er hatte 100 Prozent recht, als er aufzeigte, wie eine Niederlage der Spanischen Revolution zu vermeiden gewesen wäre. Er hatte 100 Prozent recht in seinem Kampf gegen die verheerende Volksfrontpolitik in Frankreich und anderswo. Er hatte 100 Prozent recht in seinem Kampf gegen Stalins blutige Säuberungen in der UdSSR ab 1934, wo beinahe eine Million Kommunisten und die besten Kommandeure der Roten Armee umgebracht wurden. Aber er verlor all diese Kämpfe. Warum? Um zu gewinnen, war es nicht genug, diese korrekten Ideen zu haben. Es war auch notwendig, eine ausreichende numerische Stärke zu haben, mit einer ausreichenden Verwurzelung unter den Massen. Das hatten die Gruppen nicht, die von Lew Dawidowitsch inspiriert waren. Deshalb waren sie außerstande, auch nur damit anzufangen, die lebenswichtigen historischen Ziele zu verwirklichen, die ich gerade aufgezählt habe. Die sogenannte "russische Frage" beinhaltet eine korrekte Definition der bürokratisierten Arbeiterstaaten und der sich daraus ergebenden Aufgaben revolutionärer Marxisten - der Kampf, die bürokratische Diktatur durch eine politische Revolution zu stürzen, der Kampf, die Überreste der Errungenschaften der Oktoberrevolution zu verteidigen gegen Versuche des Imperialismus, diese zu zerstören. Sie wirft zusätzlich die Frage der Wechselbeziehung zwischen diesen Aufgaben und der Weltrevolution auf. Daraus ergeben sich zwei Fragen. Erstens: Hat die Verteidigung der übriggebliebenen Errungenschaften des Oktober Vorrang gegenüber den Aufgaben der Revolutionen in anderen Teilen der Welt, wie es die Stalinisten lange Zeit mit ihrer Theorie behaupteten, daß die UdSSR die zentrale Bastion des Weltproletariats sei und der proletarische Internationalismus der Verteidigung dieser Bastion gleichkäme? Zweitens: Kann die Weltrevolution durch ihr eigenes Momentum in bestimmten Ländern vorwärtsschreiten und Siege außerhalb des sogenannten sozialistischen Lagers erringen, vorausgesetzt, es existiert dort eine Führung - nicht notwendigerweise eine wirklich marxistische -, die bereit ist, einen solchen Prozeß anzuführen? Diejenigen, die die verteidigen, ob sie sich darüber bewußt sind oder nicht, eine prostalinistische, prosowjetbürokratische Position mit all ihren Implikationen für die gegenwärtigen Klassenkämpfe, so wie wir es seit den 30er Jahren erlebt haben. Diejenigen, die die zweite Frage mit "nein" beantworten - wiederum unabhängig davon, ob sie sich darüber bewußt sind oder nicht -, nehmen in der Praxis eine Position ein, die mit der reaktionären Utopie des Sozialismus in einem Land vergleichbar ist. Fortschritte der Weltrevolution sind angeblich unmöglich ohne den vorherigen Sturz der sowjetischen Bürokratie; alles hängt davon ab, was innerhalb der Sowjetunion passiert. Wir weisen beide dieser schwerwiegenden theoretischen politischen Fehler zurück. Und indem wir das tun, können wir uns auf solide historische Anhaltspunkte stützen, um es zu beweisen. Es ist einfach unmöglich zu leugnen, daß die Unterordnung der Interessen und der Bewegungen der Ausgebeuteten und der Unterdrückten unter die Manöver der stalinistischen Diplomatie, in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeitpunkten, katastrophale Auswirkungen sowohl für die Weltrevolution als auch für die Sowjetunion selbst hatte. Die trotzkistische Analyse der bürokratisierten - bürokratisch deformierten und degenerierten, wenn ihr wollt, das ist alles dasselbe - Sowjetunion, von China, von Osteuropa bedeutet, die doppelte historische Funktion der stalinistischen Bürokratien zu verstehen. Einerseits fördern sie langfristig, historisch gesehen, die Restauration des Kapitalismus. Aber während einer konkreten, kurzfristigeren Periode, grob gesagt etwa von 1930 bis in die späten 80er Jahre, stellten sie sich im wesentlichen gegen eine Restauration in der UdSSR und beseitigten den Kapitalismus in Osteuropa und China. Jeder, der dies leugnet, wie die "staatskapitalistischen" Sekten es tun, verteidigt die groteske Position, daß es keine strukturellen Unterschiede zwischen Maos China und Tschiang Kaischeks China gegeben hat, zwischen Ostdeutschland und Westdeutschland, zwischen Osteuropa vor 1949 und danach, zwischen Nordkorea und Südkorea. Man wird nirgendwo auf der Welt auch nur einen einzigen Kapitalisten finden, der einen solchen Unsinn glaubt. Sicher, die Bürokratie beseitigte den Kapitalismus in diesen Ländern nicht des halb, weil sie in irgendeiner Weise prosozialistisch war im wirklichen historischen Sinne des Wortes. Um Trotzkis klassische Formel in dieser Hinsicht zu benutzen: Sie beseitigte den Kapitalismus, um ihre eigene Macht und ihre Privilegien auf Kosten sowohl der Arbeiter als auch der Kapitalisten auszuweiten. Einer der wichtigsten Beiträge Trotzkis zur Entwicklung der marxistischen Theorie ist sein Konzept der stalinistischen Bürokratie als einer spezifischen sozialen Schicht, die besondere materielle Interessen zu verteidigen hat. Aus dieser Analyse muß eine wichtige praktische Schlußfolgerung gezogen werden. Das ist heute besonders relevant für die Ex-UdSSR und für Osteuropa, ebenso wie für die Volksrepublik China. Nur die Arbeiterklasse kann eine völlige Restauration des Kapitalismus in diesen Ländern verhindern. Das heißt, daß die Arbeiterklasse ihre Klassenunabhängigkeit und ihr Klassenbewußtsein zurückerobern muß. Nach den verheerenden Ergebnissen der stalinistischen Erfahrung - fälschlicherweise, aber das ist eine Tatsache - tendiert diese Arbeiterklasse heute dazu, den Stalinismus mit Kommunismus zu identifizieren, mit Marxismus, mit Sozialismus, was sie alles rundweg ablehnen. Deshalb müssen revolutionäre Marxisten in diesen Ländern der Arbeiterklasse helfen, an zwei Fronten zu kämpfen: gegen die Reprivatisierung der Industrie und die Unterdrückung vieler sozialer Vorteile einerseits; für die volle Entwicklung demokratischer Rechte, wie Freiheit der Organisation, Freiheit der Presse, das Streikrecht und alle anderen gewerkschaftlichen Freiheiten andererseits. Allgemeiner gesagt: Nach der traumatischen Erfahrung mit dem Faschismus, dem Stalinismus, mit verschiedenen Militärdiktaturen ist die internationale Arbeiterklasse genau wie die sowjetische und osteuropäische und chinesische Arbeiterklasse für universelle Menschenrechte, für un eingeschränkte politische Freiheit. Dies ist nichts Neues in der Geschichte des Kommunismus. Nach dem Beginn der faschistischen Diktatur drückte die illegale [italienische] Kommunistische Partei diese Idee in ihrem traditionellen Lied Bandiera Rossa aus, dem sie die letzte Zeile hinzufügte: "Evviva il comunismo e la libertä". Lang lebe der Kommunismus und die Freiheit. Auf Anregung unseres Genossen Jim Cannon wandte die junge Kommunistische Partei der Vereinigten Staaten die gleiche Orientierung in einer ausgezeichneten Weise an, als sie eine weltweite Verteidigungskampagne für Sacco und Vanzetti organisierte. Diese beiden Anarchisten waren resolute Gegner des Kommunismus und Sowjetrußlands. Aber sie waren Arbeiter, die Opfer der amerikanischen Wirtschaft und ihres politischen Personals wurden. Unter diesen Umständen hatte Jim absolut recht, eine solche Verteidigungskampagne zu organisieren, die Millionen Leute auf der. ganzen Welt in Aktion brachte. Die Klassensolidarität sollte keinerlei ideologischen Beschränkungen kennen, außer in der Situation eines wirklichen, nicht eines sogenannten "potentiellen" Bürgerkriegs. Wir stehen hier vor einem tieferen Problem. Man kann kein effizientes Streikkomitee organisieren, ohne alle Arbeiter einzubeziehen, unabhängig von ihren oft reaktionären Ideen - mit der offenkundigen Ausnahme wirklicher Streikbrecher, nicht sogenannter "potentieller" Streikbrecher. Man kann keinen effizienten Sowjet organisieren, ohne alle Arbeitenden darin einzubeziehen - tatsächlich praktisch alle Bürger -, mit der Ausnahme offener Pogromisten, Faschisten. Tatsächlich hatte der zweite russische Sowjetkongreß, der über die Übergabe der Macht an die Sowjets entschied, in seinen Reihen sogar bürgerliche Parteien wie die Kadetten. Sie wurden nicht ausgeschlossen; sie verließen die Sowjets aus freien Stücken. Wir haben es hier mit der Dialektik der Einheitsfront zu tun. Ihre Hauptaufgabe besteht nicht in der Demaskierung der Arbeiterleutnants des Kapitals, wie sie der amerikanische Marxist Daniel De Leon so zutreffend nannte. Diese erzieherische Aufgabe bleibt natürlich gegenwärtig, ist wichtig, aber es ist eine Propaganda-Aufgabe. Die Hauptaufgabe der Einheitsfront ist es, die Einheitsfront auszuführen, sie zu verwirklichen, im Interesse der Lohnabhängigen in ihrer Gesamtheit. Wenn wir also eine Einheitsfront von unten und von oben vorschlagen, so meinen wir das auch. Was passiert, wenn diese Linie nicht angewandt wird, kann man im Lichte des deutschen Desasters 1933 studieren. Wie alle ähnlichen Sekten haben sich die Spartakisten in ein unentwirrbares Knäuel von Widersprüchen verstrickt. Diese kommen wie Bumerangs auf sie zurück. Erster Widerspruch: Die internationale trotzkistische Bewegung hat von 1930 an existiert. Während der 64 Jahre ihrer Existenz hat es auf der ganzen Welt unzählige Massenstreiks und Generalstreiks gegeben. Es hat eine große Anzahl von vor revolutionären und revolutionären Explosionen gegeben, wie auch eine Reihe von wirklichen Revolutionen. Wenn nach mehr als einem halben Jahrhundert von Revolutionen und Konterrevolutionen der wirkliche Trotzkismus (zu dessen einzigem Repräsentanten sich die Spartakisten erklären) sich auf ein paar hundert Leute auf der ganzen Welt reduzieren würde, die keine wirkliche Verwurzelung in der Arbeiterklasse irgendeines Landes haben, wäre dies der Beweis für das grundlegende historische Scheitern des Trotzkismus als politischer Bewegung, unabhängig vom Wert, den seine theoretischen Beiträge besitzen. Zweiter Widerspruch: Die Spartakisten existieren seit vielen Jahren, doch sie haben vollständig dabei versagt, die revolutionäre Partei aufzubauen, von der sie im Einklang mit Trotzki korrekterweise behaupten, daß sie unentbehrlich ist, um die brennenden Probleme der Menschheit zu lösen. Warum dieses offensichtliche Versagen? Drittens: Die Besessenheit mit korrekten Formeln führt zur Vorspiegelung päpstlicher Unfehlbarkeit. Dies wiederum impliziert einen Bruch mit der marxistisch-leninistischen Tradition der vollständigen Gedankenfreiheit. Engels schrieb an die Führung der deutschen Sozialdemokratie, als diese Partei mehr als tausendfach stärker war als die Spartakisten heute: Die Partei braucht die sozialistische Wissenschaft, die sich unter keiner anderen Bedingung als der vollen Freiheit der Aktion entwickeln kann. Vierter Widerspruch: Die Spartakisten haben die klassische marxistische Unterscheidung zwischen objektiv progressiven Massenbewegungen und deren verräterischen oder schwankenden Führungen zunehmend fallengelassen. Trotzki gab Chinas Kampf für die nationale Unabhängigkeit gegen den japanischen Imperialismus seine volle Unterstützung, sogar als der Kampf von der glühend arbeiterfeindlichen kriminellen Bande Tschiang Kaischeks geführt wurde. Es wird schwer sein zu behaupten, daß die Führung des algerischen Massenkampfes für die nationale Unabhängigkeit, die FLN, schlimmer als Tschiang Kaischeks Bande gewesen wäre. Es wäre sogar noch schwieriger zu behaupten, daß die Massenwiderstandsbewegungen gegen die deutschen und italienischen Imperialisten, die sich in Ländern wie Polen, Griechenland, Frankreich, Dänemark, Belgien gegen ihre Ausbeutung und Unterdrückung bildeten, nicht völlig progressiv waren und nicht die volle Unterstützung der revolutionären Marxisten verdient hätten, und zwar ungeachtet der Politik der Klassenkollaboration durch ihre nationalen Führungen. Die gleiche Bemerkung gilt für die nationalen Aufstände der indischen, der indochinesischen, der indonesischen, der philippinischen Völker gegen den britischen, französischen, japanischen, holländischen und den US-Imperialismus. In dieser Hinsicht gibt es einen gräßlichen Schandfleck in der Geschichte des von Healy/Lambert inspirierten so genannten Internationalen Komitees der Vierten Internationale, dem die Spartacist-Führer bis zum heutigen Tag die Treue halten. Dieser Schandfleck ist keine unbedeutende Jugendsünde. Unter einem gewissen Bellounis organisierten die Lambertisten eine militärische Operation gegen die FLN in direkter Zusammenarbeit mit dem französischen Imperialismus. Lambert brüstete sich öffentlich damit, daß diese Operationen in seinem Pariser Hauptquartier von seinem Zentralkomitee geplant wurden. Wir haben zu diesem schrecklichen Verbrechen niemals irgendeine Selbstkritik oder Korrektur von den Spartakisten gesehen. Was Lambert betrifft, so hat der sich fast überschlagen, dieses Verbrechen zu korrigieren, als Messah Hadj - angeblich der Führer des proletarischen Flügels der algerischen nationalen Bewegung, im Unterschied zum kleinbürgerlichen Flügel der FLN - schließlich dabei landete, de Gaulle und die gaullistische Regierung offen zu unterstützen. Fünfter Widerspruch: Es gibt einen anderen schwerwiegenden Schandfleck in der Geschichte der Spartakisten. Unter dem Vorwand, den polnischen bürokratisierten Arbeiterstaat gegen die kapitalistische Restauration zu verteidigen, unterstützten die Spartakisten General Jaruzelskis militärischen Coup d' Etat vom Dezember 1981. Sie unter stützten die stalinistische Unterdrückung der polnischen Arbeiterklasse. Jaruzelski verbot die Gewerkschaft Solidarnosc, er unterdrückte das Streikrecht, feuerte Zehntausende Gewerkschafter von ihren Arbeitsplätzen, steckte Tausende von ihnen ins Gefängnis. Genossen der Spartacist League, ihr werdet es schwer haben, diese Repression gegen die Arbeiterklasse zu verteidigen. Sechster Widerspruch: Wie in Polen relativieren die Spartakisten die arbeiterfeindlichen Maßnahmen der nachstalinistischen Regime sowie die schrecklichen Konsequenzen der ökonomischen Stagnation unter Breschnjew und Tschernenko für das Alltagsleben der Arbeiterinnen und Arbeiter. Das stalinistische Arbeitsgesetz war das härteste überhaupt im 20. Jahrhundert. Es reicht aus, das Beispiel der sogenannten Ukasniks anzuführen. Hunderttausende von Arbeiterinnen wurden in Arbeitslager deportiert, weil sie für 24 Stunden ihrer Arbeit ferngeblieben waren, weil entweder sie oder ihre Kinder krank waren und der Arzt nicht recht zeitig aufgetaucht war, um ihnen ein Attest zu geben. Sie hatten keine Möglichkeit, sich zu rechtfertigen oder sich zu verteidigen. Sie wurden einfach automatisch deportiert. Aber sogar noch schlimmer für die sowjetische Arbeiter klasse waren die objektiven Auswirkungen der ökonomischen Stagnation und des Niedergangs. Bergarbeiter erhielten keine Seife; Arbeiterinnen erhielten keine Binden. Erst als sich ihre Situation unter Jelzin, zu Beginn der Restauration des Kapitalismus, sogar noch mehr verschlechterte, setzte eine begrenzte, aber größtenteils unpolitische Reaktion ein. Die Spartakisten versuchen, diese schändliche Rechtfertigung mit der Behauptung zu vertuschen, sie würden immerhin für die politische Revolution stehen, während wir angeblich diese traditionelle trotzkistische Position zugunsten der Unterstützung einer Selbstreform der Bürokratie aufgegeben hätten. Es ist eine komplette Verdrehung der historischen Tatsachen. Seit 1946 weisen wir in jeder einzelnen unserer Schriften zur russischen Frage die Idee einer möglichen Selbstreform der Bürokratie klar zurück. Der Titel eines ganzen Kapitels unseres Buches, Beyond Perestroika [Über die Perestroika hinaus], lautet: "Selbstreform der Bürokratie ist nicht möglich". Wir sprachen uns klar für die politische antibürokratische Revolution aus. Wir unterstützten jede einzelne Aktion der Arbeiterklasse gegen die Bürokratie, vom ostdeutschen Aufstand 1953 bis zur Ungarischen Revolution, zum Prager Frühling 1968/69, zu den Arbeiteraktionen am Tiananmen-Platz gegen die post-maoistische Diktatur in der Volksrepublik China. Nächster Widerspruch: Die Spartakisten unterschätzen das Gewicht der gegenwärtigen langen rezessiven Welle des Kapitalismus. Sie schreiben: "Die gegenwärtige Periode ist vor allem durch die Auswirkung der Konterrevolution in der Sowjetunion und den anderen deformierten Arbeiterstaaten in Osteuropa gekennzeichnet." Das ist falsch. Das Hauptmerkmal der Weltlage ist die weltweite Offensive des Kapitals gegen die Arbeiter, mit ihren hauptsächlichen Begleiterscheinungen: dem Anstieg von Massenarbeitslosigkeit; der Entwicklung einer wachsenden Schicht von Gelegenheitsarbeitern, ungeschützten an den Rand der Gesellschaft gedrängten Arbeitern; der Entwicklung einer wachsenden Offensive zur Zerstörung der Gewerkschaften; dem Aufstieg von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und extremen Rechtstendenzen, denen die etablierten Parteien fort während Konzessionen machen; dem Wiederauftauchen von offen faschistischen Tendenzen; den Gefahren, die daraus für die politischen Rechte und Freiheiten der Arbeiterklasse entstehen. Es ist keineswegs "reformistisch", wenn man anerkennt, daß die Arbeiterkämpfe unter solchen Bedingungen hauptsächlich defensiv sind, und revolutionäre Marxisten müssen ihr Augenmerk darauf richten, wie es Trotzki in Deutschland von 1929 an getan hat. Wie zu jenem Zeitpunkt steht heute nicht der Kampf für die revolutionäre Machtergreifung der Arbeiter unmittelbar auf der Tagesordnung, sondern die Notwendigkeit, die Arbeitslosigkeit auf radikale Weise im Westen und im Osten zu beseitigen, und auf substantielle Weise im Süden. Es stimmt, daß im Gegensatz zu den frühen 30er Jahren die Arbeiterklasse mehrerer kapitalistischer Länder massive und beeindruckende defensive Kämpfe gegen die Offensive der Unternehmer und des Staates eröffnet hat, besonders in Brasilien, in Italien, in Frankreich und in geringerem Ausmaß in Argentinien, Griechenland und Belgien. Wir werden sehen, was in Deutschland passieren wird. Aber inwieweit diese Bewegungen Erfolg dabei hatten, die kapitalistische Offensive zu stoppen, bleibt eine offene Frage. Es stimmt auch, daß es eine offensichtliche Wechselwirkung gibt zwischen der weltweiten Glaubwürdigkeitskrise des Sozialismus, wie wir das nennen - das Resultat davon, daß immer mehr Arbeiter einerseits den historischen Bankrott des Stalinismus und der Sozialdemokratie verstehen, andererseits keine glaubwürdige Alternative für eine radikale, allgemeine soziale Veränderung sehen. Das Fehlen einer solchen Alternative gibt allen defensiven Arbeiterkämpfen einen nicht kontinuierlichen und bruchstückhaften Charakter; die historische Initiative wird in den Händen der Unternehmer und ihrer Staaten belassen. Revolutionäre Marxisten versuchen, dieses Handikap zu überwinden; sie kämpfen für ein Wiederauftreten des Klassenselbstbewußtseins und der Hoffnung auf eine neue sozialistische Gesellschaft. Aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist das noch ein langfristiger Prozeß, im wesentlichen noch eine Propaganda-Aufgabe. Nächster Widerspruch: Die Spartakisten scheinen die qualitative gravierende Bedrohung nicht zu verstehen, die das Überleben des verfaulenden Kapitalismus für die Arbeiterklasse darstellt, für alle Ausgebeuteten und Unter drückten, nein, vielmehr für die ganze Menschheit in ihrer Gesamtheit. Rosa Luxemburg hat die Formel geprägt: entweder "Sozialismus oder Barbarei". Diese Formel ist jetzt überholt. Das wirkliche Problem ist: entweder Sozialismus oder die Zerstörung allen Lebens auf der Erde. Die Haupttrends, die in diese Richtung führen, sind die wachsenden ökologischen Desaster und die Existenz von Atomwaffen, Atomkraftwerken, wie auch chemischer, biologischer und anderer Massenvernichtungswaffen. Davon leitet sich eine Änderung einer der grundlegenden Strategien des Kommunismus ab. Man kann Atomwaffen nicht gegen den Klassenfeind umdrehen. Man muß total von dem wahnsinnigen Konzept von Marschall Gretschko/Mao brechen, einen Atomkrieg gewinnen zu wollen. Das strategische Ziel sollte es werden, um jeden Preis einen Atomkrieg zu vermeiden und alle Atomkraftwerke stillzulegen. Man kann auf Atomstaub keinen Sozialismus auf bauen. Die Spartakisten haben zu diesem Thema nie Stellung genommen. Wir fordern sie heraus, das jetzt zu tun. Eine solche Sicht der neuen Weltrealität - ja, sie ist neu, verglichen mit der Zeit, als das Übergangsprogramm geschrieben wurde - ist in keiner Weise defätistisch, de moralisierend oder demobilisierend für die Ausgebeuteten und Unterdrückten. Auch bei Trotzkis Sicht der schrecklichen Gefahren des Faschismus war dies nicht der Fall, als er 1929 den Kampf gegen diese Gefahr zur sofortigen Priorität erhob. Es zahlt sich nicht aus, mit der objektiven Realität Versteck zu spielen. Man muß das Argument umdrehen. Die Existenz dieser Bedrohungen für das direkte Überleben der Menschheit gibt dem Kampf für den Sozialismus einen neuen und machtvollen Ansporn. Der Kapitalismus und die zerfallenden bürokratischen Diktaturen sind vollständig un fähig, diese Drohungen zu eliminieren. Der Aufbau des Sozialismus, die Ausübung der Macht durch die Arbeiter klasse, könnte es. Die Weltsituation ist historisch weiterhin durch eine Patt-Situation gekennzeichnet, wie man es in der Sprache des Schachs nennen könnte. Die beiden grundlegenden Klassen der bürgerlichen Gesellschaft sind vorläufig außerstande, entscheidende Siege erringen zu können. Die kapitalistische Klasse ist objektiv zu schwach, um im allgemeinen der Weltarbeiterklasse und den Ausgebeuteten und Unter drückten vernichtende Niederlagen beizubringen. Obwohl es schwere Niederlagen gab, sind sie nirgendwo so vernichtend gewesen wie in den meisten Ländern in den 30er Jahren und Anfang der 40er Jahre. Andererseits hat die Arbeiterklasse weltweit ihre Krise des Klassenbewußtseins und der revolutionären Führung noch nicht überwunden. Und sie scheint nicht an dem Punkt zu sein, sie zu über winden. Die Krise der Menschheit, der menschlichen Zivilisation wird also eine lange Zeit anhalten. Der Einwand wurde erhoben: Warum hat bis jetzt die Vierte Internationale nicht selbst die Krise der revolutionären Führung gelöst? Warum hat sie nicht revolutionäre Massenparteien und eine revolutionäre Masseninternationale aufgebaut, die international in der Lage wäre, das Weltproletariat zu entscheidenden Siegen zu führen? Um eine adäquate Antwort auf diese Frage zu gehen, muß man unterscheiden zwischen dem, was hätte erreicht werden sollen, und dem, was erreicht worden ist. Wir lassen das verleumderische Argument beiseite, daß wir irgendwie keine revolutionären Parteien und keine revolutionäre Internationale aufbauen wollten, die auf dem marxistischen Programm basieren. Seit dem Alter von 15 Jahren habe ich mein ganzes Leben diesem Ziel gewidmet. Etwas anderes zu behaupten heißt, sich eine Scheibe von dem abzuschneiden, was Trotzki zutreffend "Stalins Fälscherschule" nannte. Was wir erreicht haben, ist nicht unbedeutend. Zwar haben wir immer noch nirgends die Führung der Mehrheit der Arbeiterklasse, zwar haben wir immer noch keine erfolgreichen Generalstreiks oder Revolutionen geführt, aber wir haben schon wichtige Teilkämpfe erfolgreich geführt. Ein Genosse unserer französischen Sektion führte den Streik, der vor kurzem bei Air France stattfand und der konservativen Regierung schwere Schläge beibrachte. Ein Genosse unserer italienischen Sektion hat beim Turiner Werk der größten Autofabrik Europas die weltweit beste Einkommensgarantie für arbeitslose Arbeiter mit organisiert, die berühmte Cassa di integrazione. Unser Genosse Jakob Moneta war ein gewähltes Mitglied des Zentralkomitees der PDS in der Ex-DDR, verantwortlich für die Gewerkschaftsarbeit. In dieser Funktion hat er angefangen, eine kleine, aber sehr militante Gruppe von unabhängigen Betriebsräten zu versammeln, die erste dieser Art seit Mitte der 20er Jahre in Deutschland. Wir haben zwei Parlamentsabgeordnete, die in Europa gewählt wurden. Einer davon, Genosse Sören in Dänemark, ist ein Mitglied des Vereinigten Sekretariats. Ein dritter wird möglicherweise in den kommenden Tagen in Österreich gewählt werden. Genosse Winfried Wolf wurde in Deutschland als ein unabhängiger Kandidat auf der PDS-Liste zum Abgeordneten gewählt. Obwohl er formal aus der Vierten ausgetreten ist, versprach er volle Zusammenarbeit in Fragen gemeinsamer Anliegen, vor allem im Kampf dagegen, daß die Städte durch benzinbetriebene Autos erstickt werden. Wir haben Dutzende Stadt- oder Landräte, darunter zwei in meiner Heimatstadt Antwerpen. Wir haben viele Abgeordnete in Brasilien und eine Reihe von Genossen in Ländern der Dritten Welt. Die Bücher, die von führenden Sprechern unserer Bewegung veröffentlicht wurden, keinesfalls nur von mir, haben eine Auflagenzahl von zwei Millionen überschritten und steuern auf drei Millionen zu. Sie sind in mehr als 30 Sprachen auf der ganzen Welt publiziert worden. Mit der Ausnahme des Genossen Winfried Wolf erklären all die Genossen, die ich hier angeführt habe, öffentlich, ganz offen, unverhohlen ihre Mitgliedschaft in der Vierten Internationale. Ist das Prahlerei? Ich denke nicht. Wir haben viele Schwächen, über die wir uns so bewußt sind wie andere Genossen, wenn nicht noch mehr als sie. Aber wir haben eine Reihe von wichtigen Vorteilen. Unsere Bewegung ist das Produkt eines harten Auswahlprozesses. Was unsere Opponenten als unsere Schwäche betrachteten, hat sich hier als Hauptquelle unserer Stärke herausgestellt. Wir haben keine Staatsmacht, wir haben keine Massengewerkschaften, wir haben keine Massenparteien, die uns unterstützen. Die Genossen schließen sich uns nicht wegen materieller Vorteile an, nicht aus Karrieregründen, nicht wegen Macht- oder Prestigepositionen. Sie schließen sich uns nur aus zutiefst empfundener Überzeugung und unbegrenzter Ergebenheit zur Sache der Arbeiterklasse und aller Ausgebeuteten und Unterdrückten an. Es erweist sich, daß diese positive Auswahl eine grundlegende Quelle von Stärke ist. Sie hat eine Basis aus Granit geschaffen, an der sich unsere Opponenten die Zähne ausbeißen werden. Wir haben gerade einen Sieg von wahrhaft historischen Dimensionen erzielt. Die stalinistische Bürokratie inszenierte die mächtigste Fälschungsmaschinerie aller Zeiten gegen Leo Trotzki, seine Anhänger und die russischen Alten Bolschewiki. Aber jetzt haben sich die Zeiten gewendet. Das oberste Militärtribunal der UdSSR rehabilitierte voll ständig alle Angeklagten der infamen Moskauer Prozesse, es erklärte sie alle, auch den Genossen Trotzki, für nicht schuldig der Verbrechen, derentwegen sie angeklagt worden waren. Am Vorabend des 50. Jahrestages der Ermordung unseres Alten kam dann eine komplette politische Rehabilitierung. Die offizielle Regierungszeitung der UdSSR, Iswestija, veröffentlichte einen Artikel, der feststellte, daß Trotzki ein großer und ehrlicher Revolutionär gewesen ist, der zweite Mann direkt nach Lenin beim Aufbau des sowjetischen Staates, unbestrittener Schöpfer und Führer der Roten Armee, diejenige Person, die diese Armee im Bürgerkrieg zum Sieg führte und damit das Überleben des Sowjetstaates sicherte. Im Gefolge dieser Publikationen wurde ich vom Ostberliner Dietz-Verlag der Ex-KP eingeladen, ein Buch mit dem Titel "Trotzki als Alternative" zu schreiben. Ohne jedes Fragezeichen. Ich schrieb das Buch; es ist bereits auf deutsch erschienen, es wird im nächsten Frühjahr auf englisch erscheinen, bei Verso Press in London, und wir werden jede Anstrengung unternehmen, es auch in Rußland her auszubringen. Es gibt viele andere Kräfte, die zu unseren Gunsten wirken. In einem weltweiten Maßstab wächst die Arbeiterklasse immer noch, wenn auch nicht in allen Ländern und allen Sektoren mit dem gleichen Tempo. International hat sie die Zahl einer Milliarde überschritten. Wenn man das Halbproletariat der landlosen Bauern in wichtigen Ländern der Dritten Welt dazuzählt, wird man wahrscheinlich die Zahl von zwei Milliarden erreichen. Die starke Globalisierung des Kapitals zwingt militante Gewerkschafter, mit verstärkter weltweiter Zusammenarbeit darauf zu reagieren. Es wird nicht leicht sein, diese zu realisieren. Wir müssen eine Schlüsselrolle dabei spielen, um in diese Richtung zu gehen. Schon heute ist unser Ge wicht in der Massenbewegung politischer Initiativen in mehreren wichtigen Ländern so, daß es zunehmend schwieriger wird, uns zu übergehen. Darüber hinaus haben wir bedeutende Persönlichkeiten an unsere Bewegung herangezogen: Dr. Georg Motved, Mitglied des Zentralkomitees der Dänischen Kommunistischen Partei, ein weltweit an gesehener Lenin-Spezialist; den Genossen Axelrod, langjähriger Herausgeber der Zeitung der brasilianischen KP, später Mitherausgeber unserer eigenen Zeitung Em Tempo und ein überzeugter Vierter Internationalist; vor allem den äußerst brillanten revolutionären Intellektuellen und osteuropäischen Massenführer, Genossen Josip Pinior aus Polen, einer der historischen Führer der zehn Millionen Arbeiter beim ersten Solidarnosc-Kongreß für ein selbstverwaltetes Polen - nicht ein kapitalistisches Polen, ein selbstverwaltetes Polen. Ich glaube, wir haben die Talsohle des Rückzugs der Weltarbeiterklasse hinter uns gelassen. In den kommenden Jahren werden die Dinge sehr viel anders sein, als sie es heute sind. Ich habe mich nie so stolz und so zuversichtlich über diese bemerkenswerte Bewegung gefühlt, zu deren Aufbau ich beigetragen habe. Genossen, die Zukunft ist unser, denn die Zukunft ist mit der internationalen Arbeiterklasse. Lang lebe die Vierte Internationale! Lang lebe die Weltrevolution! Auf die sozialistische Weltföderation, die das physische Überleben der Menschheit sichern und die neue und höhere Zivilisation des Sozialismus eröffnen wird. Vorwärts! Wperjod! Referat von Joseph Seymour Ernest Mandel habe ich zuletzt im Frühjahr 1991 bei der Socialist Scholars Conference [Konferenz sozialistischer Wissenschaftler] sprechen hören. Mit dem rechten Sozialdemokraten Bogdan Denitch und dem Gorbatschow Anhänger Paul Robeson Jr. nahm er an einer Podiumsdiskussion zur Sowjetunion teil. Und Denitch sagte in seinem Schlußwort, er sei sowohl überrascht als auch erfreut, daß es eine solch grundlegende Übereinstimmung zwischen "uns Sozialdemokraten, uns Mördern von Luxemburg und Liebknecht, und den Kommunisten, repräsentiert durch Robeson, und den Trotzkisten, repräsentiert durch Ernest Mandel", gab. Sicher, sagte Denitch, stimmen wir zu diesem Zeitpunkt alle überein, daß das Hauptproblem darin besteht, die Demokratie und die demokratische Offenheit in der Sowjetunion aufrechtzuerhalten und zu erweitern. Und zu diesem Zeitpunkt war "Demokratie" natürlich zum allgemein akzeptierten Kodewort für die kapitalistische Restauration im ganzen Sowjetblock geworden. Und ich beobachtete Ernest Mandel, ich beobachtete sein Gesicht, und er lächelte und nickte, wie um zu sagen: "Ja, es ist wahr, wie interessant, wie ironisch." Aber es ist kaum überraschend, daß es zwischen Ernest Mandel und dem selbsterklärten Erben der sozialdemokratischen Mörder von Luxemburg und Liebknecht eine Geistesverwandtschaft gab. Denn in dieser Periode existierte eine Geistesverwandtschaft zwischen Mandel und seinen Gesinnungsgenossen und den Freikorps-Faschisten, die diese großen Revolutionäre tatsächlich ermordeten. Unter der Überschrift "Der bewaffnete Kampf gegen den Stalinismus in Estland" veröffentlichte die maßgebliche Zeitschrift des Vereinigten Sekretariats, International Viewpoint [Nr. 169, 18. September 1989], ohne jeden kritischen Kommentar den Artikel eines gewissen Herbert Lindmae, der die estnischen "Waldbrüder" lobte. Die Waldbrüder waren baltische Faschisten, die mit der Nazi-Wehrmacht gegen die Rote Armee kämpften und nach dem Krieg an terroristischen Aktionen gegen die sowjetische Regierung teilnahmen, in Erwartung eines nahe bevorstehenden Krieges zwischen der UdSSR und den imperialistischen Westmächten. Um den amerikanischen Humoristen Will Rogers frei zu zitieren: In der Zeit des zweiten Kalten Krieges trafen Mandel und seine Gesinnungsgenossen keinen einzigen nichtrussischen, antikommunistischen Nationalisten in Osteuropa, den sie nicht leiden mochten, den sie nicht unterstützten, für den sie keine Rechtfertigung parat hatten - natürlich im Namen von Demokratie, nationaler Unabhängigkeit und Antistalinismus. Selbst auf dem Höhepunkt seines Kampfes gegen Stalin bestand Trotzki Ende der 2Oer Jahre darauf, daß der Kampf gegen die bürokratische Degenerierung der Sowjetunion mit dem sozialdemokratischen Programm von parlamentarischer Demokratie nichts gemein hatte - nichts gemein. Er schrieb: "Die Mandelianer ..." Entschuldigung ... "Die Menschewiken meinen, daß die Hauptquelle der bonapartistischen Gefahren das Regime der proletarischen Diktatur ist, daß der Grundfehler die Rechnung mit der internationalen Revolution sei, daß eine richtige Politik sich von der politischen und ökonomischen Fesselung der Bourgeoisie lossagen müsse, daß die Rettung vor dem Thermidor und Bonapartismus in der Demokratie liegt, d. h. in dem bürgerlich parlamentarischen Regime. Die Opposition meint, daß der größte Mangel der proletarischen Diktatur die ungenügend tiefe Verbindung mit der internationalen Revolution ist, die außerordentliche Nachgiebigkeit [wiederhole: Nachgiebigkeit] gegenüber der inneren und auswärtigen Bourgeoisie. Die parlamentarische Demokratie ist für uns nur eine der kapitalistischen Herrschaftsformen." "Auf der neuen Etappe", Leo Trotzki, Die Fahne des Kommunismus, 21. Dezember 1928 Und das ist wirklich das ABC, Genossen. Nun wissen wir alle, daß Ernest Mandel ein talentierter Sänger ist. Er kann viele Lieder singen, in vielen Tonlagen, in viele Richtungen. Er kann "zwei, drei, viele Vietnams" singen mit dem idealistischen lateinamerikanischen stalinistischen Abenteurer Che Guevara, der vom US-Imperialismus ermordet wurde. Aber er kann auch "Solidarität mit Solidarnosc" singen mit einem polnischen antikommunistischen Nationalisten, der vom US- Imperialismus finanziert und gelenkt wird. Seine Unterstützer können "Allah Akbar" skandieren mit iranischen islamischen Fundamentalisten, die die Frauen unter dem Schleier versklaven wollen. Aber er kann sich auch als militanter Verfechter der Frauenbefreiung ausgeben. In den 6Oer Jahren, als bei jungen Radikalen der Studenten-Avantgardismus der letzte Schrei war, machte sich das Vereinigte Sekretariat für die Losung der "Roten Universität" stark. Aber heute, wo in der Linken die antikommunistische Sozialdemokratie vorherrscht, kritisiert Mandel die bolschewistische Partei von Lenin und Trotzki, eine wirklich proletarische Avantgarde, als substitutionalistisch. Wie furchtbar originell von dir! Aber es gibt eine Beständigkeit bei Mandels andauernder Unbeständigkeit. Er frisiert seine Linie immer nach dem, was gerade in der Linken in Mode ist, besonders in der westeuropäischen Intelligenz. In einer Hinsicht erfüllt Mandel einen sehr nützlichen Zweck. Denn wenn man wissen will, was beim europäischen kleinbürgerlichen Radikalismus gerade der letzte Schrei ist, wendet man sich an Ernest Mandel, und man kann nicht falsch liegen. Einhundert Prozent. Wir haben viele grundlegende Differenzen mit der Tendenz, die von Mandel geführt wird, über Jahre hinweg. Aber der fundamentale Unterschied ist doch der zwischen Wahrheit und Fälschung. Wir sagen die Wahrheit, wie wir sie sehen, sogar wenn es eine Wahrheit ist, die sozialistisch gesinnte Arbeiter und linke Intellektuelle nicht hören und zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht wahrhaben wollen. Im Gegensatz dazu hat Mandel die moralische Autorität des Trotzkismus im Dienste einer sich andauernd wandeln den Sammlung von stalinistischen, sozialdemokratischen, kleinbürgerlich-radikalen und bürgerlich-nationalistischen Strömungen feilgeboten. Unser Ziel ist, die Vierte Internationale aufzubauen, wie Trotzki sie sich vorgestellt hat - als eine harte, disziplinierte Mandel: Mit 200 Leuten? Seymour: Du bekommst doch deine Erwiderung! Unterbrich mich nicht. Ich habe dich auch nicht unterbrochen. Wie Trotzki sie sich vorgestellt hat. Als eine harte, disziplinierte, proletarische Avantgarde, programmatisch und organisatorisch scharf entgegengesetzt zum stalinistischen und sozialdemokratischen Reformismus, zu allen Arten des kleinbürgerlichen Nationalismus, ganz zu schweigen von bürgerlichem Nationalismus, und zum Zentrismus. Das Vereinigte Sekretariat ist seit jeher eine Gruppe, die auf verschiedene reformistische, kleinbürgerlich-radikale und bürgerlich-nationalistische Strömungen Druck ausübt, und sie will auch gar nichts anderes sein. Über Jahrzehnte hinweg hat Mandel buchstäblich alles versucht, außer eine proletarische Avantgardepartei aufzubauen. Die Internationale Kommunistische Liga und das Vereinigte Sekretariat entstanden beide in den frühen 6Oer Jahren. Für eine neue Generation von jungen Radikalen, die unter dem Eindruck der Kubanischen Revolution und des algerischen Unabhängigkeitskrieges stand, erschien damals der Weg der Bauernguerillas an die Macht impressionistisch als Patentrezept für die soziale Revolution und nationale Befreiung in der Dritten Welt, wie man das heute nennen würde. Wie vorauszusehen, waren Mandel & Co. Feuer und Flamme für den kubanischen Weg, den Guerillaweg zur Macht, besonders in Lateinamerika. Ein Gründungsdokument des VS, das im wesentlichen einen Block zwischen Mandels Tendenz und der amerikanischen Socialist Workers Party darstellte ["For Early Reunification of the World Trotskyist Movement - Statement by the Political Committee of the SWP" (Für baldige Wiedervereinigung der trotzkistischen Weltbewegung), 1. März 1963], erklärte: "...Guerillakrieg, der von landlosen Bauern und halbproletarischen Kräften geführt wird, unter einer Führung, die sich dann dazu verpflichtet, die Revolution bis zur Vollendung durchzuführen, kann eine entscheidende Rolle dabei spielen, eine koloniale oder halbkoloniale Macht zu unterminieren und ihren Sturz zu beschleunigen. Dies ist eine der hauptsächlichen Lehren, die aus der Erfahrung seit dem Zweiten Weltkrieg gezogen werden muß. Sie muß bewußt einbezogen werden in die Strategie, revolutionäre marxistische Parteien in Kolonialländern aufzubauen." Wenn das kein Substitutionalismus ist! Dies ist eine glatte Zurückweisung der proletarischen Revolution und Führung in rückständigen Ländern, des Kerns von Trotzkis Theorie der permanenten Revolution. Wie substitutionalistisch kann man denn noch werden? In einem entgegengesetzten Dokument ["Vorwärts zur Wiedergeburt der Vierten Internationale", 12. Juni 1963, veröffentlicht in Spartacist (deutsche Ausgabe) Nr.1, Frühling 1974] schrieb unsere Tendenz, die damals eine oppositionelle Gruppierung innerhalb der SWP war: "Die Ereignisse seit dem Zweiten Weltkrieg haben bewi sen, daß ein Guerilla-Krieg mit bäuerlicher Basis und klein bürgerlicher Führung als optimalen Ausgang nur ein antiproletarisches, bürokratisches Regime hervorbringen kann... Den Revisionismus in bezug auf die proletarische Führung der Revolution in ihrer Strategie aufzunehmen stellt also eine grundlegende Leugnung des Märxis mus-Leninismus seitens der Trotzkisten dar ... Marxisten müssen ihn [den Weg zum Sozialismus mittels bäuerlichen Guerilla-Kriegs] entschieden bekämpfen, da er für die sozialistischen Ziele der Bewegung katastrophal wäre und unter gewissen Umständen einem Selbstmord der Abenteurer gleichkäme." Und tatsächlich gelang es dem US-Imperialismus und seinen lokalen Agenten recht mühelos, die verschiedenen linken Guerilla-Aufstände in Lateinamerika auszulöschen, wie es die unerbittliche Jagd der CIA auf Che Guevara und seine Ermordung in Bolivien 1967 zeigten. Aber zu Guevaras Ehre, zu seiner großen Ehre, sei gesagt, daß er für das, woran er glaubte, gekämpft hat und dafür gestorben ist. Ernest Mandel jedoch ermutigte aus dem sicheren Komfort einer belgischen Universität heraus eine ganze Generation lateinamerikanischer Linker zu selbst mörderischem Abenteurertum. In amerikanischen Gerichtskreisen gibt es einen zynischen Aphorismus: "Der Anwalt geht immer nach Hause." Nun, hier haben wir den Anwalt. Während das VS für selbstmörderisches Abenteurertum in Lateinamerika warb, unterstützte es - wie immer mit ökumenischem Eifer - auch den Reformismus, der genau so selbstmörderisch war: Allendes Volksfront Anfang der 70er Jahre in Chile. Ein führendes Mitglied der französischen VS-Sektion schrieb 1971: "Die Kubaner begrüßten letztes Jahr zu Recht den Sieg der Volksfront, wobei sie korrekt die neuen Perspektiven hervorhoben, die sich für die chilenischen Massen eröffneten." Ja, die Perspektive der blutigen Konterrevolution. Wie wir direkt nach der Wahl schrieben, nicht drei oder fünf Jahre später [Spartacist (englische Ausgabe) Nr.19, November/Dezember 1970): "Der Wahlsieg von Dr. Salvador Allendes Volksfrontkoalition in Chile stellt in schärfster Form die Frage von Revolution oder Konterrevolution... Jede 'kritische Unterstützung' für die Allende-Koalition ist Klassenverrat, die einer blutigen Niederlage der chilenischen Werktätigen den Weg bereitet, sobald die einheimische Reaktion, die vom internationalen Imperialismus unterstützt wird, bereit ist." Und genau das ist drei Jahre später passiert. Nach den inneren Unruhen während des Vietnamkriegs hatte sich bis Ende der 70er Jahre der Imperialismus, vor allem der US-Imperialismus, wieder stabilisiert. Und zu diesem Zeitpunkt eröffneten die USA im Namen von "Menschenrechten" und natürlich von Demokratie eine neue Kalte-Kriegs-Offensive gegen den Sowjetblock. Diese imperialistische Offensive bestimmte den Aufstieg der polnischen Solidarnos'c' Anfang der 80er Jahre. Ursprünglich stützte sich diese Bewegung auf die ganz berechtigten Beschwerden der polnischen Arbeiter über die stalinistische Bürokratie. Aber von Anfang an wurde Solidarnosc von einer Clique verhärteter antikommunistischer Nationalisten geführt, hauptsächlich von Walesa, mit direkten Verbindungen zum Vatikan und zu westlichen imperialistischen Regierungen. Trotzdem unterstützten Mandel und seine Gesinnungsgenossen Solidarnosc mit gleicher Inbrunst wie Ronald Reagan und Margaret Thatcher. Einige Gruppen im Umkreis des VS, wie Socialist Action in den USA, übernahmen sogar das Solidarnosc-Logo. Bei einer Rede in Australien bezeichnete Mandel Solidarnosc als "die besten Sozialisten in der Welt" - zweifellos weil sie den Sozialismus offen ablehnten. Bereits 1981 - damals, nicht später - sagten wir in einem Artikel mit der Überschrift "Stoppt die Konterrevolution der Solidarnosc!" [Spartacist (deutsche Ausgabe) Nr. 10, Winter 1981/82) voraus, was passieren würde, wenn Solidarnosc an die Macht käme: "Ausländische Kapitalinvestitionen [würden] in einem massiven Ausmaß angelockt werden... Löhne würden eingefroren werden, um mit dem Weltmarkt zu konkurrieren. Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Arbeitern würden ... arbeitslos. Sicherlich wollen die Massen der von Solidamosc irregeführten Arbeiter das nicht. Aber die Restauration des Kapitalismus in seiner ganzen Erbarmungslosigkeit würde aus dem Programm von Solidarnosc, der 'Demokratie im westlichen Stil', folgen wie die Nacht auf den Tag." Mandel und seine Gesinnungsgenossen rühmen sich da mit, undogmatisch, kreativ, aufgeschlossen zu sein und die Wirklichkeit zu sehen, wie sie ist. Aber welcher ehrliche und objektive Mensch würde heute leugnen, daß das, was wir 1981 vorhersagten, falls Solidarnosc die Macht übernähme, tatsächlich eingetreten ist? Wenn überhaupt, so haben wir höchstens die ökonomische Verwüstung und soziale Erniedrigung durch die kapitalistische Konterrevolution in Osteuropa unterschätzt. Ein zentrales Schlachtfeld dieser Konterrevolution war die Deutsche Demokratische Republik Ende 1989 und An fang 1990 nach dem Sturz des verhärtet stalinistischen Honeckerregimes. Auf direkte und unmittelbare Weise ging es um die Alternative: proletarische politische Revolution und ihre Ausweitung nach Ost und West oder kapitalistische Wiedervereinigung, die zu einem imperialistischen Vierten Reich führen würde. Zu diesem Zeitpunkt mobilisierten wir alle Kräfte der Internationalen Kommunistischen Liga, um mit der zentralen Losung "Arbeiterräte müssen in ganz Deutschland herrschen" in der DDR gegen die kapitalistische Wiedervereinigung zu intervenieren. Im Januar [1 9~ gelang es uns, eine wirkliche Einheitsfront mit der SED zu initiieren, um gegen die Schändung eines sowjetischen Ehrenmals durch deutsche Faschisten zu protestieren - eine Protestkundgebung, an der eine Viertelmillion prosozialistischer ostdeutscher Arbeiter, Intellektueller und anderer teil nahmen. Bei den entscheidenden ostdeutschen Volkskammerwahlen im März 1990 waren wir die einzige Partei, deren Kandidaten sich klar und eindeutig gegen die kapitalistische Wiedervereinigung aussprachen. Zu diesem kritischen historischen Zeitpunkt war das Vereinigte Sekretariat politisch total gelähmt. Matti, einer von Mandels Genossen, unterstützte offen und begeistert die Herausbildung des Vierten Reichs. Mandel selber hatte kein zusammenhängendes Programm. Ich habe gelesen, was du damals geschrieben hast - ich konnte mir überhaupt keinen Reim darauf machen. Zum Schluß unterstützte er, genau wie die ostdeutschen Stalinisten, die auf dem Weg waren, Sozialdemokraten zu werden, die kapitalistische Wiedervereinigung und schlug günstigere Bedingungen vor, unter anderem - na, was wohl? - die völlige Entmilitarisierung der deutschen imperialistischen Bourgeoisie. Das waren ja Mordsgelegenheiten! Nachdem Mandel und seine Gesinnungsgenossen im Namen von Demokratie und Antistalinismus die kapitalistische Konterrevolution unterstützt hatten, leugnen sie jetzt, daß überhaupt eine kapitalistische Konterrevolution stattgefunden hat! - mit dem infantilen sozialdemokratischen Argument, daß die Wirtschaft, besonders die Industrie, großen teils weiterhin nationalisiert bleibt. In einigen Fällen, wie in der Tschechischen Republik, stimmt das nicht einmal. Ich kann mir ein interessantes Telefongespräch zwischen Mandel und einem seiner wenigen und untereinander zerstrittenen polnischen Unterstützer vorstellen: "Ernest, Siemens hat gerade eine große Fabrik für Elektroartikel auf gekauft. Die Industrie ist zu über 50 Prozent privatisiert!" "Okay' es ist ein kapitalistischer Staat." "Ernest, der Siemens-Deal ist ins Wasser gefallen!" "Nun, dann ist es ein Arbeiterstaat." Trotzki sagte Ende der 30er Jahre klar voraus, daß die kapitalistische Konterrevolution auf der politischen Ebene stattfinden würde, auf der Ebene der Staatsmacht, wo sie der anschließenden ökonomischen Umwandlung voraus geht. Hier ist, was er schrieb: "Im Falle einer erfolgreichen bürgerlichen Konterrevolution in der UdSSR müßte sich die neue Regierung für eine längere Zeitspanne auf die nationalisierte Wirtschaft stützen. Was bedeutet dann aber ein derartiger zeitweiliger Gegensatz zwischen Staat und Wirtschaft? Er bedeutet Revolution oder Konterrevolution." Jeder auf der Welt - und nicht zuletzt die Werktätigen Osteuropas - versteht jetzt, daß unter dem Banner der Demokratie eine kapitalistische Konterrevolution stattgefunden hat. Eine ungarische Frau, die ihren Arbeitsplatz in einer Textilfabrik verlor, den sie seit 25 Jahren hatte, und die jetzt versucht, durch den Straßenverkauf von Obst zu überleben, rief kürzlich bitter aus: "Es ist alles dank der Demokratie! Für uns einfache Leute ist das Leben in den letzten vier Jahren weitaus schlechter geworden. Wir sind ärmer und schwächer geworden." Das ist eine ungarische Arbeiterin, zweifellos mit relativ geringer Schulbildung, die die Realität der kapitalistischen Konterrevolution und die Realität der sogenannten "Demokratie" besser versteht als der ach so gelehrte Ernest Mandel. Wie sieht nun die VS-Linie zu der bislang blutigsten "demokratischen Konterrevolution" aus, nämlich zu Jugoslawien? Wir haben immer entschieden betont, daß das brudermörderische Blutvergießen zwischen Serben, Kroaten und bosnisch-moslemischen Nationalisten, das den jugoslawischen deformierten Arbeiterstaat auseinandergerissen hat, auf allen Seiten reaktionär und arbeiterfeindlich ist. Das ist elementares ABC. Es ist auch elementar, daß wir die serbischen Streitkräfte gegen eine Intervention des westlichen Imperialismus verteidigen werden, die im Namen der Verteidigung des "armen kleinen Bosnien" gegen serbische Aggression stattfindet. Der US-Imperialismus und einflußreiche Sektoren der europäischen herrschenden Klasse, besonders Liberale und Sozialdemokraten, sponsern seit über zwei Jahren das moslemisch-nationalistische Regime in Sarajevo. Und das VS? Das VS steckt dick in dieser imperialistischen Kampagne drin. In einer seiner Resolutionen rief es 1994 dazu auf, das "souveräne und multi-ethnische Bosnien-Herzegowina zu verteidigen", und erklärte, daß die westlichen imperialistischen Mächte "Waffen an die bosnischen Streitkräfte senden" sollten. Und in diesem Fall setzen sie ihre Worte in die Praxis um. Die VS-Unterstützer sind bei der sogenannten "International Workers Aid to Bosnia" die führende Kraft. Getarnt als internationale Arbeitersolidarität, ist dies eine Kampagne zur direkten materiellen Unterstützung einer bürgerlich- nationalistischen Regierung. Die "International Workers Aid" hielt zusammen mit bosnischen Regierungsbeamten im letzten Jahr in Genf sogar eine gemeinsame Pressekonferenz ab - eine Einheitsfront, wenn man so will. Noch eine Einheitsfront gefällig? Die rechte Regierung von Kroatien, von Franjo Tudjman - dies ist ein Mann, der die klerikal-faschistische Ustascha und den Nazi-Holocaust rechtfertigt - und, was hat er gemacht? Da gibt es eine andere Einheitsfront. Er erlaubte der International Workers Aid, im Adriahafen Split ein halboffizielles Büro aufzumachen. Denkt mal darüber nach. Behandeln faschistoide Regierungen revolutionäre Sozialisten normalerweise so? Riecht das nicht danach, daß etwas faul dran ist? Die Hauptstrategie des bosnischen nationalistischen Regimes besteht darin, 4en westlichen Imperialismus zur mi litärischen Intervention gegen die stärkeren serbischen Streitkräfte zu provozieren. Und die Anstrengungen des VS gehen in die gleiche Richtung, trotz seiner papiernen Opposition gegen eine militärische Intervention von außen. Tatsächlich prahlt International Viewpoint damit, daß seine Unterstützer LKW-Konvois unter dem Schutz der imperialistischen UN-Streitkräfte nach Bosnien gefahren haben. Ein Bericht lobt sogar "die echten Bemühungen vieler UN-Offiziere und -Soldaten, die uns geholfen haben". Hier hat man also nicht nur eine direkte Unterstützung für ein bürgerlich-nationalistisches Regime, sondern sogar direkte Appelle für militärische Aktionen seiner imperialistischen Sponsoren. Wie am Schluß von Mandels langer Präsentation recht klar wird, strebt das Vereinigte Sekretariat in der gegenwärtigen Periode danach, die internationale Sozialdemokratie zu sein, es hat sich in sie liquidiert und versucht sie aufzubauen, Und zu dieser Sozialdemokratie gehören jetzt die vielen exstalinistischen Parteien, die offen jeden An- spruch auf den Leninismus abgelegt haben. Tatsächlich bot sich Mandel 1991 in Moskau als Heiratsvermittler zwischen Michail Gorbatschow und Francois Mitterrand an. Und angesichts seiner jetzigen Vernarrtheit in die katholische Kirche würde er es zweifellos gerne sehen, wenn diese Hochzeit in, sagen wir mal, Notre-Dame abgehalten würde. [Gelächter aus dem Publikum] Nein, wirklich, wenn man Mandel liest ... ich bin verblüfft darüber, weil ich seine Reden und Artikel gelesen habe, und in fast allen ist ein Argument, daß sein Programm mit der katholischen Doktrin und Theologie zusammenpaßt. Ich meine; weiß Tariq Ali etwas, das wir nicht wissen? Bist du heimlich konvertiert? [Gelächter aus dem Publikum] Wie ihr sehen könnt, ist Mandel stolz auf die Arbeit seiner brasilianischen Genossen, die beim Aufbau der Arbeiterpartei [PT] in diesem Land die Besten sein wollen. Was heißt das in der Praxis? Es bedeutet, daß sie die Apparatschiks und Vollstrecker für den Chefbürokraten sind, für Lula. Die Arbeiterpartei ist eine sozialdemokratische Partei, die rasant nach rechts geht und bei den letzten Wahlen in einem typischen Volksfront-Block kandidierte. Lula erklärte sogar öffentlich seine Bereitschaft, sich an einer Regierung zu beteiligen mit seinem bürgerlichen Opponenten Fernando Henrique Cardoso, dem neoliberalen Kandidaten des IWF; und Mandel prahlt damit, daß sein Genosse in der Führung der deutschen Partei des Demokratischen Sozialismus ist, der exstalinistischen Sozialdemokraten, die mithalfen, die DDR an den westdeutschen Imperialismus auszuverkaufen. Er prahlt damit! Ich denke, daß die wirkliche Politik des Vereinigten Sekretariats vor ein paar Jahren sehr klar von unserem ehrenwerten Mit-Vorsitzenden Paul Le Blanc ausgedrückt wurde. Er schrieb zwar über Italien, aber ich meine, das läßt sich ebensogut auf die WeItsicht des VS allgemein anwenden. Ich werde es langsam lesen, weil jedes Wort ein Juwel ist. "Es könnte die Möglichkeit geben, eine antikapitalistische Partei der Arbeiterklasse aufzubauen, die den Kommunis mus bevorzugt, die in ihrer Mehrheit linksreformistisch ist, die aber einer revolutionären Strömung den Raum zum Agieren läßt." Oh, Linksreformisten, laßt uns bitte hinein, wir werden uns benehmen, wir werden brav sein. Eine reformistische Partei ist definitionsgemäß eine prokapitalistische Partei, eine konterrevolutionäre Partei, und sie ist dies ganz offen in jenen Momenten, wenn die Arbeiterklasse die bürgerliche Ordnung herausfordert und stört. Mandel und seine Gesinnungsgenossen hoffen, die allgemein bekannte, angesehene, anerkannte linke Strömung der Sozialdemokratie zu werden. Sie möchten zu gern die Genossen von erwiesenen Kriegsverbrechern wie Francois Mitterrand sein, von im perialistischen Kriegsverbrechern. Sie möchten zu gern die Genossen der Erben der Mörder von Luxemburg und Liebknecht sein, zu denen sich jetzt die Erben der Mörder von Trotzki gesellen. Nun, wir von der Internationalen Kommunistischen Liga haben einen anderen Weg eingeschlagen, den Weg, wie er von Leo Trotzki im Gründungsprogramm der Vierten Internationale dargelegt wurde. "Die Vierte Internationale erklärt der Bürokratie der II. und III. Internationale, der Internationale von Amsterdam und der Anarcho-syndikalistischen Internationale sowie ihren zentristischen Satelliten einen unversöhnlichen Krieg" - ich wiederhole: "einen unversöhnlichen Krieg". Unser Ziel ist die Wiederschmiedung der Vierten Internationale, die ein für allemal die Erben der Mörder von Luxemburg, Liebknecht und Trotzki politisch zerstören wird. Auszüge aus der Diskussion Nachstehend drucken wir vier repräsentative Redebeiträge aus der Diskussionsperiode der Debatte. Zwei der hier veröffentlichten Interventionen stammen von Unterstützern der Internationalen Kommunistischen Liga, die anderen bei den von Unterstützern des Vereinigten Sekretariats. Sprecher für die IKL, Jan Norden Die Politik Trotzkis, der Vierten Internationale, bestand darin, eine unabhängige revolutionäre Avantgarde gegen den Stalinismus und die Sozialdemokratie aufzubauen. Die Politik des Vereinigten Sekretariats besteht darin, jeder Art von antiproletarischen, nichtproletarischen und nichtrevolutionären Führungen hinterherzulaufen, weil man nicht glaubt, daß die Arbeiterklasse eine Revolution unter trotzkistischer Führung durchführen kann. In Lateinamerika heißt das, daß das Vereinigte Sekretariat sich in Kuba weigert, eine Sektion seiner eigenen Tendenz aufzubauen, weil es politisch das stalinistische Castro-Regime unterstützt. In Nicaragua weigerte sich das Vereinigte Sekretariat, eine Organisation seiner eigenen Tendenz aufzubauen, und nicht nur das; als einige seiner Unterstützer bei der Simon-Bolivar-Brigade in Nicaragua waren, wurden sie und nicaraguanische Unterstützer des Vereinigten Sekretariats von den Sandinistas verhaftet - und das Vereinigte Sekretariat billigte dies, weil ihr diese kleinbürgerliche nationalistische Formation politisch unterstützt habt. Die Vorzeigesektionen des Vereinigten Sekretariats in Lateinamerika sind angeblich Mexiko und Brasilien. In Mexiko hast du beim letzten Kongreß des Vereinigten Sekretariats gesagt, daß dies eine Partei sei, die in der revolutionären Linken die Hegemonie habe, daß dies eine Partei mit Masseneinfluß sei. Heute ist sie praktisch verschwunden. Ihre Zeitung ist seit Monaten nicht erschienen; ihre Mitgliedschaft hat sich in Luft aufgelöst; sie hat ihren hauptsächlichen Bauemführer verloren, weil er von der Regierung gekauft wurde, wie es auch bei einer Reihe ihrer anderen Führer der Fall war. Der Grund dafür ist, daß sie politisch ein Teil der Volksfront sind, geführt von Cuauhtemoc Cärdenas, einem bürgerlichen populistischen Kandidaten. Deine Tendenz, das Vereinigte Sekretariat, hat Cärdenas bei den letzten Wahlen unterstützt. Sie hat einen kapitalistischen Kandidaten unterstützt. Das ist das genaue Gegenteil von allem, wofür Lenin eingetreten ist, und von allem, wofür Marx und Engels eingetreten sind. Das bringt mich zu Brasilien. Nun, zu Brasilien hast du gesagt, daß die PT das großartige Beispiel in Lateinamerika sei - wo ihr eine großartige Arbeitermassenbewegung hättet. Und du sagst, daß ihr diese loyal aufgebaut habt. Aber als es dort Leute gab, die gegen das Volksfrontprogramm und gegen die Bildung der Volksfront durch Lulas Partei 1989 waren, bedeutete dies, daß diese Leute entfernt werden mußten. Sie wurden durch Lula entfernt; die PT-Stadtführung in Volta Redonda wurde von Lula unter direkte Aufsicht gestellt; und die Person, die sie dort als Vollstrecker hinschickten, war Joäo Machado, ein Führer der Strömung Sozialistische Demokratie, was die Gruppe des Vereinigten Sekretariats innerhalb der PT ist. Deine Vorstellung von sozialistischer Demokratie ist, hinzurennen und diejenigen zu säubern, die gegen die Volksfront sind, diejenigen, die auf ihre Art versucht haben, für das zu kämpfen, wofür Trotzki eingetreten ist, und das ist für die Klassenunabhängigkeit des Proletariats. Sprecher für das VS, Steve Bloom Ich würde gern ein Problem aufwerfen, das sich mit der Frage von marxistischer Methode beschäftigt. Die Spartacist-Strömung ist in den 60er Jahren entstanden, also gibt es sie seit etwa 30 Jahren, und sie behauptet, das revolutionäre Programm zu haben und die einzigen Anhänger der Methode von Trotzki, Lenin, Marx und Engels zu sein. Ich denke, man kann unbesorgt sagen, daß die grundlegenden Ansichten, die die Spartacist League heute hat, die uns vom Podium aus präsentiert wurden, sich in den letzten 30 Jahren nicht verändert haben; es sind im wesentlichen dieselben Ansichten, die die Spartakisten hatten, als ihre Strömung gebildet wurde. Zumindest habe ich nichts Neues gehört, und ich habe seit 30 Jahren zugehört. Tatsächlich denke ich, daß diese Strömung darauf stolz ist: "Seht, wie recht wir hatten". Und das war die allgemeine Herangehensweise heute abend. Ich würde gern einen Blick auf das Leben und die Ideen derjenigen werfen, denen die Spartakisten angeblich in ihrer Methode folgen. Kann irgend jemand in diesem Raum eine 3ojährige Periode im Leben von Lenin, Trotzki, Marx, Engels, Rosa Luxemburg oder irgendeinem anderen wichtigen Führer der revolutionären marxistischen Bewegung finden, in der sich ihre grundlegenden programmatischen Ideen kein Jota veränderten? Könnt ihr eine 2ojährige Periode oder auch nur eine 10-jährige Periode finden, an deren Ende sie jedes Wort bekräftigten, das sie am Anfang gesagt haben? Ich würde meinen, daß der Hauptpunkt für den Stolz der Spartakisten, ihr unerschütterliches Festhalten am Programm, in Wirklichkeit die klarste Verurteilung ihrer Methode ist. Die marxistische Methode verlangt Veränderung, Wachstum und Entwicklung. Das war historisch die Methode aller Marxisten. Sie ist das unvermeidliche Resultat wirklicher Bemühungen, die Welt zu verändern, wofür Kontakt mit der Welt und Kontakt mit der Massenbewegung erforderlich sind. Wir entdecken gewöhnlich Dinge, die wir vorher nicht wußten. Wir entdecken zwangsläufig, daß einige der Ideen, die wir hatten, als wir in den Kampf gingen, nicht richtig waren und verändert werden müssen. Dies hat unvermeidlich jeder Marxist - jeder ernsthafte Marxist - entdeckt; und jeder, der sich über diese Vorstellung lustig macht, verurteilt sich selbst. Ich denke, daß die Russische Revolution 1917 nur deshalb siegen konnte, weil Marxisten wie Lenin und Trotzki dieser Methode gefolgt sind. Beide mußten grundlegende Ideen verändern, die sie nur wenige Monate, bevor die Revolution stattfand, als wesentlich für ihre grundsätzlichen Programme betrachteten. Dies war eine Grundvoraussetzung dafür, daß die Revolution stattfinden konnte. So denke ich also, daß jede Strömung, die seit 30 Jahren die "richtigen Ideen" hatte und an ihrer eigenen Geschichte und Theorie nichts zu kritisieren oder zu korrigieren findet, sich zu Sterilität verdammt und durch genau diese Tatsache ihre eigene Behauptung widerlegt, der Methode des Marxismus und Trotzkismus zu folgen. Seymours Bemerkungen stellen daher eine Karikatur des Marxismus dar und nicht den authentischen Marxismus. Zum Glück haben die Spartakisten mit ihren Behauptungen, den echten Marxismus darzustellen, nicht sehr viele Leute täuschen können. Es ist sicher nicht überzeugend, uns zu erklären, wie die Spartakisten mit ihren Voraussagen von Katastrophen immer recht hatten. Ich hätte das auch tun können. Das ist leicht. Es ist leicht, eine Katastrophe vorauszusagen, denn angesichts der Kräfteverhältnisse in der Welt werden wir in den meisten Fällen, wenn die Arbeiter zu kämpfen an fangen, mit einer Katastrophe oder zumindest einer Niederlage enden. Bei dem existierenden Kräfteverhältnis ist es also recht einfach, dies vorauszusagen. Versteht bitte diese Einschränkung. Das Problem besteht darin, einen Weg zu den Massen zu finden und ein praktisches Programm zu formulieren, das versuchen kann, eine Katastrophe zu verhindern, das versuchen kann, die Basis aufzubauen - wenn nicht für einen Sieg heute - zumindest für einen Sieg morgen. Wir werden bei diesen Bemühungen nicht jedesmal erfolgreich sein, sogar meistens nicht. Aber wir können nur erfolgreich sein, indem wir diese Anstrengungen machen. An diesem Maßstab gemessen, an den wirklichen Bemühungen, den Arbeitern zu einer anderen Situation zu verhelfen, ist die Geschichte der Spartakisten viel kläglicher als die der Vierten Internationale. Sprecher für das VS, Paul Le Blanc Eine der schärfsten Kritiken des Genossen Seymour an Ernest Mandel ist, daß er am Leben ist. Nun könnte man die gleiche Kritik am Genossen Seymour üben. Wann auch immer jemand sagt: Arbeiter aller Länder, vereinigt euch, und das auch so meint, und versucht, dies an die Arbeiter heranzutragen, sollte man verstehen, daß es Leute geben wird, die in diesen Kämpfen verletzt und ermordet werden. Genosse Mandel war Teil des Widerstands. Genosse Mandel kam in ein Konzentrationslager und überlebte. Wir brauchen uns nicht gegenseitig zu beweisen, daß wir dem anderen um eine Nasenlänge voraus sind. Wir sind hier alle am Leben, und was wir zu tun haben, ist, darüber zu diskutieren, was jetzt zu tun ist. Am Anfang und am Ende und die ganze Präsentation vom Genossen Mandel hindurch wurde uns eine marxistische Analyse der Situation präsentiert, der wir gegenüber stehen, und eine strategische Orientierung für die Arbeiter und die Unterdrückten. Ihr stimmt vielleicht nicht mit der Analyse und der Orientierung überein, aber sie ist vorhanden, von Anfang an, durchgehend, bis zum Ende. Und es gab auch eine kurze Darstellung der praktischen Arbeit von Genossen der Vierten Internationale in der Arbeiterbewegung. Dies schien mir bei dem Genossen Seymour nicht der Fall zu sein. Ich bekam nicht den gleichen Eindruck von dieser Art von Analyse, strategischer Orientierung und praktischer Arbeit. Genosse Seymour griff ein Zitat von mir über den Aufbau einer Arbeiterpartei und eines revolutionären Flügels darin als Kritik auf - er kritisierte das, obwohl es auf Trotzki basiert, es basiert auf Cannon, es basiert auf Marx und Engels. Seymour: Wer? Wann? Le Blanc: Ich glaube, daß es so ist, Genosse. Der Aufbau einer Arbeiterpartei ist Teil des trotzkistischen Arsenals, und der Aufbau eines revolutionären Flügels innerhalb der Arbeiterbewegung und der Arbeiterpartei ist Teil unseres Arsenals. Du magst ja damit nicht übereinstimmen. Was mich an den Genossen der Spartacist League interessiert, ist: Was tut ihr? Was tut ihr tatsächlich? Auf welche Weise bietet ihr eine echte, authentische, praktische Orientierung bei den aktiven Kämpfen unserer Zeit? Ich habe gesehen, daß Genossen der Spartacist League einige nützliche Archivarbeit tun. Ihr habt ein sehr gutes Buch mit Cannons Schriften und Reden herausgebracht. Ihr wart an einigen Demonstrationen gegen den Ku Klux Klan beteiligt, das ist positiv gewesen. Aber was die Art von praktischer Arbeit betrifft, eine Arbeitermassenbewegung aufzubauen, die gewinnen kann - was tut ihr dafür? Es ist mir nicht klar, ob ihr darauf eine Antwort habt. Ich habe sie nie gehört, ich habe sie bestimmt nicht bei der Präsentation des Genossen Seymour gehört. Und ich denke, das wäre am nützlichsten, anstatt sich durch Dokumente zu wühlen, Dokumente zu zitieren; und daß wir uns, um in der Lage zu sein, entweder mit euch übereinzustimmen oder euch zu widerlegen, durch Dokumente wühlen müssen - und das ist wichtig, es hat seinen Wert. Aber wenn das alles ist, dann hat es keinen Wert. Was wir also tun müssen, ist, über die praktische Arbeit reden, was wir, die heute am Leben sind, jetzt und morgen und übermorgen tun müssen, und das wird die Diskussion voranbringen, denke ich, es wird die Diskussion weiter voranbringen als die Stoßrichtung von Genosse Seymours Präsentation. Sprecher für die IKL, Keith Anwar Im Vorraum liegt ein Buch zum Verkauf aus, das The Struggle Against Fascism in Germany [Der Kampf gegen den Faschismus in Deutschland] heißt. Das Vorwort, das voller Lob für die Ideen von Leo Trotzki und den Kampf gegen den Faschismus ist, wurde von Mandel geschrieben. Ich würde also gern mit der Frage an das Vereinigte Sekretariat anfangen, wo und wann genau das Vereinigte Sekretariat jemals versucht hat, Trotzkis Strategie des auf das Proletariat gestützten Kampfes gegen den Faschismus auszuführen? Ich bin Mitglied der Amalgamated Transit Union [Gewerkschaft für öffentlichen Nahverkehr] in Chicago. Im Januar 1994 organisierten wir an Martin Luther Kings Geburtstag die Arbeiter/Schwarzen-Mobilisierung gegen den Ku Klux Klan in Springfield, Illinois. Das Vereinigte Sekretariat war nicht dort. Zu dieser Mobilisierung gehörte auch der Kampf, die Nahverkehrsgewerkschaft dafür zu gewinnen, daß sie einen Bus hinschickt; diese hauptsächlich schwarzen Nahverkehrsarbeiter wurden in eine Arbeiterverteidigungsgruppe einbezogen, die erste, die sie je gesehen haben. Und dazu gehörte ein politischer Kampf in den Gewerkschaften, die in der sogenannten "Kriegszone" im Landesinneren von Illinois im Streik standen. Anscheinend meinen die Leute vom Vereinigten Sekretariat, daß wir den Führern dieser Kämpfe nicht genügend hinterherlaufen. Aber wir sind es, die unter diesen Arbeitern ein revolutionäres Programm aufstellen. Wir sind es, die zu Massenmobilisierungen und Streikpostenketten aufrufen, um die bestreikten Einrichtungen dicht zu machen und den Streikbruch zu stoppen; und mit der Niederlagenstrategie der "korporativen Kampagne" [Konsumentenboykott] zu brechen. Die Kräfte des Vereinigten Sekretariats in Illinois stecken bis über beide Ohren im Verrat der Gewerkschaftsbürokratie. Zum Kampf gegen den Faschismus. Was genau hat das Vereinigte Sekretariat getan? Während seiner Blütezeit bestand es im wesentlichen aus zwei politischen Richtungen. Einerseits hatte man die Ligue communiste in Frankreich mit ihrer Strategie von Studenten-Avantgardismus und abenteuerlichen Konfrontationen mit der Polizei. Und andererseits hatte man in den USA die Socialist Workers Party, die nach den Bundestruppen des kapitalistischen Staates rief, um rassistische Angriffe zu stoppen, während die SWP selber gleichzeitig mit dem Klan debattierte. In beiden Fällen spiegelte dies einen tiefgehenden Mangel an Vertrauen in die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse wider. In den späten 70er Jahren schlossen sich, wie schon diskutiert, das Vereinigte Sekretariat und alle seine Tendenzen de facto dem antisowjetischen Kreuzzug der Imperialisten an. Und der Mechanismus für diesen politischen Verrat war die Volksfront. 1981 unterstützten alle Flügel des Vereinigten Sekretariats die Wahl von Francois Mitterrand in Frankreich. Nach dieser Wahl bekamen die Faschisten in Frankreich im wesentlichen immer mehr Aufwind. Es waren die Genossen der Ligue trotskyste de France, die eine Einheitsfrontaktion mit einem Kern von 200 Arbeitern in Rouen gegen die Angriffe der Faschisten organisierten. Es war die Spartacist League hier in den Vereinigten Staaten, die in Washington, D. C. im November 1982 die Mobilisierung gegen den Klan organisierte, die den Klan stoppte. Und wo war das Vereinigte Sekretariat? Es war nirgends zu sehen. Schlußwort von Joseph Seymour Ich habe vier Verfälschungen unserer Position mitbekommen, zweimal von Mandel und zweimal von den Rednern. Es gibt möglicherweise noch mehr. Die Rednerin der Freedom Socialist Party sagt, daß wir uns nie an Einheitsfronten beteiligen - und ich will für die Kollegin Breitman ein bißchen später die Einheitsfront definieren -, wenn wir sie nicht initiieren und kontrollieren. Die Freedom Socialist Party ist seit jeher nicht dafür bekannt, eine besonders scharfsinnige Organisation zu sein, ich werde also die Rednerin nicht einer bewußten Fälschung beschuldigen. Aber wir können Dutzende von Einheitsfronten aufzeigen, an denen wir uns beteiligten. Zum Beispiel, was euch sicher sehr am Herzen liegen müßte, die Verteidigung von Abtreibungskliniken, die von liberalen Feministinnen organisiert wurde. Ein ums andere Mal waren wir dort. Der Redner der Bolshevik Tendency behauptete, wir hätten im August 1991 beim Kreml-Putsch und Jelzins Gegenputsch eine neutrale Position gehabt. Das stimmt nicht. Unsere Position war, daß die Arbeiter sich organisieren sollten, um die Jelzin-Barrikaden zu zerschlagen, weil Jelzin der Hauptagent der Konterrevolution war. Nun, Ernest Mandel, ich fordere dich öffentlich heraus, einen Nachweis zu liefern oder, wie wir auf unsere derbe amerikanische Art sagen, die Karten auf den Tisch zu legen oder den Mund zu halten! Finde irgend etwas, wo wir die Unterstützung der Lambertisten für die Gruppe von Messah Hadj gebilligt hätten! Finde es, lies es vor! Finde irgend etwas, wo wir dafür waren oder sagten, daß man den Sozialismus durch oder nach einem Atomkrieg aufbauen kann. Wir brachten vor drei oder vier Jahren sogar ein Bulletin heraus, Prometheus Research Series Nr.2, das ausdrücklich feststellte, daß ein Atomkrieg die Zivilisation zerstören würde, wenn nicht sogar die Menschheit. Aber was du meinst, ist wohl was anderes: daß wir die Atomwaffen in den Händen der sowjetischen und chinesischen bürokratisch degenerierten und deformierten Arbeiterstaaten selbstverständlich verteidigt haben. Denn wenn sie diese Atomwaffen nicht gehabt hätten, wären sie eingeäschert worden. Es hätte keine Vietnamesische Revolution gegeben, es hätte keine Kubanische Revolution gegeben. Korea wäre strahlenverseuchter Schutt. Und jeder, der das nicht wahr haben will, hat wirklich gewaltige Illusionen in den amerikanischen Imperialismus. Die Einheitsfront ist eine Aktion, sie ist kein Programm. Sie ist keine Partei, sie ist keine permanente Organisation, sie ist kein politischer Block; sie ist eine Aktion - Aktion. Vereint schlagen und getrennt marschieren. Wir "beteiligen uns nicht an Einheitsfronten, wir machen nichts, wir sind abstentionistisch" - das ist das Leitmotiv. Ein Genosse gab ein Beispiel, die Mobilisierung gegen den Klan in Springfield' wo sich nicht nur Gewerkschaften beteiligten, sondern sogar schwarze bürgerliche Politiker, denn wie wir alle wissen, können wir auch "mit dem Teufel und seiner Großmutter" eine Einheitsfront eingehen. Vor zwei Wochen - ich lebe in Kalifornien, in Oakland - beteiligte ich mich daran, die Nazi-Apologeten auseinanderzunehmen. Interessant ist, daß wir uns dies nicht als Verdienst anrechnen, es nahm eine Reihe von kleinen, vorgeblich trotzkistischen Organisationen daran teil. Wir initiierten die Sache, wir waren die Hauptkraft. Nun, es gibt in der [kalifornischen] Bay Area eine beträchtliche Gruppe des Vereinigten Sekretariats [Socialist Action] - man müßte sie eigentlich "Socialist Inaction" [Sozialistische Tatenlosigkeit] nennen. Was war mit ihr? Sie war nicht dabei. Wir hätten "mit der Arbeiterbewegung" nichts zu tun. Die meisten Leute wissen, daß es einen Mann namens Geronimo Pratt gibt, er war ein Führer der Black Panther Party. Er wurde das Opfer einer abgekarteten falschen An klage und ist jetzt wie lange im Gefängnis, 22 Jahre? 24 Jahre. Wir initiierten also einen Einheitsfrontprotest, um ihn freizubekommen, und dies wurde von der überwiegend aus Latinos bestehenden Gewerkschaft der öffentlichen Dienstleistungskräfte in Los Angeles unterstützt, die allgemein bekannt ist als Justice for Janitors [Gerechtigkeit für Reinigungspersonal]. Hört also mit dem Mist auf! Denn was ihr gegen uns habt, ist nicht, daß wir uns nicht an wirklichen Kämpfen beteiligen, ist nicht, daß wir uns nicht an Einheitsfronten beteiligen, ist nicht, daß wir nichts mit der Arbeiterbewegung zu tun haben. Was ihr gegen uns habt, ist, daß wir Rote sind, und was immer wir auch tun, wir sind als Rote bekannt! Nun, wie ich schon sagte, denke ich, daß Paul Le Blanc den Kern der VS-Politik viel besser ausgedrückt hat als Mandel, der die Dinge vernebelt. Und er sagte: "Nun, wir bauen eine Arbeiterpartei auf." Wir wissen alle, daß die Menschewiki und die Stalinisten eine Etappentheone der Revolution für rückständige Länder hatten. Aber hier haben wir es mit einer Etappentheone der Revolution für ein ent wickeltes kapitalistisches Land zu tun. Zuerst bauen wir eine reformistische Arbeiterpartei auf, dann drücken wir sie nach links. Nein. Zuerst einmal wird es in diesem Land keinerlei Arbeiterpartei geben, wenn es nicht stürmischen Klassen kampf gibt - Streiks, Proteste, eine gewaltige Radikalisierung. Denkt ihr, daß man eine Arbeitermassenpartei auf irgendeine blöde, lineare Art und Weise aufbauen kann? Die Bedingungen, unter denen eine Arbeitermassenpartei aufgebaut werden kann, werden notwendigerweise dieselben Bedingungen sein, die eine revolutionäre Partei ermöglichen. Wenn es eine Bewegung in Richtung einer Arbeiterpartei gibt, wird es in kurzer Zeit entweder eine revolutionäre Arbeiterpartei oder eine reformistische konterrevolutionäre Arbeiterpartei geben. Es wird nicht nach dieser Art von linearer, kautskyanischer Konzeption laufen: Ihr wißt schon, Tag für Tag bauen wir diese reformistische Arbeiterpartei auf, und eines Tages werden die Arbeiter Nein! Dies ist bestenfalls Kautskyanertum des 19. Jahrhunderts. Bestenfalls. "Wir haben Massen und Einfluß, wir haben Abgeordnete im brasilianischen ..." Gar nichts habt ihr! Ihr habt nichts! Mandel: Nichts! Null! Seymour: Laß mich reden! Weißt du, was ihr in Brasilien habt? Ihr habt einen Haufen Apparatschiks für Lula! Wenn Lula morgen sagen würde: "Lehnt die Vierte Internationale ab, lehnt den Trotzkismus ab, lehnt die Diktatur des Proletariats ab, oder ihr werdet ausgeschlossen", weißt du, was geschehen würde? Die Hälfte von euch würde ausgeschlossen werden, die andere Hälfte würde den Trotzkismus ab lehnen; die Leute, die ausgeschlossen würden ... [Mandel unterbricht an dieser Stelle minutenlang, bevor er abläßt.] Diejenigen, die den formalen Trotzkismus ablehnen, werden diejenigen, die ausgeschlossen werden, beschuldigen, ultralinke Sektierer zu sein, und diejenigen, die ausgeschlossen werden, werden die anderen beschuldigen, Opportunisten zu sein. Wenn man es also auf den Punkt bringt, dann heißt das ganze Zeug im Grunde genommen: "Okay, ihr Spartakisten, euch gibt es seit 30 Jahren, ihr habt 200 Leute in einem halben Dutzend oder einem Dutzend Länder. Womit protzt ihr dann also?" Das ist kein neues Argument in der trotzkistischen Bewegung. Das ist ein sehr altes Argument in der trotzkistischen Bewegung. Mitte der 3Oer Jahre [Mandel geht wieder minutenlang in die Luft. Schreiende Auseinandersetzungen zwischen den Rednern, dem Vorsitzenden und dem Publikum folgen.] Seymour: Ich möchte nicht die Sorte von Arbeiterstaat sehen, den du führen würdest. Mandel: Oder du! Es wird wie Rußland 1918 sein, genau wie Rußland 1918. Seymour: Mitte der 3Oer Jahre spaltete sich eine bedeutende Persönlichkeit in der französischen trotzkistischen Bewegung vorübergehend nach rechts ab. Er schrieb an Trotzki einen Brief, der sehr kritisch gegenüber der trotzkistischen Bewegung war, und Trotzki antwortete [Brief an das Politische Büro der GBL 13. Dezember 1935]: "Das gewichtigste Argument in dem Brief, nämlich: ,War um sind die Bolschewiki-Leninisten in Deutschland und in Frankreich schwach geblieben?', ist nichts anderes als ein Echo der zentristischen Einwände. ,Warum wurdet ihr von der stalinistischen Bürokratie, von der reaktionären Koalition in China usw. ... geschlagen?' Schon seit geraumer Zeit erklären wir die Gründe für diese Niederlagen, und wir haben niemals irgendwelche Wunder versprochen. Unsere internationale Arbeit begann erst 1929 - und zwar nicht auf jungfräulichem Gebiet, sondern auf einem Gebiet, das wimmelte von alten und mächtigen Organisationen so wie von neuen, verwirrten und oftmals verräterischen Organisationen, die den Anspruch erhoben, an unseren Prinzipien festzuhalten." Wißt ihr, wem Trotzki antwortete? Einem Mann namens Pierre Frank, der ein alter Genosse von Ernest Mandel war. Nun, auch unsere Tendenz hat nicht auf jungfräulichem politischen Gebiet angefangen und gearbeitet. Wir sind konfrontiert mit mächtigen stalinistischen und sozialdemokratischen Bürokratien, kleinbürgerlichen und bürgerlich- nationalistischen Bewegungen, und die meisten "Trotzkisten" und "revolutionären Marxisten" sind verräterische Opportunisten, für die Ernest Mandels Tendenz ein gutes Beispiel ist. Nun, ich glaube wirklich, daß die von Ernest Mandel geführte Tendenz einen Beitrag zum Aufbau einer revolutionären Bewegung leisten kann: Hört auf damit, euch als Trotzkisten auszugeben! Hört auf damit, euch als revolutionäre Marxisten auszugeben! Und sagt ehrlich, daß ihr linke Sozialdemokraten seid Mandel: Nein, nein, nein, wir sind Katholiken! Vorsitzender: Hör auf zu unterbrechen. Seymour: Na gut, wenn du es sagst Mandel: Wir sind Agenten des Papstes. Jeder weiß das! Seymour: Das Rednerpult gehört dir. Schlußwort von Ernest Mandel Ich muß ein Geständnis machen. Ich liebe es, vor feindlichem Publikum zu sprechen. Tatsächlich ist es so, daß ich seit über 60 Jahren dabei aufblühe. Und was heute abend hier passiert ist, macht mich sehr glücklich. Es bestätigt mir, daß die große Mehrheit der Leute hier - was ich vorher wußte - völlig irrelevant ist, völlig bedeutungs los, völlig ohne jeden Einfluß auf den wirklichen Prozeß der Weltrevolution, die das Thema unserer sogenannten Debatte ist. Also die einzige Sache, die ich euch sagen kann, ist: Wenn ich nur zu dieser Versammlung sprechen würde, würde ich nicht länger als drei Minuten reden. Die nützliche Sache ist, daß aus dieser Versammlung eine Broschüre her.- auskommen wird, ein schriftlicher Text kommen wird, den wir auf der ganzen Welt verteilen werden, einschließlich an eure Genossen, wo immer sie auftauchen, und sie ihnen sogar kostenlos geben, wir werden sie nicht verkaufen. Und was wir erwarten, und das erwarte ich sogar hier, sind zumindest zwei oder drei oder vier Genossen, die ein bißchen erschüttert sein werden - nicht überzeugt, natürlich werdet ihr nicht von einem "Verräter" überzeugt, aber ein bißchen erschüttert; die anfangen, mit ihrem eigenen Kopf zu denken, und sagen, na ja, vielleicht ist die unfehlbare Führung der Spartacist League letztlich nicht so unfehlbar. Vielleicht haben sie einige Punkte mißverstanden, vielleicht haben sie ganz geringfügig, ganz geringfügig den Verräter Mandel verfälscht, und laßt es uns überdenken. Wenn ich drei oder vier Leute hier in diesem Raum habe, die in diese Richtung denken, betrachte ich die Arbeit als nützlich. Da gibt es etwas Seltsames, wißt ihr, was diese Genossen der Spartacist League dem Publikum und sich selbst gegenüber werden erklären müssen. Sie schrieben mir fünf oder sechs Briefe mit den folgenden Worten: "Lieber Genosse Mandel"; unterschrieben mit: "Mit brüderlichen Grüßen", oder sogar "Mit besonders brüderlichen Grüßen". Was ist das? Ihr seid Brüder von einem Verräter? Meine Güte! Wie könnt ihr nur? Wie könnt ihr vor dem "mandelianischen Revisionismus" bis zu diesem Punkt kapitulieren - Brüder eines Verräters zu sein! Denkt also darüber nach, denkt darüber nach. Gelassen, gelassen, gelassen. Vielleicht ist nicht alles, was ich sagte, so verkehrt. Über die zwei Schlüsselfragen, die ich an die Genossen gestellt habe, und die keine kleinen Fragen sind - sie sind gewaltige Skandale, Verbrechen. Ich habe keine Antwort gehört, absolut keine wie auch immer geartete Antwort. Zur Frage der lambertistischen Operation zusammen mit dem französischen Imperialismus gegen die FLN. Dies wurde zu der Zeit gemacht, als die Genossen der Spartacist League Mitglieder des sogenannten Internationalen Komitees der Vierten Internationale waren. Sie haben nirgendwo auch nur einen einzigen Moment öffentlich Stellung bezogen, nirgendwo, gegen dieses Verbrechen, das vom soge nannten Internationalen Komitee der Vierten Internationale vertuscht worden ist. Zweitens, zur Frage der Atomwaffen. Was ich hier gehört habe, ist eine komplette Bestätigung von dem, was ich sagte. Eine totale Bestätigung! Die Genossen sagen: Wenn es keine russische Atombombe gegeben hätte, eine chinesische Atombombe, hätte der amerikanische Imperialismus Atom bomben geworfen auf Chi... Ja, ja, und wenn es einen Atomkrieg gegeben hätte, was wäre passiert? Wenn es einen Atomkrieg gegeben hätte, wäre die Menschheit verschwunden. Verschwunden! Im Atomstaub! Offen gesagt ziehe ich vor, ziehe ich vor, daß der amerikanische Imperialismus keine Atomwaffen benutzt, anstatt die Menschheit zu zerstören! Für mich hat die [Frage der] Zerstörung der Menschheit als Ziel Vorrang vor jeder anderen Überlegung. Und ich würde gerne von den Genossen der Spartacist League eine Antwort auf dieses Argument hören. Nun, zu einer Reihe von Fakten. Ich meine, es ist schwierig, mit Ignoranz zu diskutieren. Ich habe hier die Ansicht gehört, daß Substitutionalismus irgendwie ein kleinbürgerliches oder weiß der Himmel was für ein Konzept ist. Aber wie könnt ihr die historische Wahrheit verleugnen, daß der Autor der Idee des Substitutionalismus der Genosse Leo Trotzki war? Ihr wollt, daß ich zitiere, ihr wollt, daß ich die Zitate dazu drucke? Es ist ein absoluter, historisch bekannter Fakt. Ich sage, ich sehe diese Zuhörerschaft als größtenteils irrelevant an. Andernfalls wäre da ein Punkt, über den ich ein bißchen ungehalten werden würde. Wenn ich hier Leute sagen höre, daß wir kleinbürgerliche Repräsentanten der Mittelklasse mit kleinbürgerlichen Auffassungen der Mittelklasse sind. Dies ist eine Beleidigung für Tausende und Abertausende unserer Gewerkschaftsmilitanten auf der ganzen Welt! Versucht zu leugnen, daß sie existieren! Ihr sagt, daß sie verräterisch sind, dieses und jenes, aber das ist nicht, worüber ich rede. Ich sagte, daß sie existieren, daß sie Streiks geführt haben, daß sie die Rechte der Arbeiter verteidigt haben. Versucht, das Gegenteil zu beweisen. zum Inhaltsverzeichnis